Auch in der Saison 2017 kommt Scott mit seinem Gambler in Alu und Floating Link auf den Markt und ist somit einer der wenigen großen Hersteller, die noch auf den altbewährten Rohstoff setzen. Wir waren sehr gespannt, ob das Arbeitsgerät von Brendan Fairclough mit dem Rest der Downhillboliden mithalten kann. Nicht zuletzt wegen der hochwertigen Ausstattung haben wir keine bösen Überraschungen erwartet.

Erster Eindruck:

Das Top Model kommt in einer schicken matt-schwarzen / orangen Lackierung daher und ist mit allerhand feinen Parts gespickt. Aber die Blicke werden schnell auf das Herzstück des Rahmens, den Floating Link, gezogen.

Der Floating Link – sieht kompliziert aus…

Nicht nur die wuchtige Anmutung des Federungssystem wecken die Aufmerksamkeit des geneigten Betrachters, viel mehr regt die Anlenkung des FOX Float X2 zum Nachdenken an. Wir haben nach dem Auspacken des Bikes schon ein oder zwei Minuten gebraucht, um zu verstehen, wie die Kräfte tatsächlich in den Dämpfer eingeleitet werden.

Aber wie das immer so ist: wenn man es einmal verstanden hat, sieht es gar nicht mehr so kompliziert aus. Die einteilige Alu-Schwinge dreht sich um ein, vertikal über dem Tretlager positioniertes, Hauptlager und komprimiert somit über eine „Verlängerung“ den Dämpfer.

Die von uns sogenannte „Verlängerung“ wird im Hause Scott unter der Technologiebezeichnung Floating Link geführt. Alleine am Namen lässt sich erkennen, dass es sich hier keinesfalls um eine simple Verlängerung des Dämpfers handelt, sondern dass hier einiges an Entwicklungsarbeit investiert wurde. Beim Floating Link wird laut Scott über „sämtliche Aspekte der Übersetzungsverhältnisse“ die Feinabstimmung zwischen Schwinge und Dämpfer realisiert. In erster Linie schafft Scott es mit dem Floating Link, den Dämpfer möglichst grade anzusteuern. Damit  werden Querkräfte auf den Dämpfer vermieden und das Ansprechverhalten des Hinterbaus verbessert. Zu dem daraus resultierenden sahnigen Fahrgefühl steuert auch das Übersetzungsverhältnis zwischen Hub und Federweg bei. Scott verbaut im Gambler die lange Version des FOX Float X2 Kashima mit einer Einbaulänge von 267mm und einem Hub von 89 mm und das bei einem Federweg von 210 mm.

Auch an der Front setzt Scott auf das Flaggschiff der Federelemente, die FOX 40 RC2 Factory. Über die Forke haben wir ja bereits das ein oder andere Mal berichtet. Auch im Scott hat sie nicht enttäuscht.

Beim Antrieb und bei der Verzögerung wurde, wie beim Rahmen, mehr auf Haltbarkeit und Performance, als auf Gewicht geachtet. Scott verbaut die bewährte Saint Gruppe von Shimano. Des Weiteren bedient sich Scott bei allen weiteren Komponenten in der Produktpalette von Syncros. Nicht nur der weiter unten näher beschriebene Steuersatz, sonder auch Griffe, Sattel, Sattelstütze und Felgen kommen aus dem Hause Syncros und ergeben somit ein rundes Bild. Das Bike sieht aus wie aus einem Guss, aber nicht übertrieben bunt.

Mit einem Blick auf alle möglichen Einstellmöglichkeiten des Rahmens wird einem fast schwindelig. Es bedarf wohl einem wirklich technikverliebten Kunden, um alle Geometrievariationen des Rahmens durchzutesten.

Rein rechnerisch könnte man den Rahmen in 40 verschiedenen Geometrieeinstellungen fahren.

Über die IDS-X Ausfallenden kann man innerhalb von 15 Minuten die Kettenstrebe von 425 mm auf 440 mm verlängern. Hinterrad ausbauen, Bremssattel inklusive Bremsaufnahme versetzen und das Hinterrad mit der exzentrischen Steckachse wieder einbauen. Et Voilà.

In die Verlängerung in 15 min

Über den Flipchip an der unteren Dämpferaufnahme lässt sich das Tretlager um 10 mm auf 343 mm absenken und der Lenkwinkel um 0,7° auf 63° abflachen.

Tiefes oder Hohes Tretlager, auch dies lässt sich in wenigen Minuten ändern.

Weiterhin legt Scott für den Steuersatz von Syncros zwei weitere Lagerschalen mit in den Karton, über welche man den Lenkwinkel entweder um 1° oder um 2° in die ein oder andere Richtung verstellen kann. Der Steuersatz gibt einem also alleine 5 weitere Möglichkeiten die Geometrie anzupassen.

Und zu guter Letzt kann das Gambler auch noch mit 26“ Rädern gefahren werden. In der HIGH BB Setting mit 26“ Rädern wird wohl nahezu die gleiche Geometrie realisiert, wie im LOW BB Setting mit 27,5“.

 

Bei unserem Test haben wir uns auf die serienmäßig verbauten Komponenten, wie die 27,5″ Laufräder und auf die verbauten Lagerschalen beschränkt. 26″ Liebhaber freuen sich über die mögliche Option und die ultra flachen 61° Lenkwinkel richten sich eher an Rennfahrer.

