Ich brauche keinen Motor, mein Motor sind die Beine, e-Biken ist kein Sport, die Dinger sind gut für Rentner oder Menschen, die Kinderanhänger ziehen….
Alles dies sind doch recht bekannte Aussagen für die meisten, die noch kein elektrisch angetriebenes Mountainbike probiert haben. So ähnlich ging es auch mir vor nicht allzu langer Zeit. Mich selbst nicht zum „early-adaptor“ zählend, halte ich mich erst einmal für kritisch wenn bewegende Produkte wie e-Bikes, oder besser Pedelecs den Markt fluten. Fahrrad mit Motor – was für ein Sch…! Warum auch? Ich habe ein paar Mountainbikes, zwei Trailbikes – eines mit 27,5“ aus Carbon mit 12,7 kg, und ein Twentyniner aus Aluminium mit gerade mal einem kg mehr auf den Rippen. Was soll ich da mit einem Pedelec, welches im Normalfall die 20 kg Marke deutlich überschreitet? So verging einige Zeit, doch ob nun Redakteur oder nicht – irgendwann juckt es einen dann schon. Was ist wenn es dann doch so gut ist wie alle sagen? Egal…. Lassen wir es drauf ankommen – mit dem Merida eONE-SIXTY.

CHX Merida 6

Pedelec ist übrigens eine Abkürzung und steht für Pedal-Elektric-Cycle und wird gern als e-Bike bezeichnet. Wobei e-Bikes eigentlich etwas anderes sind als das was wir umgangssprachlich darunter verstehen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Gattungen ist der, dass e-Bikes mit einem Motor angetrieben werden, welcher OHNE pedalieren zu müssen mit einem Schalter, Drehgriff oder ähnlichem zugeschaltet wird. Das MoFa mit e-Antrieb sozusagen. Pedelecs hingegen sind Fahrräder, bei welchen der Motor ausschließlich durch die Kurbeldrehung, bzw. ein durch den Fahrer eingeleitetes Drehmoment zugeschaltet wird. Die Gesetzeslage erlaubt eine Motorleistung von bis zu 600 W, wobei die elektrische Unterstützung bei 25 km/h abschaltet. Egal, ich rede hier von e-Bikes und meine Pedelecs und ihr wisst eh was ich meine.

merida eone-sixtyZu meiner allerersten Pedelec Testfahrt wurde ich genötigt. Auf dem Bikefestival 2018 in Riva wurden wir von Pivot Cycles zu einer kleinen Spritztour eingeladen. Es sollte auf einen technischen Trail oben ab Pregasina gehen. Die Auffahrt über die Serpentinen der Ponale Straße war so einfach wie noch nie zuvor. Keine zwanzig Minuten benötigten wir für die Auffahrt, für die wir sonst deutlich mehr Zeit einplanen mussten. Hier zeigte sich, wie sich am Gardasee die Welten vereinen: Hochmodernes 10.000 € Pedelec trifft auf viele, sehr viele Bike-Dinosaurier aus Zeiten in denen 75° ein passendes Maß für Lenkwinkel war und Laufräder mit mehr als 26“ an Renn- und Trekkingräder gehörten. Jedes Überholmanöver unsererseits begleitete ich mich einem verschämten Gruß gegenüber Fahrern von Relikten vergangener Tage. Am Trailanstieg angekommen schaute ein langes Gesicht in die Runde – das komplette Protektorenset eines Mitfahrers hatte sich bei der Auffahrt vom Rucksack gelöst und war nicht mehr auffindbar. Aufgrund des zu erwartenden unbekannten und technischen Trails entschieden wir uns auf dem gleichen Weg bergab zu fahren, wie wir hinauf gekommen waren. Safety first und so. Während der Abfahrt über die Ponale war von den Protektoren allerdings keine Spur mehr auszumachen – wer nimmt verschwitzte Protektoren mit nach Hause?

merida eone-sixty

Der nächste Selbstversuch e-Bike, äh Pedelec, musste noch etwas mehr auf sich warten lassen. Es gab die Möglichkeit, für Merida einen Dauertest eines eONE-SIXTY zu übernehmen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Also hopp!

