Das Slide ist mittlerweile fester Bestandteil der Radon-Flotte. Für die Saison 2020 wurde das Modell überarbeitet, hat aktuelle Komponenten und ein schnittiges Design verpasst bekommen. Wir haben das Carbon-Trailbike in seiner günstigsten Ausführung, das für knapp 2.500 € über den Online-Ladentisch geht für einen ausführlichen Test zur Verfügung gestellt bekommen. Die Frage, ob sich hinter dem Slide das perfekte Allround-Bike zum perfekten Preis-Leistungs-Verhältnis verbirgt, möchten wir euch im folgenden Test beantworten.

Radon bewirbt das Slide als das Modell in ihrem Portfolio mit dem breitesten Einsatzspektrum. Das Bike soll dabei alles mitmachen von ambitionierten Touren bis hin zu leichtem Enduro-Einsatz. Selbst beim Ultra-Endurorennen „Enduro Epic“ soll laut Radon das Bike eine gute Figur machen, was den einen oder anderen in der Redaktion hellhörig macht und sofort die leidvollen Erinnerungen an diese Superlative von Endurorennen präsent macht. Eine ausgewogene Geometrie mit ein paar netten Features soll aber das Radon Slide Trail hierfür zur perfekten Allzweck-Waffe machen und schnelle Abfahrten und leichtgängige Auffahrten ermöglichen.

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Flinke Allzweckwaffe für den Trail zum attraktiven Preis – Das Radon Slide Trail kann viel und kostet dafür wenig.

Geometrie und Rahmen

Optisch kann das Slide mit seinen klaren Kanten und Linien im Rahmendesign seine Verwandtschaft zu seinem großen 650b-Bruder, dem JAB, nur sehr schwer verbergen. Das kantige Design zusammen mit dem schiffsbug-ähnlichen Steuerrohr des Carbon-Hauptrahmens ist und bleibt dabei persönliche Geschmackssache.

Aber auch technisch trägt das 29er Slide Trail einige Gene seines Bruders, wie zum Beispiel der Flip-Chip. Integriert in den Umlenkhebel des Dämpfers ermöglicht dieser den Sitz- und Lenkwinkel um 1° zu verändern. Das Setup mit den flacheren Winkeln macht dann Sinn, wenn der Einsatz oder die eigenen Vorlieben das Trailbike mit mehr abfahrtsorientierten Genen versehen soll. Hier verpasst der Fahrer dem Slide Trail einen flachen Lenkwinkel von 65,6 ° und einen Sitzwinkel von 75,5 °. Wem das zu flach ist, der kann den Flip-Chip in die „BB High“-Position montieren und dabei  beide Winkel zu 66,6 ° an der Front und steilen 76,5 ° unter dem Sattel erhöhen. Aus der Erhöhung der beiden Winkel durch den Flip-Chip erhöht sich ebenfalls die Tretlager-Höhe um 14 mm gegenüber der „BB Low“-Position. Ein Feature, dessen Nutzen wir im Testverlauf uns ebenfalls angesehen haben.

Bezogen auf die uns zur Verfügung stehende Rahmengröße 20“ (vergleichbar mit Rahmengröße L) vermittelt das 29er Trailbike mit 183 cm Körpergröße beim Aufsitzen einen eher langen Eindruck. Mit dem Blick auf dem im Datenblatt vermerkten Reach von 464 mm und einem Stack von 623 mm wird klar, dass diese Geometriewerte durchaus unauffällig zum Mittelfeld für große Trailbikes gehören.

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Der Carbon-Hauptrahmen ist durch einen Gummischutz bestens gegen Steinschläge am Unterrohr geschützt.

