Specialized Stumpjumper EVO Einzeltest – Vor ein paar Monaten hatte mir Specialized das Stumjumper ST zum Test zur Verfügung gestellt. Unterm Strich war ich begeistert von dem leichten, schnellen und verspielten Trailbike. Jedoch hatte ich in meinem Artikel erwähnt, dass man Abstriche in der Bergab-Performance durch die verbauten Bremsen und die etwas hinterherhinkende Fox 34 bei diesem wieselflinken Trailbike in Kauf nehmen muss. Als Reaktion darauf bot mir Specialized den großen Bruder des Stumpjumper ST mit den Worten „… dann probiere doch mal das EVO!“ zum Test an. Gesagt getan, ein paar Wochen später klingelte es an der Tür und ich konnte mich auf ein paar schnelle Ausfahrten mit dem Stumpjumper EVO Expert in Rahmengröße S5 freuen.

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Aus der Ferne betrachtet lässt sich die Verwandtschaft zum Stumpjumper ST nicht leugnen.

Specialized Stumpjumper EVO – Übersicht

Aus der Ferne betrachtet, lässt sich das Stumpjumper EVO Expert nur durch die etwas mattere Lackierung von der kurzhubigeren Variante unterscheiden. Sowohl der Rahmen als auch die Komponenten sind in schlichtem schwarz gehalten. Die Federelemente von Fox in der Performance Elite Version passen hervorragend zu dem in Klarlack gehüllten Carbon-Rahmen. Der Lack ermöglicht einen unverstellten Blick auf die darunterliegenden Carbon-Schichten. Specialized verzichtet auf ein Carbon-Finish für eine marklose Erscheinung und setzt auf volle Transparenz auf die einzeln verlegte Carbonmatten. Mir hat es dennoch gefallen, obwohl sich auch andere Stimmen während des Testzeitraums zu Wort gemeldet haben.

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die Fox Performance Elite passt nicht nur farblich, sondern besticht auch durch hervorragende Leistung.

Tritt man nun ein paar Schritte näher an das Gefährt in Schwarz heran, werden doch deutliche Unterschiede sichtbar. Im direkten Vergleich zum Stumpjumper ST ist das EVO in jeglicher Hinsicht massiger dimensioniert. Neben der aktuellen Fox 36 Performance Elite mit dickeren Standrohren und dem Fox DPX2 mit Ausgleichbehälter, ist das vordere Rahmendreieck deutlich bulliger ausgelegt. Vor allem durch das breitere Oberrohr bekommt man direkt das Gefühl, dass dieses Bike für ordentlich Rambazamba zu haben ist. Dem altbewährten asymmetrischen Rahmendesign bleibt Specialized weiterhin treu.

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Das asymetrische Rahmendesign bleibt bestehen. Der Klarlack macht den Blick frei auf die Carbonmatten.

Aber nochmal zurück zu den beanstandeten Komponenten aus dem Stumpjumper ST. Anstatt der am ST verbauten SRAM G2 kommt am EVO die bissfeste SRAM Code RS zum Einsatz, die Fox 34 muss einer Fox 36 Performance Elite weichen und bei der Bereifung greift Specialized auf das Gravity Segment zurück und verbaut einen Specialized Butcher vorne, sowie einen Specialized Eliminator am Hinterrad. Beide Reifen kommen mit Gripton Mischung und GRID TRAIL Karkasse. Diese Komponenten lassen mein Enduro-Herz höherschlagen und ich kann es kaum erwarten mich auf den Sattel zu schwingen.

Aber zunächst will das Rad ordentlich eingestellt werden. Hier bietet das Bike einige Möglichkeiten.

Als ersten Schritt habe ich den Suspension-Kalkulator für das Basis Setup von Dämpfer und Gabel herangezogen. Mit dem für die Rahmengröße, meine Körpergröße und mein Gewicht vorgeschlagenen Werte für Luftdruck in den Federelemente war ich sehr zufrieden. Gefehlt hat mir ein Vorschlag, welche bzw. wie viele Volumenspacer in die Federelemente zu verbauen sind. Dies ist natürlich stark abhängig von Fahrkönnen und persönlichen Vorlieben, nichtsdestotrotz wäre eine erste Indikation oder zumindestens eine Angabe über die aktuell verbauten Volumenspacer hilfreich. Schließlich habe ich einen zusätzlichen Volumenspacer in der Gabel verbaut. Für meine Belange funktioniert die Fox 36 mit 2 Volumenspacer einfach am besten. Des Weiteren fehlt eine Angabe zu der Druckstufeneinstellung des DPX2 Dämpfers, aber auch das ließ sich durch etwas Rumprobieren lösen.

