Knappe 6 Monate befindet sich das 2017er Model des Specialized Enduro in der Pro Version nun bei uns im Testbetrieb. Über Einsätze in Bikeparks, tägliche Touren, epische Trails im Vinschgau und harte Renneinsätze hatten wir bereits alles im Programm und präsentieren euch im zweiten Teil unseres Dauertest die umfangreichen Fahreindrücke des 29er Enduros.

Unter anderem im Vinschgau haben wir das 29er Enduro auf staubigen Strecken gefordert.
Unter anderem im Vinschgau haben wir das 29er Enduro auf staubigen Strecken gefordert.

Auf Verarbeitung und die Details des Enduro sind wir bereits in unserem ersten Teil des Dauertests eingegangen. Eine Besonderheit, die bereits von den Stumpjumper Modellen bekannt ist, hat uns vor allem im Raceeinsatz sehr überzeugt – S.W.A.T.

S.W.A.T. Fach, Flaschenhalter und das integrierte Multitool für die nötigsten Reparaturen am Bike.
S.W.A.T. Fach, Flaschenhalter und das integrierte Multitool für die nötigsten Reparaturen am Bike.

Eine super praktische Sache besonders für die, die gerne ohne Rucksack fahren. Auf Endurorennen die über Verpflegungsstationen verfügen, kann man sich den Rucksack durchaus komplett sparen. In unserem S.W.A.T. Fach befanden sich außer einem Ersatzschlauch auch noch zwei Reifenheber und eine CO2 Kartusche. Um lästiges Klappern zu vermeiden und Ordnung zu wahren, sollte man nach Möglichkeit alles gemeinsam im Fach verstauen. Das Multitool, welches am Flaschenhalter befestigt ist, hat das nötigste an Funktionen. Es ist sehr kompakt und das Einzige, was wir uns noch wünschen würden, wäre ein integrierter Nippelspanner, der uns bei dem ein oder anderen Rennen schnell hätte helfen können. Insgesamt ist die Verwendung von S.W.A.T. im Enduro ein sinnvoller Schritt gewesen, der uns das Leben teilweise deutlich erleichtert hat.

Das nutzen anderer Dämpfer ist nicht ohne weiteres möglich. Hier muss man auf Lösungen von Drittherstellern zurück greifen.
Die Verwendung anderer Dämpfer ist nicht ohne Weiteres möglich. Hier muss man auf Lösungen von Drittherstellern zurückgreifen.
Das Fahrwerk

Die Lyric RC liefert gewohnt gut ab und lässt selten den Wunsch nach der RCT3 Variante aufkommen. Der anfänglich verbaute Token erwies sich über den bisherigen Testzeitraum als richtige Entscheidung.  Die Progression wurde leicht erhöht und selbst bei härteren Landungen konnte der Federweg komplett genutzt werden ohne ein Durchschlagen zu provozieren. Die Lyrik steht dabei immer hoch im Federweg ohne diesen unnötig freizugeben oder zu verschwenden. Das bei dem gewohnt geschmeidigen Ansprechverhalten, welches nahezu alle Rockshox Komponenten auszeichnet. Der verbaute Öhlins STX22 hinterlässt teilweise etwas gemischte Gefühle bei uns. Er harmoniert zwar sehr gut mit dem recht linearen Hinterbau des Specialized Enduro, allerdings ist die Zugstufe für unseren Geschmack etwas zu impulsiv. Je nach Fahrer hatten wir diese entweder komplett geschlossen, oder maximal um zwei Klicks geöffnet, um keine Tritte vom Heck zu kassieren. Maximal Sechs Klicks sind möglich, wir würden uns für die Zukunft aber an dieser Stelle einen etwas breiteren Einstellbereich wünschen. Die Druckstufe hingegen verrichtet ihren Dienst sehr gut. Die Verstellung ist angenehm gerastert und lässt sich sehr einfach bedienen. Hier bringt jeder Klick eine spürbare Veränderung und man kann den Dämpfer sehr gut an die eigenen Vorlieben anpassen. Die Lowspeed-Druckstufe verfügt über insgesamt 9 Klicks Verstellbereich. Die Highspeed-Druckstufe ist in drei Modi (Soft, Medium, Firm) aufgeteilt. Der 3-fach Versteller am Öhlins STX22 bietet je nach Untergrund ein eher softes, oder eben ein straffes Setup. Soft und Medium bieten einen deutlich spürbaren Unterschied und machen „on the Fly“ auf vielen Trails Sinn. Firm kommt lediglich zum Einsatz wenn es richtig bergauf geht. Wer mehr Unterstützung im Uphill benötigt, kann alternativ die Lowspeed-Druckstufe schließen, hat aber nicht den Komfort einfach einen Hebel umzulegen. Bei der Variante sollte man jedoch seinen Verstellbereich im Kopf haben, wenn man zum ursprünglichen Setup zurück möchte.