 

Geometriedaten im Überblick

 

Fahrwerk

An der Front des Slide ist eine RockShox Revelation RC verbaut.  Die mit einer DebonAir™-Federeinheit ausgestattete 150-mm-Federgabel verfügt über die einfache aber bewährte Motion-Control-Dämpfung, die eine individuelle Einstellung der Low-Speed Druckstufe und der Zugstufe ermöglicht. Die Low-Speed Druckstufe lässt sich dabei bis nahezu zum „Lockout“ schließen. Selbstverständlich kann der Fahrer auch am Rebound die Ausfedergeschwindigkeit der Gabel auf seine Bedürfnisse einstellen.

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Robuste Federgabeltechnik und ordentliche Bremspower am Slide Trail 8.0

Im Alu-Hinterbau arbeitet ein Deluxe Select+ ebenfalls von RockShox und stellt dabei 140 mm Federweg zur Verfügung. Wie in der Gabel enthält auch der Deluxe Select+ die Federtechnologie DebonAir™. Einstellungen an dem Dämpfer kann der Fahrer am Zugstufe-Verhalten vornehmen und zwischen offener Druckstufe und geschlossen wählen.

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Schläge von unten in den Alu-Hinterbau federt der RockShox Deluxe Select+ ab.

Beide Federelemente bieten somit dem Fahrer keinen Schnickschnack an Einstellungsmöglichkeiten, sondern nur das Wesentliche. Dies hat je nach eigenen Ansprüchen und Vorlieben den Vorteil nicht viel Zeit und Kenntnisse zur Abstimmung des Fahrwerks vorhalten zu müssen, kann dem ambitionierten Trailbiker aber auch durchaus zu wenig sein, seine eigenen Vorlieben auf das Fahrwerk zu übertragen.

 

Antrieb und Bremsen

Für Vortrieb sorgt in der Ausstattungsvariante 8.0 ein bunter Mix aus SRAM Eagle Komponenten: das vom NX-Schalthebel bediente GX-Schaltwerk schubst die schmale SX-Kette über die NX-Kassette. Letztere befindet sich auf einem Standardfreilaufkörper, weshalb auch anders als bei den GX und X01-Geschwistern das kleinste Ritzel 11 und nicht 10 Zähne besitzt. Dadurch steht dem Fahrer im Radon Slide Trail 8.0 ein maximales Übersetzungsverhältnis von 454 % zur Verfügung. Radon verpasst dem Bike auch gleich werksseitig ein Kettenblatt mit 30 Zähnen, was zum Kurbeln durch steilere Passagen Gefallen findet. Um selbst bei heftigem Gepolter die Kette an Ort und Stelle zu halten, ist das Slide Trail 8.0 auch mit einer Kettenführung von MRP ausgestattet.

Gebremst wird am Slide mittels der schwäbischen Stopper MT5 von Magura. Ausgestattet mit einer 203 mm großen Bremsscheibe vorne und eine 180 mm Bremsscheibe hinten stehen so auf dem Papier genug Power und Reserven für Einsätze unterschiedlichster Art zur Verfügung.

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Die schwarze Magura MT5-Bremsanlage passt nicht nur in das Farbkonzept des Silde Trail 8.0 sondern auch zu seinem Einsatzgebiet.

 

Laufräder und Bereifung

Am Slide dreht sich mit dem M1900 Spline 29 einer der Allround Laufradsätze von DT-Swiss. Radon verbaut die 29-Zoll-Räder gleich in der breiten Ausführung mit 30 mm Maulweite, selbstverständlich in Boost-Ausführung.

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Allround-Laufradsatz trifft auf…

Zu uns kam das Radon-Slide sogar direkt aus dem Radon-Karton mit tubeless montierter Maxxis Minion Bereifung. Die bewährten Geschwister Minion DHF in der Version 29“ x 2,5“ und Minion DHR in 29“ x 2,4“ sorgen so für Harmonie an Vorder- und Hinterrad. Beide Reifen sind entsprechend dem Einsatzspektrum mit Karkassen der Maxxis-Technologie „EXO Protection“ ausgestattet.

