Neben den ganzen Bikes, die wir bisher testen durften, haben wir natürlich auch privat das ein oder andere Fahrrad im Keller stehen. So kam uns die Idee euch noch mehr an unserer Leidenschaft teilhaben zu lassen und präsentieren unsere Favoriten, mit denen wir unterwegs sind, wenn wir nicht gerade ein Testvehikel unter dem Hintern haben.

tallboy

 

Steckbrief

Editor: Patrick Frech
Größe: 1,75 m
Schritthöhe: 82 cm
Gewicht fahrfertig: 80 kg
Vorlieben Bike: etwas längerer Hauptrahmen, kurzes Heck
Vorlieben Trail: Eigentlich alles mit der Ausnahme von extremen Spitzkehren, da bekomme ich die Krise. Gerne schnell und naturbelassen.
Bike: Santa Cruz Tallboy, Größe M, Custom Aufbau, ca. 12,4 kg

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Nachdem ich mich 2019 auf dem Enduro-Rennen in Paganella recht amtlich gelegt und generell die ein oder andere Blessur hatte, wollte ich es für 2020 etwas lockerer angehen lassen. Das galt für mich persönlich vor allem für Rennen. Hätte ich gewusst, wie erzwungen locker 2020 wird, würde ich aktuell wirklich gerne an einem Rennen teilnehmen, aber das soll hier nicht das Thema sein. 

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Hier noch im alten Setting mit der Pike.

Es sollte ein Trailbike sein, mit dem man auch durchaus bergab Spaß haben kann. Praktischerweise kam Santa Cruz mit diesem bekloppt klingenden „Down-Country“ Marketing-Geschwurbel für das neue Tallboy um die Ecke. Früher hieß sowas mal Tourenfully oder All-Mountain und ganz viel früher einfach Mountainbike.

Von diesen New-Age Bezeichnungen mal ganz abgesehen, war das Tallboy auf dem Papier eigentlich fast genau mein Ding. Ich fahre privat gerne SC Bikes und habe nie schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht. Davon abgesehen funktionieren sie für mich sehr gut und ich mag die sehr einfach und schnelle Art der Wartung des Hinterbaus bzw. der Achsen und der Umlenkung. 

Da die Geometrie bei allen aktuellen Modellen in die Länge gezogen wurde, entschied ich mich im Fall des Tallboy für M statt L, was ich sonst mit Vorliebe fahre. Und natürlich als Frame Kit, da ich meine Räder seit Jahren selbst aufbaue. Der Vorgänger zum Tallboy, mit dem ich auch Rennen gefahren bin war übrigens ein Hightower LT welches ich mit 160 mm an der Front gefahren bin. Darauf bezieht sich also auch mein persönlicher Vergleich.

Fahrwerk

Der Kern des Aufbaus ist in meinen Augen immer das Fahrwerk, welcher in Kombination mit vernünftigen Laufrädern die Basis legt und schnell mal „gut“ von „sehr gut“ trennt. Regulär wird das Tallboy von Santa Cruz mit Fox Float DPS am Heck und einer Pike an der Front verkauft. Ich bin kein Fan von gemixten Fahrwerken. Die Abstimmung ist meiner Meinung nach immer etwas aufwendiger und am Ende sieht es auch einfach falsch  ;) aus. 

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Der Float DPS passt hervorragend zum Charakter des Tallboy.

Probieren wollte ich es aber dennoch und habe neben der 34 Factory, die es dann am Ende auch final wurde (sorry für den Spoiler), auch eine Pike Ultimate in Kombination mit dem Float DPS getestet. Beide Gabeln bewusst mit 140 mm Federweg statt der üblichen 130 mm der Serie. Ich wollte einfach an der Front etwas mehr Spielraum für Ausflüge in alpines Gelände.

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Vorne verrichtet die 34 Factory ihren Dienst.