Uphill

Das Specialized Enduro ist eines, wenn nicht sogar das aktuell stimmigste 29er Enduro am Markt, was die Ausgewogenheit zwischen Up- und Downhill angeht. Längere Touren stellen absolut kein Problem dar und sind problemlos zu bewältigen. Unsere schon fast klassischen Ausflüge in den Pfälzer Wald wurden mehr als gerne mit dem Enduro absolviert. Man sitzt stets gut mittig positioniert im Rad und kann die Kraft gut in die Pedale leiten. Hier spürt man die gute Geometrie aus 66 ° Lenk- und 76 ° Sitzwinkel. Auch an steilen Rampen neigt die Front nicht zum Steigen und man ist selten dazu gezwungen das Gewicht stark nach vorne zu verlagern. Engere Kurven stellen bergauf kein Problem dar und das 29er ist durchaus wendiger als wir es anfangs erwartet hatten. Bei technischen Passagen kommen die Vorteile der großen Laufräder abermals zum tragen, da man manch heiklen Abschnitt schlichtweg deutlich einfacher überrollt als mit 26″ oder 27.5″. Effizienz ist eine der Eigenschaften, die wir Bergauf auf jeden Fall mit dem Specialized Enduro verbinden. Einen nicht unerheblichen Anteil an dieser Effizienz trägt der SRAM Eagle Antrieb bei. Die enorme Bandbreite lies zu keiner Zeit den Wunsch nach mehr aufkommen. Das 50er Ritzel mussten wir nur sehr selten bemühen und die Kombination mit dem 30er Kettenblatt passt. Kleiner Nachteil an der kompakten Bauweise der Kassette ist, dass die Abstände der Ritzel sehr gering und dadurch anfällig für Dreck sind. Wenn die Kassette sich zusetzt, kann das zu unschönen Schaltvorgängen führen. Begleitet wird die gute Uphill-Performance vom jederzeit spürbaren Grip des Slaughter Reifens am Heck wenn der Untergund trocken und griffig ist. Wenn starke Nässe oder Matsch ins Spiel kommt, hat der Slaughter wie jeder andere Semi-Slick auch zu kämpfen.

Schnelle Passagen mag das Enduro. Egal ob Up- oder Downhill.
Schnelle Passagen mag das Enduro. Egal ob Up- oder Downhill.
Downhill

Hier könnte man es kurz machen, denn die simple Formel beim Specialized Enduro lautet „Mehr Geschwindigkeit = Mehr Geil!“. Aber ganz so einfach wollen wir es uns dann doch nicht machen. Das 29er möchte auf jeden Fall zügig bewegt werden. Es kann auch gemütlich, aber das wollen Fahrer und Bike in unserem Fall eigentlich selten. Steil, ruppig und verblockt sind die Trails, auf denen sich das Specialized Enduro am wohlsten fühlt. Man fasst sehr schnell Vertrauen in seinen Untersatz, welches man dann später auch benötigt um die Bremse bergab einfach mal offen zu lassen. Sehr stabil, sicher und vor allem Spurtreu kann man es dann über die Trails jagen und generiert dadurch sehr schnell viel Geschwindigkeit. Schnelle Richtungswechsel oder spontanes „abziehen“ an natürlichen Hindernissen werden nahezu zum Kinderspiel und offenbaren ein Potential der 29er Enduros, an welches man vor Drei Jahren so sicher noch nicht geglaubt hätte. Die Position des Fahrers ist dabei stets aktiv-offensiv aber nicht so aggressiv wie zum Beispiel auf dem Hightower von Santa Cruz. Die Mischung aus Laufruhe und gleichzeitiger Verspieltheit ist gelungen und macht einfach verdammt viel Laune. Man hat förmlich das Gefühl am Trail zu „kleben“ und das gesamte Fahrwerk vermittelt das begehrte „Bottomless“ Gefühl des Federwegs. Auch im Bikepark geht das Enduro so dermaßen gut bergab, dass selten der Wunsch nach einem Bigbike aufkommt bzw. man sich mehr Federweg wünscht. Auch heftigere Sprünge mit einem nicht unerheblichen Anteil an Airtime kann man ganz entspannt angehen. Das Specialized Enduro ist hier ein treuer Begleiter wenn es um das Thema bergab geht. Dabei spielt es kaum eine Rolle ob es der entspannte Feierabendtrail ist, oder man komplett auf Angriff gebürstet alpine Strecken gen Tal prügelt. Das gesamte Konzept ist sehr nahe dran an der „eierlegenden Wollmilchsau“ oder eben dem einen Bike für alles.

Je gröber das Gelände wird, umso mehr fühlt man sich in seinem Element.
Je gröber das Gelände wird, umso mehr fühlt man sich in seinem Element.
Die Bremsen

Recht souverän zeigten sich die verbauten Guide RS Bremsen, die jederzeit für eine gut kontrollierbare Verzögerung sorgten. Auch auf längeren Passagen bergab blieb die Bremsleistung konstant und bietet wenig Ansatz für Kritik. Der Druckpunkt ist gut, könnte aber für unseren Geschmack etwas knackiger bzw. präziser sein, um unter anderem bei Spitzkehren etwas mehr Feingefühl in die Kurven zu bringen. Meckern auf hohem Niveau, aber ein nicht unwichtiger Punkt. Fading war bisher nicht feststellbar und die Bremsleistung ist weiterhin unverändert gut.

Passt - Die Guide RS steht dem Enduro und lässt wenig Wünsche offen.
Passt – Die Guide RS steht dem Enduro und lässt wenig Wünsche offen.
Und sonst so?

Aktuell haben wir auf dem Specialized Enduro deutlich über 600 km Strecke und weit über 15000 hm vernichtet. Tendenz dank Renneinsatz stark steigend. Zum Ende der Saison erwartet euch der dritte und letzte Teil des Dauertests, der dann unter anderem zeigen wird, ob das 29er auch die komplette Saison über gehalten hat und welche Komponenten eventuell Kummer bereitet haben.


Text: Jakub Reichhart, Patrick Frech
Fahrer: Jakub Reichhart, Patrick Frech, Philipp Kargel
Bilder: Jakub Reichhart

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