Schon beim Auspacken des Bikes bekommen wir nervöse Finger, denn das Sichtcarbon des Rahmens schillert uns, nur durch eine Klarlackschicht versiegelt, bereits aus dem Karton entgegen…. 

Canyon Spectral CF 9.0
Canyon Spectral CF 9.0

Canyon liefert das Bike vorbildlich verpackt und vormontiert, sodass es auch weniger versierten Schraubern mittels beiliegender Anleitung ein leichtes sein sollte, das Gefährt fertig auf die Räder zu stellen. Wer über kein Werkzeug verfügt, dem ist auch geholfen: Canyon liefert zu allen Bikes eine Mappe mit einem Drehmoment- Inbusschlüssel und sogar Montagepaste für die Carbonteile.

Als das Spectral von Karton und Polstermaterial befreit ist, geht es an die Montage. Die Laufräder haben wir mittels Schnellspanner an der 15 mm Vorderachse, und X12 Steckachse, ebenfalls mit Spanner im Heck schnell montiert. Der Lenker wurde an den Vorbau platziert, ausgerichtet und mit dem richtigen Drehmoment angeschraubt. Die RockShox Reverb Stealth Sattelstütze muss kundenseitig mit Montagepaste versehen, und im Sitzrohr versenkt werden. Was uns jedoch wundert ist, dass der Verstellhebel der Sattelstütze nur lose beigelegt, und als einziges Bedienelement nicht am Lenker angeschraubt ist. Schnell kam der Gedanke auf, dass man auch bei Canyon keine wirklich passende Position für den Hebel gefunden hat, denn egal wo wir es auch versuchen war entweder ein Shimano XT- Brems-/Schalthebel mit I-Spec Schelle im Weg, oder der Reverb Versteller muss weit außerhalb der Daumenreichweite platziert werden. Letztendlich blieb uns keine andere Möglichkeit übrig, den Hebel auf der linken Seite, knapp 7 cm entfernt vom Lenkergriff zu montieren.

Deore XT Bremse und Reverb Stealth Hebel
Shimano I-Spec Befestigung – nicht unbedingt kompatibel zu RockShox Reverb Versteller

Nachdem das Bike fahrbereit in der Redaktion steht wird uns erst klar, welch unglaubliche Arbeit die Designer und Entwickler geleitet haben. Die Formsprache des Canyon Spectral CF gefällt durch seine organische Silhouette. Die Linienführung von Hauptrahmen zum Hinterbau ist perfekt ausgeführt, hier gibt es nirgends Ecken die nicht zu Radien passen oder sonstige optische Aufhänger. Sämtliche Teile wie auch die (Alu-) Umlenkwippe fügen sich perfekt ins Gesamtbild ein. Die Spitze auf dem Eisberg ist jedoch der Rahmenwerkstoff Carbon, welcher gut sichtbar in der Sonne schillert. Man könnte es auch mit der perfekten Imperfektion beschreiben, denn man kann durchaus Nahtstellen einzelner Fasermatten und deren Lagen erkennen. Carbon „Raw“ sozusagen. Zur hochwertigen und edlen Erscheinung als „Dunkle Schönheit“ tragen die schwarzen Komponenten und Decals im Stealth Look bei.

Alu "Raw"...
Carbon „Raw“…
...und Stealth Decals.
…und Stealth Decals.

Das Canyon Spectral EX 9.0 ist mit einem FOX Fahrwerk ausgestattet. Vorn verrichtet eine FLOAT 140 FIT4 3-Pos Gabel aus der Performance Serie ihren Dienst, während im Hinterbau ein FLOAT EVOL Dämpfer verbaut ist.