Als nächstes musste ich mich nicht nur für die hohe oder tiefe Tretlagereinstellung (Flipchip) am Horst-Link entscheiden, sondern auch für einen der drei möglichen Lenkwinkeleinstellungen. Hier half Specialized mit Empfehlungen aus dem Geometrie-Finder auf der Homepage aus. Die Entscheidung fiel auf die von Specialized wie folgt beschriebene Einstellung: „Für verschiedenste Trails. Komfortabel bei hoher Geschwindigkeit, aber wendig genug für Trails, auf denen du mit niedriger Geschwindigkeit unterwegs bist. Ein guter Ausgangspunkt.“ Das heißt: mittlere Einstellung am Lenkwinkel (Lenkwinkel: immerhin 64,5°) und hohe Einstellung am Horst-Llink (Tretlagerhöhe: 340 mm). Übrigens ist der Umbau sowohl am Horst-Link als auch am Steuerrohr innerhalb von wenigen Minuten und ohne Spezialwerkzeug machbar. Beispielsweise werden die Lagerschalen am Steuersatz nur in den Rahmen gelegt. Hier ist kein Einpresswerkzeug notwendig.

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Der Geometrie-Finder von Specialized hilft den Überblick über alle Geometrie-Optionen zu behalten.
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Die Lagerschalen vom Steuersatz lassen sich ohne Spezialwerkzeug tauschen.

Specialized Stumpjumper EVO – Auf dem Trail

Nun aber endlich raus in den Wald und naturgemäß erstmal den Berg hoch. Die Sitzposition auf dem Stumpjumper EVO ist etwas entspannter als auf dem ST. Dies liegt sowohl an dem etwas steileren Sitzwinkel (77°), als auch an dem recht flachen Lenkwinkel, die den Abstand zwischen Sattel und Lenker etwas schrumpfen lassen. Dieses entspannte Gefühl liegt aber auch am höheren Stack (644 mm plus 2 cm Spacer), der für eine aufrechtere Sitzposition sorgt. So tritt sich das Stumpjumper etwas behäbiger aber immer noch sehr angenehm den Berg hinauf.

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Der antriebsneutrale Hinterbau ermöglicht viele Höhenmeter.

Auch die steilen Anstiege verlieren durch die mitwachsenden Kettenstreben ihren Schrecken. Die Kettenstrebe des Stumpjumper EVO ab der Rahmengröße S5 ist mit 448 mm immerhin 10 mm länger als bei den Rahmengrößen S1-4 und sorg damit auch bei weit herausgezogener Sattelstütze für viel Druck auf dem Vorderrad. Natürlich wird, je flacher man den Lenkwinkel wählt, das Bike in engen Kurven immer kippeliger und technische Uphills mit engeren Kurven machen mit 63,5° Lenkwinkel deutlich weniger Spaß. Aber in meiner aktuell gewählten (s. o.) und schließlich favorisierten Einstellung, hatte ich damit kein Problem und muss auch keine Pedalaufsetzer verzeichnen. Im Uphill fühlt sich das Stumpjumper sehr antriebsneutral an. Der Hinterbau ist angenehm straff, und sackt auch unter starker Belastung kaum in den Sag. Durch den sehr unauffälligen, straffen Hinterbau habe ich ehrlich gesagt keine überragende Downhillperformance erwartet.

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Technischere Anstiege werden in der flachen Einstellung zur Herausforderung.

Oben angekommen – einen kleinen Schluck aus der Trinkflasche, für die Specialized ja ab Werk einen Flaschenhalter inklusive des SWAT-Tools bereithält. Dämpfer öffnen ist obsolet, da ich vom Lock-out bei Auffahrten kaum Gebrauch gemacht habe. Also Kette rechts und Gas geben.

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Das Stumpjumper EVO motiviert die Bremsen offen zu lassen.

Ich glaube mein erster Kommentar zum Stumpjumper EVO in unser Redaktion-WhatsApp-Gruppe war: „Leck mich am … ist das Ding schnell!“. Dieser Eindruck hat sich über den gesamten Testzeitraum nicht widerlegen lassen.

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Die Bremsen und sonstige Komponenten verstärken das Sicherheitsgefühl.

Der erste Eindruck des straffen und effizienten Hinterbaus hat mich getrogen, denn der Hinterbau gibt genau dann Federweg frei, wenn man ihn braucht. Bei schnellen, ruppigen Passagen schluckt das Bike immer besser, je schneller man es den Trail runter jagt. Dies vermittelt sehr viel Sicherheit und ich habe immer mal wieder meine Limits auf dem Bike neu ausgelotet. Die Komponenten halten zum Glück für brenzlige Situationen genügend Reserven bereit, sodass unvorhergesehene Hindernisse nicht unmittelbar in der Notaufnahme enden.

Die Fox 36 Performance Elite steht auch in steilsten Sektionen angenehm hoch im Federweg, sodass ich immer die Kontrolle über das Bike hatte. Ohne mit dem Körpergewicht zu weit über das Hinterrad wandern zu müssen, konnte ich auch in schwierigen, steilen Sektionen das Bike immer aktiv fahren. Trotz des langen Radstandes (1296 mm) des S5 Rahmens sind daher Richtungswechsel, eingeleitet über das Vorderrad, und das kontrollierte Aussteuern der Kurve über beide Räder möglich. Ich war immer Pilot und nie Passagier. Das hat dann auch mal einen Scandinavian Flick in bisher ungeahntem Gelände möglich gemacht.

