Nachdem wir euch das Merida eONE-SIXTY im Mai vorgestellt haben, ist es nun an der Zeit für den Einzeltest des e-MTBs. Das blau-grüne Gefährt musste sich das gesamte Jahr über unter verschiedenen Bedingungen behaupten. Auf langen, ausgedehnten Touren musste sich die Kapazität des Akkus genauso behaupten, wie das Fahrwerk in rumpeligen Gelände. Die Schaltung aus der Shimano Topgruppe musste zeigen, ob sie die Belastung des starken Antriebs auf Dauer aushält und wie sich der Verschleiß über die Saison entwickelt.

Merida eONE-SIXTYDie Ausstattung

Das eONE-SIXTY ist durchweg hochwertig ausgestattet, was bei einem Verkaufspreis von 9.799 € auch nicht anders zu erwarten ist. Merida rüstet das Bike löblicherweise mit 200 mm Bremsscheiben an Front und Heck aus – dies ist leider nicht bei allen Herstellern der Standard! Zusammen mit der Vierkolbenbremse aus der Shimano XTR Gruppe ist somit eine gute Verzögerung des 22,2 Kg schweren Boliden zu erwarten. Ebenfalls aus der Topgruppe XTR stammt die 1×12 Schaltung mit einer Bandbreite von 510% (10-51 Zähne).

Merida eONE-SIXTY
Shimano XTR 1×12 Schaltgruppe – viel mehr geht nicht!

Auch beim Fahrwerk macht der Hersteller keine halben Sachen und setzt komplett auf die FOX Factory Gruppe. In der Front steckt eine FOX 36 E-Bike Factory mit 160 mm Hub, während die 150 mm Federweg im Heck von einem FOX Float X2 Factory Luftdämpfer verwaltet werden.

Merida eONE-SIXTY
Eine FOX 36 Factory e-Bike mit 160 mm Federweg
Merida eONE-SIXTY
Im Heck sitzt ein FOX Float X2 Dämpfer

Bei den Laufrädern setzt Merida auf einen Mullet Aufbau mit 29″ vorn und 27,5″ hinten. Die exklusiven e-MTB Laufräder von DT-Swiss sind mit Carbonfelgen ausgestattet, was deren Gewicht auf unter 1,8 Kg drückt. Deren Innenweite von 30 mm passt in der Theorie gut zu der Reifenkombination eines Maxxis Assegai vorn und DHRII hinten – jeweils in der Dimension 2.6″. Leider kommen die Reifen lediglich mit der EXO+ Karkasse, was dem Gewicht zwar zuträglich, dem Punkt Haltbarkeit jedoch nur ein Kompromiss ist.

Merida eONE-SIXTY
DT-Swiss Laufräder mit Carbon Felgen

Lenker und Vorbau kommen von Merida und verfügen über Bohrungen um das Kabel für die Verbindung des Wahlhebels und Displays in deren Inneren zu verbergen. Dies weiß optisch sehr zu gefallen, wenn es auch die nachträgliche Wahl eines Produktes eines anderen Herstellers schwierig macht. Ebenfalls von der Hausmarke stammt die Dropperpost, welche je nach Rahmengröße über verschiedene Hübe verfügt. Kauft man ein eONE-SIXTY in XS, muss man mit 125 mm Hub auskommen. S und M hingegen erlauben die Verwendung von 150 mm. L und XL bekommen 170 mm Verstellweg spendiert.

Merida eONE-SIXTY
Die Kabel sind in Lenker und Vorbau verlegt – eine saubere Sache

Motor: Shimano STEPS E8000
Leistung: 70 Nm
Akku: Shimano STEPS BT-E8035 mit 504Wh Kapazität
Display: Shimano STEPS E8000
Gabel: FOX 36 E-Bike Factory 160 mm
Dämpfer: FOX FLOAT X2 Factory 150 mm
Federweg:
160/150 mm (vorne / hinten)
Sattelstütze: MERIDA Expert TR (XS: 125 mm, S/M: 150 mm, L/XL: 170 mm)
Bremsen: Shimano XTR 4-Kolben
Bremsscheiben: Shimano 200/200 mm
Schaltwerk: Shimano XTR 1×12
Schalthebel: Shimano XTR
Kassette: Shimano M9100 12-fach (10-51 Zähne)
Vorbau
: MERIDA Expert eTR 40 mm
Lenker: MERIDA Expert eTR 780 mm
Laufradsatz: DT Swiss HXC 1200 SPLINE 30 – 29″/27,5″ (vorne / hinten)
Reifen:
Maxxis Assegai / Maxxis DHR II (vorne / hinten)
Gewicht: 22,2 Kg
Preis: 9.799 € inkl. Ersatzakku und EVOC FR Trail e-Ride Rucksack