Fox Float Fit 4 Performance 3-Pos
Fox 34 Float Fit 4 Performance 3-Pos
FOX Float Evol Dämpfer
FOX Float Evol Dämpfer

Die Bremsen mit Ice-Tec Belägen stammen, ebenso wie die Schaltung, gruppenrein aus der Shimano Deore XT Familie. Entgegen dem eindeutigen Trend zu Einfach-Antrieben verpasst CANYON dem Spectral 9.0 eine breitbandige 2×11 Schaltung. Mit einer kleinsten Übersetzung von 26 Zähnen vorn und 40 hinten verliert jeder Anstieg seinen Schrecken, was besonders Anfängern und Tourenfahrern sehr entgegen kommen dürfte. Auch bergab ist mit einer maximalen Übersetzung von 36 zu 11 Zähnen für maximalen Vortrieb gesorgt.

In Sachen Laufräder vertraut der Koblenzer Hersteller auf Schweizer Präzision: Exklusiv für Canyon gefertigte DT SWISS XM 1491 SPLINE Laufräder kommen mit einem stirnverzahnten Freilauf, sowie zeitgemäßen Felgen mit einer Innenweite von 30 mm. Die generell schon breit bauenden CONTINENTAL MOUNTAIN KING II, 2,4″ Reifen wirken damit derartig voluminös, dass wir auf dem Trail mehrfach nach den Fahreigenschaften des „Plus-Bikes“ gefragt wurden. Beim Aufbau des Spectral haben wir bereits einen Reifendruck von 1,6 Bar vorn und 1,8 Bar hinten eingestellt, was sich auch am Ende als guter Kompromiss zwischen Grip und Pannensicherheit herausstellte. Der Versuch auch auf 1,6 Bar hinten runter zu gehen rächte sich auf dem ersten Trail mit einem amtlichen Snakebite.

Shimano XT Bremse mit ICE Tec Belägen
Shimano XT Bremse mit Ice-Tec Belägen

Der ERGON SME-3 Sattel wird beim Spectral auf eine RockShox Reverb Stealth Sattelstütze mit 125 mm  Hub geschraubt. Beim Blick auf die Ausstattungsliste wird nun klar, dass das „Spectral CF 9.0“ entgegen seinem Bruder „Spectral CF 9.0 EX“ eindeutig in Richtung klassischem AllMountain getrimmt wurde. Verwundert sind wir jedoch darüber, dass Canyon selbst dem Bike in Größe M lediglich einen 740 mm schmalen Lenker und ERGON GE-1 Griffe in der dünnen „Slim“- Variante spendiert.

Wir konnten es kaum erwarten, mit  dem Bike das erste Mal auf unseren Trails die Kuh fliegen zu lassen. Schnell haben wir noch das Fahrwerk auf die seitens Canyon vorgeschlagenen 25 % Sag vorn und hinten abgestimmt, schon ging es los zum Hausberg.

Bereits beim ersten Aufsitzen fiel uns die wunderbar ausgewogene Sitzposition auf. Man sitzt hervorragend zentriert im Bike, ohne sich dabei gestreckt oder gar gedrungen zu fühlen. Das Rad mit einem Reach und Stack von 430 mm, bzw. 598 mm passt unserem Redakteur mit seiner Körpergröße von 1,78 m perfekt. Ziemlich überrascht waren wir darüber, wie direkt das Spectral jede Kurbelumdrehung in Vortrieb umwandelt. Hier dürfte die Mountain King Bereifung nicht ganz unschuldig sein, deren Rollwiderstand befindet sich auf einem sehr angenehmen Niveau. Auch 12,6 Kg Lebendgewicht sind der schnellen Beschleunigung mehr als zuträglich. Während Einfach- Antriebe ein sehr guter Kompromiss für die meisten Enduristen sein dürften, spielt bereits auf dem Weg zum Trail die 2×11 Schaltung ihre Vorzüge aus. Feine Gangabstufungen erlauben stets die richtige Trittfrequenz, ohne seinen eigenen Rythmus der Übersetzung anpassen zu müssen. Klassische AllMountain Piloten sind hier also richtig aufgehoben.

...erstmal bergauf.
…erstmal bergauf.