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Technische Sektionen machen auch mit dem S5 Rahmen Spaß.

Ich habe aber gemerkt, dass für gewagte Manöver mit dem Stumpjumper EVO auch eine ordentliche Portion Kraft benötigt wird. Trotz der guten Balance musste ich das Bike in offenen Kurven sehr aktiv auf die Außenstollen drücken, um ein Aufstellen in der Kurve zu verhindern. Da macht sich dann doch der lange Rahmen oder die fehlende Kraft bemerkbar.

Apropos Balance: Mit allen Specialized Rädern die ich bisher gefahren bin (und so auch mit dem Stumpjumper EVO), konnte ich sowohl im Wheelie als auch im Manual fahren. Und das mag was heißen, denn vor der Eisdiele kann ich normalerweise kaum mit coolen Tricks beeindrucken. Ich führe diese ungeahnte Grazie zum einen auf die gute Balance des Rades und zum anderen auf den sehr berechenbaren Hinterbau zurück. Diese Eigenschaften machen sich zum Glück nicht nur gut vor der Eisdiele, sondern auch da, wo das Stumpjumper EVO hingehört – auf die schnellsten Trails dieser Erde.

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Ein wenig Kraft braucht man schon, um das Bike auf Spur zu halten. Lag aber oft auch einfach an der Geschwindigkeit.

Insbesondere als ich die extrem flache (63,5° Lenkwinkel) und tiefe Einstellung (331 mm Tretlagerhöhe) des Stumjumper EVO’s gewählt habe, musste ich mir auch die vom Specialized Geometrie-Finder empfohlenen „…steilen, schnellen und wenig verblockten Trails“ suchen, um das „stabilste Lenkverhalten bei hohen Geschwindigkeiten…“ auf Herz und Nieren testen zu können. Zum Glück habe ich den ein oder anderen Trail dieser Art vor meiner Haustür und ich sage euch, das Bike ist so noch schneller. Durch den flachen Lenkwinkel nimmt die Gabel nochmal deutlich beeindruckender Schläge von vorne auf und der tiefe Schwerpunkt zwingt einen in Vollgasposition.

Leider gehen auch die Trails vor meiner Haustür nicht ausnahmslos geradeaus und steil Bergab. So viel Spaß ich auf den schnellen Sektionen in der tiefen, flachen Einstellung hatte, so offensichtlicher wurde es, dass das Bike in dieser extremen Einstellung nicht sehr kompromissbereit ist. So wurden flache Trails, bei denen ich das Rad mal über die ein oder andere Wurzel lupfen musste zur heiklen Angelegenheit. In diesen Situationen fehlte dann doch der Druck für den nötigen Popp auf dem Vorderrad.

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Das Stumjumper EVO liegt super stabil in der Luft, nur der Sattel stört und könnte etwas niedriger sein.

Ein Manko bleibt jedoch auch beim Stumpjumper EVO bestehen. Specialized verbaut zwar je nach Rahmengröße aufsteigend Sattelstützen mit längerem Hub, doch gerade bei den Rahmengrößen S4 und S5 wird die gleiche Sattelstütze mit 175 mm Hub verbaut. Erst ab der Rahmengröße S6 wird die X-Fusion Manic mit 190 mm Hub verbaut. Die 190 mm Hub hätte ich mir insbesondere bei größeren Sprüngen gewünscht. Hier war mir beim Querlegen des Bikes immer der Sattel im Weg. Zum Glück ist das SWAT-Tool immer griffbereit, um die Sattelstütze weitere 2 cm im Sattelrohr verschwinden zu lassen.

Fazit:

Specialized ist mit dem Stumjumper EVO ein ganz großer Wurf gelungen. Das Bike kommt ganz nah an meine Definition eines Bikes für alle Lebenslagen heran. Das Bike mit FSR Hinterbau und klassischen Horst-Link lässt sich hervorragend den Berg hinauftreten und bietet in der hohen Tretlager- und mittleren Lenkwinkeleinstellung die perfekte Geometrie für die Hausrunde. Muss es dann mal ein wenig mehr sein, wie beispielsweise während eines Urlaubs in alpinen Bikeparks, lässt sich die Geometrie auf schnellste und steilste Bedingungen im Handumdrehen tunen. Das macht es zwar immer noch nicht zu einem  Downhillrad mit massig Reserven, aber nichtsdestotrotz verdammt schnell. Schließlich lässt die Expert-Ausstattungsvariante keine Wünsche rational denkender Enduro Piloten offen. Schlicht, schwarz und ohne goldenen Prunk, aber voll auf Performance getrimmt. Jetzt noch eine Sattelstütze mit mehr Hub und es wäre ganz nah dran am perfekten Bike.


Text: Moritz Wester
Fotos: Patrick Frech
Redaktion: Robin Krings
Weitere Informationen: specialized.com

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