Merida eONE Sixty
Das Merida eONE-Sixty ist unser Dauertestbike für die Saison 2020

So sagten wir den Test zu und warteten sehnsüchtig auf die Lieferung des Hobels mit 160 mm Federweg und elitärer „10K“ Ausstattung. Elitär nicht weil 10 K für das Gewicht in Gramm, sondern für Währung in Euro steht, welche für dieses Teil aufgerufen wird.

merida eone-sixty
Sehr schicke interne Kabelführungen

Knapp 22 kg wiegt das MERIDA, und damit ist es nicht einmal von der schweren Sorte. Dennoch ist es irgendwie anders, wenn man solch ein Bike die Treppe aus dem Keller hoch wuchtet. Wie war das noch beim Pivot? Schiebemodus – den hat das eONE SIXTY auch. Ich schäme mich gelegentlich ein bisschen, aber nutze die Funktion sehr gern. Dachte ich doch immer, meine Oma würde diesen brauchen, um das Elektro-Citybike die Einfahrt hoch zu schieben. Faulheit siegt. Doch wie ist es auf dem Trail?

Merida eONE-SIXTY
Fox 36 Grip2 und…
Merida eONE-SIXTY
…FOX Float X2 lassen keine Wünsche offen.

Im Eco Modus starte ich die Kiste und trete dreimal kräftig in die Pedale – und schon ist Schluss mit Unterstützung. Binnen kürzester Zeit habe ich die Schallgrenze von 25 km/h erreicht. So transferiere ich gediegen in den Wald um das Bike in gewohntem Habitat zu testen. Klar könnte ich über die Abriegelung hinaus aus eigener Kraft beschleunigen, jedoch habe ich nicht das Verlangen dies zu tun. Zwar ist der Shimano E8000 Antrieb jenseits der Unterstützungsgrenze eher von der reibungsarmen Sorte, doch klopft das Gewicht des Gesamtsystems Fahrer/Bike, Gegenwind und der Rollwiderstand bei Grenzüberschreitung ermahnend auf die Schulter.

Merida eONE-SIXTYDer erste richtige Spaß lässt bergauf nicht lange auf sich warten. Bereits im Trail Modus schiebt mich der Hilfsantrieb selbst bei moderatem Pedaleinsatz so dermaßen hinauf, dass ich mich kaum zurückhalten kann, und die Forststraße mit ordentlich Dampf hinauf trete. Ich ziehe an einem abartigen Stich vorbei, welcher 50 Höhenmeter in minimaler Weglänge erreicht. Ob das geht? Ich drehe grinsend um und schalte in einen leichten Gang. Jaulend bestätigt der Motor sein abgegebenes Maximalmoment und ich klettere mit viel Gewicht auf der Front hinauf – und das nicht langsam. Ist das der Uphill Flow von dem erfahrene e-Biker sprechen? Ich glaube schon und kann mich nicht beschweren, nicht doch oben mit 180 Puls und außer Atem anzukommen. Von wegen kein Sport. Nur anders eben. So eingesetzt verschiebt sich die Grenze des Machbaren deutlich nach oben. Warum auch nicht? Ich erwische mich dabei den Gedanken zu schüren, ob ich meinen Lieblingstrail nicht auch bergauf fahren kann. Doch die Vernunft holt mich rasch ein, ich lasse es. Auch wenn es technisch geht, wähle ich trotz einem viel befahrenen Trail den herkömmlichen Uphill.

Merida eONE-SIXTY
Ich finde schon, dass man das Gewicht eines e-MTBs spürt. Man muss sich in Kurven umstellen und seinen Fahrstil anpassen.

In beinahe jedem Test eines Pedelecs ist nachzulesen, dass auf dem Trail das Gewicht kaum bis gar nicht mehr zu spüren ist. So habe ich also sehr gespannt meinem ersten Trail mit dem e-Bike entgegengefiebert. Am Traileinstieg angekommen geht es direkt los – Partymodus einschalten? Eher nicht. Ich höre auf den guten Rat meiner Kollegen und schalte den Motor erst einmal aus, um mich an das Rad zu gewöhnen. Ich ließ mir sagen, die Überraschungen wären „interessant“, wenn man im Boost Modus kurz vor einem Sprung noch einen kleinen Tick beschleunigen möchte. Also biege ich ohne Unterstützung in den Trail und bin baff! Wie satt kann ein Fahrwerk am Boden kleben? Das MERIDA eONE-SIXTY überrascht mich mit einem extrem schluckfreudigen Fahrwerk, welches nahezu alle Unebenheiten platt walzt, die sich in den Weg stehen. Die breiten Reifen tun dabei ihr übriges. Dieses Verhalten ist nicht nur typisch für das Merida, sondern ein resultat aus der Mischung von großer, gefederter Masse und einem Top Fahrwerk. Auf Speed gebracht habe ich mit dem Merida eONE-SIXTY keine negativen Eigenschaften des im Vergleich zum herkömmlichen Bike hohen Gewichts spüren können.

