In der Vergangenheit aber auch gegenwärtig findet man immer öfter Federgabeln von Formula in den Specs von Komplettbikes. Auch wir hatten schon des Öfteren Berührungspunkte mit Formula Federgabeln. Dabei hinterließen die Italiener immer einen guten Eindruck. Dies haben wir zum Anlass genommen, um die Italienerin genauer unter die Lupe zu nehmen. Anfang 2017 haben wir euch die Formula 35 bereits vorgestellt. Seitdem hat sie uns ein Jahr lang begleitet und dabei einige Tiefenmeter gesammelt. Wie sich die Gabel mit ihren zahlreichen Tuningmöglichkeiten geschlagen und ob sie das Zeug dazu hat, die Phalanx der etablierten Hersteller zu durchbrechen, möchten wir mit unserem Test klären.

Fangen wir zunächst aber einfach mal mit den nackten Zahlen an, um einen Überblick über die Formula 35 zu erhalten:

Einsatzbereich All Mountain, Trail, Enduro
Federweg 27,5 Zoll
Standard 100 – 160 mm
Extended 170 – 180 mm
Federweg 29 Zoll
Standard 100 – 140 mm
Extended 150 – 160 mm
Einbauhöhe (Achse zur Krone) 550 mm bei 160 mm Federweg und 27.5“
566 mm bei 160 mm Federweg und 29“
Offset 44 bzw. 51 mm
Bremsscheibendurchmesser Maximal 203 mm
Steckachse 15QR
Durchmesser Standrohre 35 mm
Material 7075 Aluminium
Federung Luft; Stahlnegativfeder (Dual Coil Technology)
Zugstufe Extern, 21 Klicks
Druckstufe Extern, 12 Klicks
Anpassung der Kennlinie Anpassbar durch Compression Tuning System (separat erhältlich)
Lockout Ja
Gewicht 1886 Gramm (inkl. Steckachse, selbst gewogen)
Farben schwarz, ultraviolett und weiß
Made in Italy

Formula 35Von außen wirkt die Formula 35 recht schlicht, aber stilsicher. Überwiegend schwarz mit weißen Decals passt sie optisch in jedes Bike. Auch bei den Einstellmöglichkeiten der schicken Italienerin erwartet uns zunächst nichts extravagantes und sie unterscheidet sich nicht von anderen Federgabeln. So wird auf der linken Seite der Gabel der Luftdruck für die Federung angepasst und auf der der rechten, der Dämpfungsseite, die Low Speed Druckstufe sowie die Zugstufe. Außerdem kann dort die Gabel mit Hilfe eines Lockouts starr gestellt werden. Allerdings geben die Einsteller der Formula 35 bereits eine besondere Note ab und wecken das Interesse daran, auch mal einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Fangen wir zunächst auf der Federungsseite an. Dort befindet sich die erste Besonderheit. Im Gegensatz zu Produkten von Mitbewerbern, bei denen die Positivkammer mit Luft befüllt wird und sich der Druck in der Negativkammer automatisch anpasst, wird hier tatsächlich nur die Positivkammer mit Luft befüllt. Die Negativfeder ist eine echte Stahlfeder, wodurch die 35 ein besonders feines Ansprechverhalten haben soll. Formula nennt diesen Mix aus Luft- und Stahlfeder Dual Coil Technology. Die Endprogression der Federgabel wird nicht mit Token angepasst, sondern mit Hilfe von Ballistolöl. Es kann bis zu 25 ml Öl in die Positivkammer gefüllt werden, um die gewünschte Progression zu erhalten. Das hat zwei Vorteile: Ballistolöl ist weltweit sehr verbreitet und man kann es sich im Bikeurlaub leicht besorgen, falls man merkt, dass mehr Support im letzten Teil des Federwegs nötig ist. Weiter kann mit Öl die Endprogression wesentlich feiner getuned werden. Knifflig kann es werden, wenn man zu viel Öl in die Kammer gefüllt hat und dies wieder herausholen will.