Long Story Short! Die Pike ist eine sehr gute Gabel, am Ende gefiel mit der Support der 34 im mittleren Federweg und das etwas feinfühligere Ansprechverhalten besser. Das ist aber auch meckern auf Endgegner-Niveau, denn RockShox und Fox dominieren nicht grundlos den Markt.

Laufräder und Reifen

Hier bin ich bewusst den Kompromiss des etwas höheren Gewichts eingegangen. Die Crankbrothers Synthesis E11 hatte ich zwar damals im Test in den Alpen geknackt, aber bei der Nummer hätte auch jede andere Felge aufgegeben. Sie wanderten also auch in das Tallboy, da ich von den Laufrädern nach wie vor sehr überzeugt bin. Da sie für den härteren Enduro Einsatz vorgesehen sind, sollten sie am Tallboy gleich dreimal halten.

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Rekon für das Heck mit recht gutem Abrollverhalten.
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Kann man schon fast als Klassiker für die Front bezeichnen.

Davon abgesehen mag ich einfach den Sound der Industry Nine Naben. Nebenbei bemerkt sind sie für mich aber auch das hochwertigste an Naben, was man so bekommen kann.

Abgerollt wird auf Maxxis. Für die Front setze ich auf den Minion DHR II in EXO TR und hinten auf den Rekon mit EXO TR Karkasse. Der Rekon geht vor allem auf sehr trockenen Boden hinten gerne mal weg, aber immer kontrolliert. Ich mag sowas. Beide Reifen sind 2.4 WT x 29 in der Abmessung.

Antrieb

Hier wird etwas gemixt was man so auch bei Komplettbikes findet. Ich schalte mit Vorliebe durch SRAM, also war die Frage auch beim Tallboy schnell geklärt. Die X01 Gruppe (Schaltwerk, Kasette, Trigger) wurde mit den e13 TRS Race Kurbeln kombiniert.

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Präzise, haltbar, schnell eingestellt.

Warum e13 ? Nun, die letzte Variante, die ich davon gefahren bin, hat heftige Einschläge in Nauders und Paganella abbekommen. Gehalten hat sie dennoch immer vorbildlich. Um auf Nummer sicher zu gehen habe ich dennoch eine neuen Satz verbaut. So eine gebrochene Kurbel gehört nämlich durchaus zu meinen Worst-Case Szenarien auf dem Trail. Direkt nach „Lenker bricht bei Landung“. 

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Synthesis e11 mit Industry Nine. Mein persönliches Stück Bike-Porn!

Für das etwas „BlingBling“ musste natürlich auf jeden Fall die goldene XX1 Kette drauf. Eigentlich wollte ich ja die fesche Regenbogen AXS Kette, aber die war leider zu dem Zeitpunkt nicht zu bekommen. 

Bremsen

Ich bin eigentlich immer treuer Code Fahrer gewesen. Vor allem die RSC Version hat mich nie im Stich gelassen und war auf etlichen Rennen dabei. Dann bin ich letztes Jahr auf dem Rocky Mountain Slayer Launch die neue XTR 4-Kolben Bremse gefahren.

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XT 4-Kolben sind meine aktuellen Favoriten für die Verzögerung.

Was soll ich sagen? Das ist in meinen Augen eine andere Liga was Dosierbarkeit und Leistung angeht. Von der für mich perfekten Hebelergonomie mal ganz abgesehen. Da XT und XTR sich nur im Gewicht unterscheiden habe ich am Ende die XT verbaut. 

Scheiben gibt es ebenfalls von Shimano in der Dimension 203 vorne und 180 hinten.

Cockpit

Ich mag kein Carbon für Lenker. Zum einen wegen der „Lenker bricht“ Horrorvorstellung und zum anderen, weil mir die meist einfach zu steif sind. Das mit dem Brechen kann man heutzutage fast ausklammern, den anderen Punkt auch, aber irgendwie bin ich bei Aluminium für das Cockpit geblieben.

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Schlicht und elegant kann die Plus Kombi gut.