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… Allround-Trockenbereifung aus dem Hause Maxxis in markanter Skinwall-Optik.

 

Auf (und neben) dem Trail

Ähnlich dem Pokerspiel, wo man zunehmend seinen Einsatz erhöht und am Ende früher oder später tatsächlich „die Hosen herunterlassen“ muss, gleicht dieser Abschnitt immer diesem Moment der Wahrheit, wo wir versuchen ehrlich und so weit wie möglich objektiv unseren Eindruck auf dem Trail von einem Bike zu vermitteln. Dabei wäre es auch beim Radon Slide Trail unser Anspruch gewesen, euch die Möglichkeiten aber auch Grenzen des Testkandidaten aufzuzeigen. Leider ist uns dies in diesen besonderen Zeiten nicht in vollem Umfang möglich gewesen, ohne das potenzielle Verletzungsrisiko und die Mobilitätseinschränkungen zu beachten. Wir haben daher versucht dem Radon Slide Trail größtenteils auf den breiten und schmalen Trails hinter unserer Haustüre im hügeligen Schwabenland bestmöglich auf den Zahn zu fühlen.

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Direkt hinter der Haustür findet sich für’s Home-Office das richtige Terrain.

Zum Glück soll sich das Radon Slide Trail genau in so einem „durchschnittlichen“ Terrain wohl fühlen. Daher sind hierfür schnell die perfekten kleinen, aber knackigen Anstiege sowie kurzen aber schnellen Abfahrten gefunden, die dem Slide auch sehr gut liegen. In der Ebene und auch bergauf generiert die angenehm zentrale Sitzposition ordentlich Vortrieb – selbst in der „Low“-Position des Flip-Chips. Der Antrieb hält dem Fahrer ein ausreichendes Spektrum an Übersetzungsverhältnissen und durch sein knackiges Schaltverhalten stets den richtigen Gang parat. Selbst in den sehr steilen Anstiegen unserer Home-Office-Mittagsrunden sind wir selten an das Limit des Antriebs oder der Geometrie gekommen. Lediglich in steilen engen Trail-Spitzkehren bergauf kommt dem Fahrer das Vorderrad etwas entgegen und man hat Mühe das 29er Trailschiff durch die engen Trail-Linien zu manövrieren.

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Wenn’s steil wird mag das Slide Trail ein wenig mehr Druck auf dem Vorderrad.

Bergauf sorgen die Stollen des Maxxis-Hinterreifens auf halbtrockenem bis trocknem Untergrund für einen erstaunlichen Grip. Mit vorne und hinten eingestellten 25 % SAG verrichtet auch das Fahrwerk einen guten Job, ohne dabei spürbar zu wippen. Es federt die meisten Unebenheiten wie Wurzeln und Steine angenehm ab. Zwar tendiert die Revelation dazu hier etwas unsensibel zu sein, was sich aber bei kleinen Schlägen nicht merklich negativ auswirkt und man sich schnell daran gewöhnt. Nur wenn man im Wiegetritt das Slide den Berg pedalierend hinaufdrücken möchte, sollte der Fahrer besser jeweils den Hebel der Dämpfung an Gabel und Dämpfer auf „geschlossen“ drehen, um nicht durch das Wippen des Fahrwerks seekrank zu werden. Sind die Federelemente zu, zieht das Slide auf Asphalt aber dann umso mehr nach vorne ab.

Die kurzen Abfahrten unserer Home-Office Trails gefallen dem Radon Slide sofort und ohne Einschränkungen. In geraden Abfahrten mit gelegentlichen Wurzelteppichen lässt lediglich die Vernunft hin und wieder die Power der MT5-Bremsen die virtuelle Tachonadel nach unten sinken. Die Kanten einzelner Wurzeln lassen dabei das Slide Trail mit Leichtigkeit für einen kurzen Moment in die Luft ziehen.