Wechseln wir auf die rechte Seite der Federgabel. Die Zugstufe der Formula 35 kann mit 21 Klicks angepasst werden. Das Einstellrädchen dazu befindet sich am unteren Ende des Castings. Am oberen Ende wird es nun richtig spannend. Dort befinden sich drei Instrumente, die optisch eher an ein Uhrwerk erinnern. Über den goldenen Hebel kann die Formula gelockt werden. Über den schwarzen Drehknopf (Blow off) daneben kann eingestellt werden, wann der Lockout wieder auslöst. Und über das blaue Rädchen kann mit 12 Klicks die Low Speed Druckstufe angepasst werden.

Allerdings versteckt sich hinter diesem Rädchen eine weitere interessante Einstellungsmöglichkeit, das sogenannte Compression Tuning System. Dahinter verbergen sich insgesamt sieben verschiedene Ventile, mit denen Einfluss auf die Kompressionskurve genommen werden kann. Es gibt drei reguläre und drei Spezial-Ventile, die jeweils nochmal in firm, medium und soft eingeteilt werden können. Das siebte Ventil ist speziell für die Anforderungen der schwereren E-Bikes entwickelt worden.

 

Austauschen lassen sich die Ventile mit Hilfe eines speziellen Werkzeugs. Dies geht sehr leicht und schnell von der Hand.

Der Preis für das jeweilige Tuning-Ventil beträgt 54,00 €. Das CTS Werkzeug kostet nochmal 50,00 €.

Eine weitere Besonderheit ist die Internal Floating Technology. Mit Hilfe der flexibel gelagerten Kartusche und Luftfeder soll somit der Flex des Castings beim Fahren kompensiert und Reibung minimiert werden. Das Ziel ist ein feines Ansprechverhalten und geschmeidige Performance.

Und zu guter Letzt besitzt unsere Testgabel auch noch das sogenannte Integrated Locking System. Dahinter versteckt sich der herausnehmbare Hebel an der Steckachse. Der Hebel hat einen 5 mm Inbus integriert und kann somit auch zur Montage sowie Demontage der Hinterradachse verwendet werden. Der Hebel kann praktisch in jede Position wieder eingesteckt werden oder für einen sauberen Look komplett weggelassen werden. Der Hebel unserer Formula hatte leider etwas Spiel und klapperte während der Fahrt.

Montage & Setup

Beim Einbau der Gabel haben wir keine großen Überraschungen erlebt. Getreu dem Motto: hast du eine eingebaut, kannst du alle einbauen.

Auf dem linken Unterrohr befindet sich ein kleiner Aufkleber mit einer Gewicht-Luftdruck Tabelle. Das fahrfertige Gewicht unseres Testfahrers Jakub beträgt ungefähr 70kg, was laut der Tabelle ein Druck von 58 PSI bedeutet. Mit dem Luftdruck lag der SAG bei 25%. Die Zugstufe haben wir so eingestellt, dass das Vorderrad beim Ausfedern gerade so nicht den Bodenkontakt verliert. Mit diesen Einstellungen sind wir zunächst auf den Trail.

Relativ schnell hat Jakub festgestellt, dass dieses Setup nicht optimal zu seinem Fahrstil passt. Die Gabel blieb zu oft zu tief im Federweg hängen und ist dadurch des Öfteren durchgeschlagen. Zunächst erhöhten wir einfach den Luftdruck, allerdings hat dadurch die Sensibilität gelitten. Wir wollten nicht sofort mit der Ölmenge experimentieren, um damit das Volumen der Positivkammer zu reduzieren. Also haben wir uns die Sache mit den Ventilen genauer angesehen. Ab Werk war die Thirty-Five mit dem blauen (regular) Compression Ventil ausgestattet. Dieses Ventil haben wir gegen das rote Ventil (hart) getauscht. Der Austausch ist übrigens sehr einfach und dauert keine 5 Minuten.

Das Ventil auszutauschen stellte sich als eine gute Entscheidung heraus. Das Verhalten der Federgabel hat sich merklich verändert und bot im mittleren Federweg deutlich mehr Gegenhalt, wodurch die Federgabel höher im Federweg stehen blieb und Durchschläge der Vergangenheit angehörten. Das sensible Ansprechverhalten am Anfang des Federweges war aber immer noch da. Der Luftdruck in der Positivkammer pendelte sich zwischen 60 und 70 PSI ein.