Hier habe ich das neue Cockpit von e13 verbaut. Genauer gesagt den Plus Lenker und den Plus Vorbau. Beide sind mit einer 35er Klemmung versehen. Den Lenker habe ich auf 780 mm gekürzt und der Vorbau ist 40 mm lang. 

Optisch dezent und edel, finde ich die Teile für einen ersten Wurf in dem Bereich von e13 durchaus mehr als gelungen.

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Der Hellbender ist der Mid-Range Steursatz von Cane Creek. Bisher verrichtet er seinen Dienst fabelhaft.

Bei den Griffen schwanke ich immer etwas. Ich liebe die Sensus Lite, habe mich beim Tallboy aber am Ende für die Ergon GD1 entschieden. Die bieten etwas mehr Dämpfung und haben extremen Grip.

Und sonst ?

Sattelstütze von Bikeyoke und zwar die Divine mit 160 mm. Aktuell für mich die beste Stütze am Markt und deshalb Pflicht im Aufbau. Egal ob Revive oder Divine, die Teile verrichten komplett problemlos ihren Dienst. Einbauen und keine Gedanken mehr drum machen.

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Sattel ist aktuell von Fizik. Genauer gesagt der Gravita Alpaca X5, welcher durchaus als komfortabel bezeichnet werden kann.

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Flaschenhalter gibt es natürlich auch, denn im Rahmen ist ausreichend Platz. Ich bin ein großer Freund davon, weshalb Rahmen ohne die Möglichkeit einer Flaschenhalterung im Rahmendreieck für mich direkt ausscheiden. Notfalllösungen unter dem Unterrohr mancher Hersteller finde ich persönlich komplett sinnfrei. Da kann man auch aus der Pfütze trinken.

Ich setze schon länger auf die Lösungen von Fidlock und bin super zufrieden damit.

Kommen wir zum Wesentlichen

Komponenten sind ganz nett und wichtig, am Ende zählt aber wie sich der komplette Aufbau fährt. Und hier war ich mehr als überrascht, was die „Nehmerqualitäten“ des Tallboy angeht. Lokale Trails auf dem Feldberg, Frankenstein und im Pfälzer Wald sind allesamt völlig problemlos fahrbar. Das hat mich ehrlich gesagt auch nicht weiter verwundert, denn das ist eigentlich das klassische Einsatzgebiet eines Trailbikes.

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Das Tallboy hat mich häufig mit einem dicken Grinsen bergab befördert!

Aber selbst hier kann man bereits eine Ahnung davon bekommen, wie das Tallboy auf heftigere Gebiete reagieren könnte. Der Hinterbau arbeitet gewohnt sensibel und souverän. Hier hat Santa Cruz über die ganze Modellpalette mit dem neuen Lower-Link ganze Arbeit geleistet. Mich persönlich fasziniert auch, wie absolut ausreichend 120 mm am Heck sein können. Zumindest ich konnte bei keiner Abfahrt einen Durchschlag verzeichnen. Auch hatte ich ganz selten das Gefühl hier mit zu wenig Federweg unterwegs zu sein.

Das war tatsächlich so einer der ersten Aha-Effekte. In Kombination mit den 140 mm an der Front und den 29 Zoll Laufrädern fährt das Tallboy nicht nur problemlos über größere Hindernisse und grobes Terrain, es macht das Ganze auch noch sehr verspielt. Das Fahrwerk bietet viel Popp und die ganze Fuhre fährt sich unglaublich lebendig. Das führt dazu, dass man an jeder kleinen Wurzel abziehen möchte und es auch oft macht.

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Das Schöne daran ist, dass man auch größere Tables und Doubles angehen kann. Man sollte dann eben die Landung treffen, denn ein beherzter Sprung ins Flat wäre dann sicher doch zu viel des Guten.

Oder um es kurz zusammen zu fassen, das Tallboy ist für mich auf lokalen Trails die eierlegende Wollmilchsau. Schnell, agil, spaßig, stabil!