CHX Merida 17Wenn man sich auf das Mehrgewicht eingestellt hat, geht das Bike genau so über den Trail wie eine „Bio-Waffe“. In engen und langsam gefahrenen Kurven allerdings wendet sich das Blatt, hier wirkt das Bike etwas behäbiger. An das im Vergleich zu einem herkömmlichen Bike recht hohe Eigengewicht muss man sich meiner Meinung nach allerdings schon gewöhnen. Das ging jedoch relativ schnell und ich hatte den Dreh raus, Kurven im Zweifel lieber etwas früher anzubremsen und mit mehr „Input“ zu arbeiten.

CHX Merida 4

Bin ich nun eBiker?

Inzwischen habe ich bereits etliche Akkuladungen durch das Merida gejagt und sehe das Merida eONE-SIXTY inzwischen als liebgewonnene Alternative zu meinen herkömmlichen Fahrrädern ohne Motor. Gerade bei uns am Rande des Nordschwarzwaldes sind die Uphills teilweise sehr steil und einige mühevoll erklommende Höhenmetern werden mit Forstwegen bergab „belohnt“. Mit dem Merida tun die verschenkten Höhenmeter nicht ganz so weh und ich bin selbst überrascht, inzwischen häufiger unter der Woche aufs Rad zu steigen. Nach einem langen Tag im Büro, oder wenn ich einfach einmal eine lange Zeit auf dem Bike verbringen möchte, nutze ich gern das e-MTB. Eine schnelle Runde durch den Wald, möglichst viele Trails mitnehmen? Ja in der Tat – dafür ist das eONE-SIXTY eine sehr gute Wahl. Abgesehen davon, ist das Merida ein abartig gut gehendes Ballergerät, aber ich möchte dem kommenden Test nicht zuviel vorweg nehmen.

Am Wochenende bin ich nach wie vor sehr gern mit dem normalen MTB unterwegs und genieße die entschleunigten Uphills zwischen den einzelnen Trails mit meiner Frau, meinen Freunden und den Redaktionskollegen. Eine Ausfahrt mit dem herkömmlichen MTB stresst mich persönlich weniger, bergauf gelassener, bergab dann doch eine Ecke leichtfüßiger. Auch Sektionstraining, wenn man einzelne Passagen trainieren möchte, mache ich am liebsten mit dem Mountainbike, denn es lässt sich einfacher wieder neben der Strecke hoch schieben. Eine Entscheidung zwischen MTB mit und ohne Motor fälle ich nach Lust und Laune, Wetter und Bock.

Die Meinung der Kollegen

Philipp

MIK 7393 2„Stand heute ist ein privates E-Bike nicht relevant, was nicht heißt, dass ich gegen E-Bikes bzw. genauer gesagt Pedelecs bin. Im Gegenteil, die Erfahrungen, die ich bislang auf einem Pedelec sammeln durfte waren durchweg positiv. Warum kommt aber ein solches Bike für mich aktuell nicht in Frage? Das liegt daran, dass ich das Pedelec als ideales Fahrrad sehe, wenn man nach Feierabend noch eine schnelle Runde drehen will um den Kopf freizubekommen, Spaß zu haben und dafür auch nochmal eine oder zwei Abfahrten in kurzer Zeit mehr mitnehmen zu können, um sich auch auszupowern. Das gibt aber die Lage meines Wohnortes nicht her. D.h. ich müsste immer das schwere Bike in meinen Kombi wuchten, um dann noch eine Tour zu fahren. Außerdem sind Pedelecs preislich für meinen gedachten Einsatzzweck noch zu teuer, auch wenn ich weiß, dass da einiges an Entwicklung und Technologie drinsteckt. Weiter haben mir meine Erfahrungen gezeigt, dass eine gemeinsame Tour zwischen E-Bike Fahrern und „Bio-Bikern“ nicht wirklich harmoniert und meine Bike-Buddies sind ausschließlich auf klassischen MTBs unterwegs.“