Beim Uphill offenbart sich der Viergelenker als extrem sensibel. In der offenen Position des Dämpfers werden kleine Unebenheiten wie Wurzeln und Bodenrinnen einfach so aufgesaugt. Allerdings neigt der Hinterbau mit dem Fox Float Evol Dämpfer (große Luftkammer) bei rhythmischem Pedalieren auf langen Anstiegen leicht zum Wippen. Dies sollte jedoch keinen wirklichen Nachteil darstellen, denn es ist ja vorgesorgt: Im Medium oder Firm Modus des Dämpfers lässt sich wirksam Ruhe ins Fahrwerk bringen, ohne dabei Einbußen in Sachen Sensibilität in Kauf nehmen zu müssen.

Versteller für die Dämpfer Plattform
Versteller für die Dämpfer Plattform

Bergab musste das Canyon Spectral CF 9.0 bei uns erst recht beweisen was es kann, denn nicht nur Enduristen, sondern auch trailorientierte Tourenfahrer dürften den eigentlichen Spaß im Downhill suchen. Auch hier macht das Bike einen schnellen Eindruck! Auf den leicht abfallenden Trail eingebogen beschleunigt das Spectral nahezu von alleine. Die Front ist angenehm hoch, sodass auch Anfänger genug Sicherheit verspüren dürften, dabei kann man jedoch noch immer genügend Druck aufs Vorderrad geben um Grip zu erzeugen. Das Bike läd zu einer aktiven Fahrweise ein. Man ist stets versucht an jeder erdenklichen Stelle abzuziehen oder einfach mal noch später vor der Kurve in die griffigen XT Bremsen zu langen.

Wendig auch in engen Kurven
Wendig auch in engen Kurven

Slalom auf dem Trail mit eng stehenden Bäumen macht genauso Laune wie aus Anliegern eine höhere Geschwindigkeit mitzunehmen als mit hinein genommen. Die Conti Reifen glänzen hier mit einem angenehmen Grenzbereich und genug Seitenhalt, auch wenn sie typischen Vertretern aus dem Endurobereich hier nicht ganz das Wasser reichen können. Allerdings möchten wir diesen Punkt schnell wieder vergessen, denn wenn man die Auslegung als tourenorientiertes AllMountain betrachtet geht die Bereifung mehr als in Ordnung. Was für uns jedoch auch bei einem Bike dieser Kategorie so gar nicht passen will ist der schmale Lenker. 760 mm Breite sollten es schon sein um auch auf dem Trail bergab stets Kontrolle behalten zu können. Obwohl unser Testfahrer lediglich Handschuhgröße 7 hat, waren auch ihm die Ergon Griffe in der dünnen Ausführung zu klein. Aufgrund des verhältnismäßig geringen Federwegs der Fox Gabel von 140 mm ist hier jedes Plus an Dämpfung durch Griffgummi willkommen.

Spectral CF 9.0 auf dem Trail
Spectral CF 9.0 auf dem Trail

Bei aller Begeisterung für Rahmen und Geometrie haben wir einige Zeit gebraucht um für uns eine passende Balance zwischen Gabel und Dämpfer zu finden. Beide Federelemente mit 25% Sag abgestimmt fühlten sich für unseren Redakteur mit einem Gewicht (ohne Bekleidung) von 78 Kg anfangs eher unausgewogen an. Während sich die Fox Gabel Straff präsentierte, war der Hinterbau über den gesamten Verlauf sehr nachgiebig. Beim normalen Fahren auf dem Trail hat dies zwar sehr gut funktioniert, wir haben den Federweg jedoch an kleinen Drops von knapp einem halben Meter Höhe selbst in der Medium Einstellung der Dämpferplattform stets komplett genutzt. Weniger versierte oder sehr leichte Fahrer, so wie reine Tourer werden davon nicht viel mitbekommen. Der Enduro Pilot hingegen wird den Hinterbau mit der Werksabstimmung schnell an seine Grenzen bringen. Was sich jedoch wie ein großes Problem anhört ließ sich leicht mit einem mittleren Volumen Spacer aus dem Fox Air Spring Volume Tuning Kit beheben. Diese Spacer verkleinern wirksam das Volumen der Luftkammer und sind binnen 10 Minuten montiert. Durch diese Maßnahme wird die Federkennlinie bei gleicher Anfangssensibilität schnell progressiver und stellt somit mehr Reserven im Endbereich des Federwegs zur Verfügung. Das Resultat dieses Tunings spürt man auf dem Trail direkt, sodass sich das Spectral durch gesteigertes Vertrauen in dessen Hinterbau deutlich selbstbewusster und schneller in härtere Linien steuern lässt.