Worauf ich persönlich aber gespannt war, dass war der Einsatz in alpinem Gelände. Corona sei Dank war und ist das dieses Jahr natürlich so eine Sache. Dennoch sind wir in kleiner Besetzung und unter Einhaltung der notwendigen Vorsicht nach Nauders gefahren. Primär für einen kleinen Urlaub, aber irgendwie arbeitet man dann doch noch mindestens einen Tag.

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Auf genau solchen Naturtrails ist man auf dem Tallboy sehr gut aufgehoben.
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Kann den ganzen Tag so weiter gehen…

Nun kenne ich die Trails in Nauders mehr oder weniger auswendig und fahre unglaublich gerne in der Region. Ich war mir auch ziemlich sicher, dass beim Bunkertrail und/oder dem Haideralm Schluss mit Lustig auf dem Tallboy ist.

Doch siehe da, ich wurde eines Besseren belehrt. Natürlich rumpelt es mehr als mit einem waschechten Enduro mit 160 mm Federweg oder mehr, aber das ist auch logisch. Fehlenden Federweg ersetzt man also im besten Fall durch hohe Dynamik des eigenen Körpers. Ist am Ende anstrengender, macht aber tierisch Laune.

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Anlieger gehen übrigens noch mit deutlich mehr Druck als auf diesem Foto ersichtlich ;)

Ich würde sogar soweit gehen, dass mir der Bunkertrail mit dem Tallboy mehr Spaß gemacht hat als mit dem Hightower LT. Das liegt unter anderem daran, dass man sich mehr auf die Linienwahl konzentriert. In meinem Fall bedeutet es, das ich mir überhaupt mal Gedanken um eine Linie mache, da ich sonst eher der Typ „Die schnellste Verbindung ist eine Gerade“ bin.

Die Grenze waren dann Teilabschnitte des Haideralm. Hohe Stufen, ordentlich verblockte, steile Passagen und so weiter. Das geht auch alles mit dem Tallboy, macht dann aber so langsam nicht mehr wirklich Spaß und ist mit viel Konzentration verbunden. Bergab ist das Tallboy für mich mit sehr wenig Kompromissen verbunden. Es steckt deutlich mehr weg als man vermutet und das auch noch ziemlich souverän. Nach vier Tagen in Nauders benötigt es dann aber auch durchaus etwas Liebe.

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Bergauf kann es übrigens auch. Ich bin jetzt kein Mensch, der von sich behauptet, dass er gerne Berge hoch fährt. Für mich ist das Hochfahren Mittel zum Zweck. Macht man die Plattform am Heck zu, dann fährt sich das Tallboy schon fast wie ein Hardtail. Klassiker für so etwas ist der 3-Länder Trail in Nauders. 

Den Schotterweg hoch zur Reschner Alm kennt sicher jeder der einmal dort war. Vor allem in der Mittagshitze zieht sich das wie Kaugummi, obwohl es nicht einmal 800 Höhenmeter sind. Mit dem Tallboy hatte ich tatsächlich Spaß auf dem Weg nach oben, das will was heißen. Nauders mal außen vor gelassen kann ich das so aber auch für diverse andere Bergaufpassagen bestätigen. 

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Ob kurze Sprints oder längere Passagen, bergauf passt das Tallboy gut zu meinen Fähigkeiten.

Schlussendlich ist es jetzt so, dass ich privat einzig und alleine ein Rad habe. Das Tallboy deckt für mich alles ab, was ich aktuell fahre. Sei es die Tour mit der Familie durch den Wald, kleine Konditionsrunden oder eher ordentliches Gehacke auf passenden Trails. Klappt alles wunderbar.

Das Tallboy und ich haben jetzt knappe 5 Monate zusammen auf dem Buckel und die Chancen stehen sehr gut, dass es noch viele Monate mehr werden. 


Text und Redaktion: Patrick Frech, Robin Krings
Fotos: Philipp Kargel, Patrick Frech 

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