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Geometrie

Merida bietet das eONE-SIXTY in fünf verschiedenen Rahmengrößen ab. Beginnend mit einem Reach von kurzen 400 mm bei XS und 480 mm bei XL findet nahezu jeder Käufer seine richtige Rahmengröße. Ich bin der Empfehlung des Merida Konfigurators gefolgt und habe bei 1,78 m Körpergröße und einer Beinlänge von 83 cm einen Rahmen in M gewählt. Das Merida verfügt über eine vergleichsweise hohe Front, was bei meiner Rahmengröße einen Stack von 637,5 mm bedeutet.

Merida e ONE SIXTY GeometrieMerida eONE-SIXTY

Auf dem Trail

Beim ersten Aufsetzen war ich etwas erstaunt, dass das eONE-SIXTY in Größe M eine eher kompakte Sitzposition vermittelt. Dennoch fühlte ich mich schnell wohl und musste mich nicht lange umstellen, auch wenn ich privat eher etwas längere Bikes bevorzuge. Am besten lässt es sich mit dem Wort „Komfortabel“ beschreiben. In Kombination mit dem 40 mm kurzen Vorbau passte die Sitzposition bei den meisten Anstiegen gut, wenn es ganz steil und technisch wurde, musste ich jedoch viel Gewicht auf die Front bringen um das Vorderrad am Boden zu halten. Als Tuningmöglichkeit sehe ich einen minimal längeren Vorbau, welcher die Klettereigenschaften des Bikes positiv beeinflussen sollte.

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Das eONE-SIXTY geht super bergauf. Wird es technisch und steil, wird jedoch viel Druck auf dem Vorderrad benötigt.

Ich bin das eONE-SIXTY meist im Trailmodus des Shimano Antriebs gefahren, lediglich auf längeren Transferstücken durchs Flachland zum Trail nutzte ich den Ecomodus. Warum das? Der Trailmodus ist so ausgelegt, dass er eine prozentuale Unterstützung bietet und nicht wie im Eco- oder Boostmodus ein fest definiertes Drehmoment abgibt. Dadurch fühlt sich der Antrieb sehr organisch an. Tritt man leicht in die Pedale, fällt die Unterstützung geringer aus, als wenn man mit viel Kraft oder hoher Drehzahl das maximale Moment abruft. Wenig rein – wenig raus, viel rein – viel raus. Boost habe ich lediglich zum testen genutzt. Einen zu unnatürlichen und wenig dosierbaren Eindruck machte mir die maximale Unterstützungsstufe, sodass ich gerade an Anstiegen hinten oft mit Traktionsverlust zu kämpfen hatte, oder das Bike an technischen Stellen bergauf einfach zuviel Vortrieb hatte. Hier hilft es, dosiert mit der Hinterradbremse zu arbeiten und darüber das Drehmoment in zaum zu halten.

MERIDA eONE-SIXTY

Die wahre Königsdisziplin des Merida eONE-SIXTY ist der Trail bergab. Das Bike liegt so satt auf dem Untergrund, dass man schnell vergisst, kein Downhillbike unter dem Hintern zu haben. Die eh schon sehr gute Fox 36 Gabel mit Grip 2 Dämpfungskartusche arbeitet souverän und spricht extrem gut an und saugt kleine Unebenheiten nur so auf. Auch im Heck hat Merida alles richtig gemacht, denn die 150 mm Federweg fühlen sich nach mehr, viel viel mehr an! Das Heck folgt sicher jeder Bodenunebenheit, ohne dabei an Pop zu verlieren. Es ist eine wahre Freude, an kleinen und größeren Kanten einfach abzuziehen und Linien zu fahren, bei denen die Federung so richtig gefordert ist. Point and Shoot! Beim Downhill spielt die hohe Front ihre Vorteile aus, denn Überschlagsgefühle sind dem Bike fremd. Das eONE-SIXTY „fluppert“ so souverän über rumpelige Trails, dass man sich schon beherrschen muss. Wenn mich etwas limittiert, dann war es eher mein Überlebenswille als das Bike.