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Ein wenig Airtime auf dem Home-Trail mit dem Slide Trail? – Ja bitte! Das Slide Trail bereitet nicht nur bergauf Spaß.

Woran sich das Radon Slide Trail anfangs ein wenig gewöhnen muss sind engere Kurven, in die das steife 29er Carbon-Bike mit ein wenig Nachdruck hineingedrückt werden will. Sobald Fahrer und Bike sich hier über die Feinabstimmung einig sind, gelingt das Hin- und Her-Wedeln bei schnellen Kurvenwechseln mit einem immer breiteren Grinsen.

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Schnell findet man heraus wie man das Slide mit seinen großen Rädern in schnelle Richtungswechsel drückt.

Sehr ähnlich zu einem renntauglichen Endurobike verhält sich das Carbon-Bike selbst in ruppigeren Passagen sehr steif und bleibt der gewählten Linie erstaunlich treu. Angesichts des attraktiven Preises für einen Carbon-Allrounder werden auch die damit verbundenen Ansprüche an das Fahrwerk bergab durchaus erfüllt und durch das angenehm smoothe Federverhalten des Hinterbaus sogar ein wenig übertroffen. Selbst in kurzen mit kleineren Absätzen bespickten Trail-Abschnitten hat der Fahrer stets genug Komfort aber auch genug Rückmeldung vom Untergrund. Wie beim JAB sind uns in den ruppigen Passagen lediglich die für mittelgroße Hände etwas unangenehmen kleinen SDG-Griffe negativ aufgefallen.

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Die im Slide Trail 8.0 verbaute Revelation kommt dabei schneller an ihre Grenzen als dessen Hinterbau.

Wir haben uns wie beim JAB auch das Slide mit Flip-Chip in der „BB High“-Position auf dem Trail angesehen. Anders als beim JAB merken wir hier jedoch sehr deutlich die höhere Position des Tretlagers. Zusammen mit dem steileren Lenkwinkel fühlt sich das Slide Trail auf den identischen Trail-Abschnitten im Gegensatz zur „BB-Low“-Position nervöser und instabiler an. Zudem benötigt der Dämpfer ein neues Setup, da sich der Hinterbau deutlich progressiver in der „BB-High“-Position verhält. Bergauf merkt man zwar ein wenig die etwas erhöhte Effizienz bei Treten durch den steileren Sitzwinkel und eine geringe Vorliebe des Vorderrads in die Höhe zu steigen, jedoch haben wir während des gesamten Testzeitraums die „BB-Low“-Position zugunsten der sehr guten Abfahrts-Eigenschaften am Slide Trail eindeutig vorgezogen.

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Der flache Lenkwinkel und das niedrige Tretlager finden Gefallen bei uns.

 

Fazit

Das Radon Slide Trail kann alles was der Home-Office-Trail zu bieten hat und lässt vermuten, dass es darüber hinaus auch noch vieles mehr kann. Wer Steifigkeit, Allround-Kapazitäten und bewährte Technik zu einem dafür attraktiven Preis bekommen möchte, findet im Radon Slide Trail 8.0 sicherlich einen heißen Kandidaten. Für die lockere Feierabendrunde, sowie die ambitionierte Trail-Tour, die auch gerne etwas länger werden kann, hat Radon hier eine gute Ergänzung zum JAB in ihrem Produktportfolio mit sehr guten Fahreigenschaften auf und neben dem Trail überarbeitet. Während das JAB sicherlich mehr Likes bei Bergab-Ballern und im Bikepark bekommen würde, bringt das Slide Trail bringt dabei gegenüber seinem Bruder deutlich stärkere Uphill-Gene mit sich, sodass wir für regelmäßige Touren und eine vielseitige Nutzung lieber zum Silde Trail greifen würden.

 


Text: Martin Riedle
Bilder: Thomas Kappel
Redaktion: Robin Krings
weitere Informationen: Radon Bikes, H&S Bike-Discount GmbH

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