Die Formula 35 auf dem Trail

Eine auffällige erste Wahrnehmung war das außergewöhnlich geschmeidige Ansprechverhalten der 35. Kleine Schläge oder Unebenheiten wurden kaum an den Lenker übertragen, so dass wir am Anfang öfter mal einen Platten vermuteten. Die Dual Coil Technology mit der Negativfeder aus Stahl scheint hier ganze Arbeit zu leisten. Die 35 glänzt besonders auf langsamen, verblockten Trails. Dank des niedrigen Losbrechmoments und der konstanten Dämpfung durch den kompletten Federweg, generierte das Vorderrad einen hervorragenden Grip.

Formula 35 Test
Die Formula 35 auf dem Trail

In schnellen oder engen Kurven sowie Off-Camber Sektionen, bei denen auf die Gabel hohe seitliche Kräfte einwirken, können wir der Formula 35 ebenfalls eine sehr gute Performance attestieren. Sie blieb immer aktiv, sprach gut an und hat für eine sichere Traktion gesorgt. Genau dieses Verhalten will Formula mit der Internal Floating Technology erreichen und so, wie es sich für uns darstellt, ist es ihnen auch gelungen.

 

 

Allerdings müssen wir an dieser Stelle auch erwähnen, dass die Formula 35 eine erhöhte Flexibilität an den Tag legt. Dies hat sich durch eine leichte aber spürbare Verzögerung bei schnellen sowie aggressiven Richtungswechseln bemerkbar gemacht. Es beeinträchtigt die Präzision beim Lenken, besonders bei höheren Geschwindigkeiten, allerdings war dies für uns noch im absolut grünen Bereich. Und besonders für wenig aggressive oder leichte Fahrer sollte das kein Problem sein.

 

Formula 35 Test

 

Bei langsamen Auffahrten punktet die Formula 35 wieder mit ihrem fluffigen Ansprechverhalten und dem niedrigen Losbrechmoment. Trotzdem kam es nicht zu unerwünschtem Wippen. Das Vorderrad klebte förmlich auf dem Boden und sorgte für vorbildliche Traktion. Bei schnelleren Auffahrten oder Sprints haben wir uns dann über die Möglichkeit des Lockouts gefreut. Durch das Umlegen des goldenen Hebels wird die 35 fast zu einer Starrgabel umgewandelt.

Was ist uns noch aufgefallen?

Unsere Testgabel hatte über die ersten Wochen hinweg nach jeder Ausfahrt einen deutlichen Ölfilm auf dem linken Standrohr. Allerdings trat dies bei anderen Formula Gabeln in unseren Testbikes in dieser Form nicht auf. Weiter fiel uns auf, dass sich zwischen der Dichtung und dem Standrohr ein kleiner Spalt befand, in dem sich immer ordentlich Dreck sammelte. Nach einer kurzen Rücksprache mit Formula schickten sie uns ein Kit für einen Lower leg Service mit Ballistolöl, Hydraulik Öl Idemitsu OJ01, Dichtungen sowie neuen Schaumstoffringen. Nachdem wir den Service durchgeführt haben, trat kein Öl mehr aus. Leider war der Spalt auch bei den neuen Dichtungen wieder vorhanden. Hier hilft einfach nur penibles Saubermachen nach jedem Ausritt. Beim Service ist uns glücklicherweise kein Dreck in besonderem Maße im Casting aufgefallen.

Fazit

Sieht man von dem kleinen Ärgernis mit den Dreck sammelnden Dichtungen ab, ist die Formula 35 eine rundum gelungene Gabel. Sie kann mit einem fantastischen Ansprechverhalten und zahlreichen, innovativen Tuningmöglichkeiten punkten, wie das Compression Tuning oder das Anpassen der Endprogression mit Ballistol. Dass Ballistolöl auch als Schmieröl genutzt wird, hat uns generell gut gefallen, denn es ist leicht zu besorgen. Beim Service muss zusätzlich das Hydraulik Öl Idemitsu OJ01 hinzugemischt werden. Dieses liegt den Aftermarket-Gabeln bei und kann ansonsten über jeden Händler bestellt werden. Weitere Vorteile der Formula 35 sind das niedrige Gewicht und der faire Preis von 998,00 €.


Text und Redaktion: Philipp Kargel, Jakub Reichhart, Robin Krings
Bilder: Jakub Reichhart

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here