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Auch das „Mullet“- Konzept geht meiner Meinung nach auf, denn von Sperrigkeit des Bikes konnte nie die Rede sein. Das eONE-SIXTY zeigte sich als äußerst agiles Bike, mit welchem sich auch Kurven über das Vorderrad umsetzen ließen. Durch diese positiven Eigenschaften würde ich das Merida bei erneuter Möglichkeit in Größe L auswählen. Dadurch verspreche ich mir etwas mehr Raum im Bike, um durch gezielte Gewichtsverlagerung noch aktiver mit dem Gelände arbeiten zu können.

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Die serienmäßigen Reifen wurden gegen Schalbe EDDY CURRENT getauscht

Was mir leider überhaupt nicht gefallen hat, ist der Hinterreifen. Der Maxxis DHR II hat während des Tests ein eher kurzes Leben gehabt. Trotz knapp 2 Bar Druck entwich in aggressiv gefahrenen Kurven stets Luft zwischen Mantel und Felge („Burping“). Dies hatte zur Folge, dass ich nach solchen Kurven auf Durchschläge nicht lange warten musste. Nach wenigen Ausfahrten war der Reifen bereits durchlöchert und mit einigen Reifenwürstchen geftopft. Positives kann ich über die DT Swiss Felgen berichten, denn diese überlebten teils heftige „Klonks“ ohne Schaden zu nehmen. Es spielte mir in die Karten, dass die Firma Schwalbe einen Satz Eddy Current e-MTB Reifen zum Test zur Verfügung gestellt hat, welche deutlich besser in den Felgenflanken sitzen (Einzeltest folgt).

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Sehr guter Kettenstrebenschutz – kaum Geklapper

Mitleid hatte ich mit der edlen und präzise arbeitenden Shimano XTR Schaltung. Beim Schalten achtete ich darauf, stets die Last vom Antrieb zu nehmen. Tut man dies nicht, knallen die Gänge mit einem spürbaren Ruck von Ritzel zu Ritzel. Abgesehen davon empfand ich die Abstufung der Kassette als sehr eng, denn sehr oft übersprang ich einzelne Ritzel. Während ich mich am „normalen“ Fahrrad sehr über feine Gangabstände und das sahnige Schaltverhalten der XTR freue, würde mir am e-MTB eine gröbere Abstufung mit weniger Gängen locker reichen. Wie sich der Verschleiß des Antriebs bemerkbar macht, wird sich im weiteren Testverlauf zeigen.

eONE SIXTY 10K 2184 scaledSehr positiv ist mir die Geräuschkulisse aufgefallen, welche das Merida eONE-SIXTY generiert – nämlich so gut wie keine. Man hört die Reifen und das Schlürfen der Dämpfung. Kettenschlagen oder klappernde Züge sind dem Bike ein Fremdwort.

Reichweite

Im liebgewonnenen Trailmodus konnte ich meist so um die 1200 bis 1300 hm erreichen, wobei ich dabei dann 30-35 Km auf der Uhr hatte. Mir war das persönlich selbst für die Feierabendrunde oft zu wenig, sodass ich meist den zweiten 504 Ah Akku im EVOC FR Trail e-Ride Rucksack mitgenommen habe. Zwar sitzt der Rucksack perfekt auf dem Rücken, doch ist es für mich als „Hipbag-Fahrer“ doch eher etwas nervig. Merida führten mit dem 2021er Modell des eONE-SIXTY unlängst den neuen Shimano EP8 Motor mit 630 Ah Akku ein, sodass ich dies als Kritikpunkt nicht angeben möchte.

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Im nächsten und letzten Teil des Merida eONE-SIXTY Dauertest lest ihr das finale Fazit und welcher Zielgruppe wir das Bike empfehlen und welche Alternativen Merida für seine Kunden im Programm hat.


Weitere Infos: www.merida-bikes.com

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