Send it!
Send it!

Während der 2 x 11 Antrieb in der Ebene und bergauf seine Vorteile ausspielen konnte, werden wir bei der Abfahrt wieder an dessen Nachteile erinnert. Zum einen schlägt die Kette auch mit hauseigener Kettenführung oft mit Wucht von unten gegen die Kettenstrebe, zum anderen sprang diese auch bei härterer Gangart häufig vom großen Blatt. Auch die im Rahmen verlegten Züge machen gern durch Klappern auf sich aufmerksam. Wenn man jedoch überlegt, dass für einen Rahmen mit internem Leitungsrouting schnell der Preis eines kompletten Spectrals aufgerufen wird, lässt sich auch dieser kleine Kritikpunkt leicht verschmerzen.

Stabil auch bei Highpeed
Stabil auch bei Highspeed

Fazit:

Das Canyon Spectral CF 9.0 präsentiert sich als erstklassiges AllMountain Bike für ausgedehnte Touren mit viel Spaß auf den Trails. Die Beschleunigung des Bikes, vor allem bergab, ist überragend. Durch seine ausgewogene Geometrie lässt das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle nie nach. Der Koblenzer Versender wählt ausschließlich hochwertige Komponenten aus, wobei unserer Meinung nach ein wenig Feintuning in Sachen Lenker und Griffen erforderlich ist. Der Rahmen an sich ist eine absolute Augenweide und kommt mit sinnvollen Details wie einem integrierten Anschlagschutz für die Federgabel und innen verlegten Zügen daher. Canyon spendiert dem Bike einen 2 x 11 Antrieb, welcher dessen Tourentauglichkeit unterstreicht. Fahrer über 75 Kg sollten generell über die Verwendung eines Volumen Spacers im Dämpfer nachdenken. An der Stelle möchten wir gegenüber Canyon anregen, das Volume Tuning Kit in den Lieferumfang mit aufzunehmen.

Wer plant sich ein Canyon Spectral CF 9.0 als Leicht-Enduro oder Trailbike zuzulegen, sollte sich das Modell mit der ergänzenden Bezeichnung  „EX“ anschauen. Bei diesem Bike wird das Potenzial des lediglich 1.950 Gramm leichten Rahmens voll ausgenutzt und mit 1×11 Schaltung, sowie einer 150 mm Pike und dem CaneCreek DB-Inline Dämpfer zu einem echten Geschoss kombiniert! Wem diese Version zu teuer ist bekommt das Spectral auch zu einem unschlagbaren Preis-Leistungs-Verhältnis aus Aluminium in der AL 7.0 EX Ausführung. Dabei müssen lediglich 600 Gramm als Mehrgewicht akzeptiert werden.

 

3 Kommentare

  1. Hallo Lorenz,
    zuerst einmal Danke für Dein positives Feedback!
    Bei 1,81 m würden wir zu L raten, gerade wenn es um Touren und weniger Bikepark geht.

    Viele Grüße,
    das Cycleholix-Team

  2. Vielen Dank für diesen tollen Bericht!
    Eine Frage/ Bitte hätte ich: Ich bin 1,81cm groß und liege damit zwischen M und L und fahre eher tourenorientiert (derzeit ein Ghost AMR7500 mit 120mm).
    Wohin sollte man eher bei diesem Bike tendieren zu M oder zu L? – Klar, dass Sie nur eine Meinung äußern können. 🙂

    Vielen Dank im Voraus und weiter so!

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