Thomas

thomas sw„E-Bike fahren ist für mich immer wieder eine willkommene Abwechslung zu meinen normalen Rädern (neben Mountainbikes auch Trial und Cyclocrosser). Auch wenn ich gern im Boostmodus unterwegs bin, bin ich nach einer E-Bike Tour in der Regel Brot fertig, was Hauptsächlich daran liegt, dass ich ständig Versuche Trails hochzufahren die ich normal nur runterfahren würde. Genau das macht für mich auch auf den Reiz am motorisierten Biken aus. Mit mehr Kraft als meine Beine hergeben technische Anstiege hochdrücken. Bergab fühlen sich E-Bikes dank des tiefen Schwerpunktes zwar häufig sehr satt an, dennoch wünsche ich mir meistens schnell mein Enduro zurück, welches mit 15,5 kg im Gegensatz zum E-Bike federleicht und agil wirkt. So hat bisher noch kein E-Bike seinen Weg in meinen privaten Fuhrpark gefunden.“

Patrick

MIK 7404 Kopie 2„Grundsätzlich stehe ich dem Thema Fahrrad sehr offen gegenüber und starte deshalb auch immer wieder gerne Ausflüge in andere Bereiche wie Gravel oder sogar Road. Auch als vor ein paar Jahren der Trend motorisierter Mountainbikes bereits früh maximal gehyped wurde, war ich recht offen dafür. Eine persönliche Anschaffung kam für mich zu dem Zeitpunkt absolut nicht in Frage, was vor allem optische Gründe hatte. Zeiten ändern sich und die Hersteller sind mittlerweile in der Lage E-Bikes auf die Beine zu stellen welche mir durchaus den Speichel in die Mundwinkel treiben. Dazu sind sie technisch mittlerweile deutlich verbessert. Wirkliche Einsatzzwecke gibt es für mich nach wie vor auf meinen Trails nicht, was eine private Anschaffung weiterhin ausschließt. Aber es öffnet unseren Sport einer deutlich breiteren Zielgruppe, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Hier gilt es noch eine bessere Regulierung und Miteinander zu erreichen, denn das Thema Sicherheit scheint einigen elektrifizierten Fahrer teilweise ein Fremdwort zu sein. Von welcher Seite man es auch betrachtet, ob man sie liebt oder hasst, die Kategorie E-Bike ist gekommen um zu bleiben.“

Robin

06„E-Bikes habe ich mir bislang ausschließlich ausgeliehen oder bin sie im Rahmen von Tests gefahren. Während mich frühere Modelle im direkten Vergleich mit waschechten Enduros nicht vollends überzeugten, sorgen die zunehmend höhere Integration der Antriebe und die immer potenter werden Bikes dafür, dass eine eigenes E-Bike auf meiner persönlichen Wunschliste immer weiter nach oben rückt. Diverse Trails starten bei mir mehr oder weniger direkt vor der Haustür, sodass sich die Streckenauswahl bei der „kurzen“ Feierabendrunde mit einem E-Bike noch einmal ein gutes Stück vergrößert. Mit dem normalen Bike teilweise kaum fahrbare Trails werden mit dem E-Bike zu ganz neuen und vor allem spaßigen Herausforderungen.
Ausschließlich auf ein E-Bike zu wechseln kommt für mich jedoch nicht in Frage. Dafür sind mir die Unterschiede im Handling schlichtweg zu groß, sodass ich berghoch gerne etwas mehr Kraft und Zeit investiere, bevor ich auf der Abfahrt den maximalen Fahrspaß ohne diverse Zusatzkilos habe.
Als zusätzliches Bike sehe ich – egal ob alleine oder mit Freunden – eindeutig mehr Möglichkeiten nach dem Feierabend Zeit auf den Trails zu verbringen oder sich am Wochenende die ein oder andere Shuttlefahrt zu ersparen.“


Eine detaillierte Vorstellung des Dauertestbikes eONE-SIXTY folgt in Kürze. Weitere Infos zum Bike unter www.merida-bikes.com

Text: Thorsten Illhardt
Fotos: Jakub Reichhart, Thorsten Illhardt

 

 

 

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here