Nun aber aufgesessen:

Wir haben das Bike zunächst in den Werks-Geoeinstellungen über die Vereinsstrecke des HD-Freeride e.V. in Heidelberg geschickt.

Das Bike wird im LOW BB Setting mit kurzer Kettenstrebe und den mittleren Lagerschalen des Steuersatzes ausgeliefert. Also 63° Lenkwinkel, eine 425 mm lange Kettenstrebe und ein 343 mm hohes Tretlager sollten uns zunächst über die Downhill Vereinsstrecke begleiten. Wer die Strecke in Heidelberg kennt, weiß, dass es hier ganz gut zu Sache geht. Von steilen Steinfeldpassagen, über lange schnelle und kurze enge Anlieger, bis hin zu Sprüngen mit harten Landungen hat die Strecke alles zu bieten, um einem DH Bike richtig auf den Zahn zu fühlen.

Harter Einsatz für das Gambler 710

Ein gutes Fahrwerks Set-Up hatten wir erstaunlich schnell gefunden.

Mit 65 PSI (Fahrergewicht ca. 83kg), den serienmäßig verbauten 4 Tokens in der FOX 40 und 16 Klicks High Speed Druckstufe (von geschlossen) hat uns die Federgabel genügend Feedback geboten, um gezielt durch enge Kurven zu steuern. Das kurze Heck folgt dem Vorderrad anstandslos und lädt dazu ein mal wieder mehr Kurven zu fahren, anstatt die vielleicht schnellste Linie gen Tal zu wählen. Mit einem mittleren Setting der Low Speed Druckstufe (12 Klicks von geschlossen) hatten wir aber auch in der Falllinie nie das Gefühl über den Lenker zu gehen.

Flink wie ein Wiesel mit kurzer Kettenstrebe oder laufruhig und mit ein wenig Nachdruck mit langer Kettenstrebe

Den Dämpfer sind wir mit 200-210 PSI und waren begeistert von dem feinfühligen Ansprechverhalten des Hinterbaus. Das Heck scheint auf jeden Stein zu reagieren und bügelt diese fast ohne einen Laut weg. Die High Speed und Low Speed Druckstufe haben wir recht weit zugedreht (LSC 6 Klicks, HSC 10 Klicks)

Schwierig war es den Luftdämpfer im mittleren Federwegbereich zu halten und bei harten Landungen noch genügend Reserven zu haben. Insbesondere im LOW BB Setting kommt der Bashguard bei voller Kompression dem Boden gefährlich nahe.

Stabil in der Luft, aber Aufpassen bei der Landung – Bodenkontakt

Insbesondere in schnellen Anliegern mit viel Kompression hatten wir öfter das Gefühl, als würde man leicht durch den Federweg sacken und der Körperschwerpunkt würde nach hinten gezogen. Um keine Traktion am Vorderrad zu verlieren, mussten wir den Körperschwerpunkt aktiv nach vorne verlagern, was wiederum zu einer Entlastung des Hinterrads und dort zum Traktionsverlust führt. Hier hat sich gezeigt, dass die von Scott serienmäßig verbauten 4 Tokens im FOX FLOAT X2 nicht ausreichen, um eine gute Balance zwischen der recht progressiven Gabel (4 Tokens) und dem Dämpfer zu erzielen. Wir hätten dem Dämpfer gerne min. 2 Tokens mehr verpasst, um die Federkennlinie progressiver auszulegen. Seit der Begrenzung der X2 Dämpfer auf maximal 250 PSI, dürfen auch nur maximal 4 Tokens verbaut werden, was dazu geführt hat das wir das Fahrwerk nicht optimal nutzen bzw. einstellen konnten. Für das Modelljahr 2018 kommt das Gambler mit angepasstem Tune und modifizierter Umlenkung um dem entgegen zu wirken.

Das Gambler im HIGH BB Setting in Kombination mit der kurzen Kettenstrebe hat sich als guter Begleiter für Jumplines herausgestellt. Es ist in dieser Einstellung schön agil und bietet ein wenig mehr Bodenfreiheit, um bei harten Landungen nicht gleich mit dem Bashguard aufzusetzen.

Schließlich haben wir uns noch an der längeren Kettenstrebe in Kombination mit dem LOW BB Setting versucht. Mit 440 mm ist die Strebe nicht übertrieben lang, verleiht dem Gambler aber ein wenig mehr Laufruhe. Im direkten Vergleich zum LOW BB Setting kam schon das Gefühl auf, dass das Hinterrad recht spät in die Anlieger folgt und man das Bike deutlich aktiver fahren muss, um die Kurven zu kommen. Nichtsdestotrotz hat uns die lange Einstellung für die ruppige Downhillstrecke in Heidelberg am besten gefallen.

Ach ja, da war ja noch was: Der Rahmen ist ja aus Aluminium. Kurz und knapp, uns ist kein negativer Unterschied aufgefallen. Weder in Sachen Steifigkeit, noch im Gewicht, da das Gambler mit 16,5 kg im guten Mittelfeld für DH Bikes mit vergleichbarer Ausstattung liegt.

Fazit:

Scott hat gut daran getan das markante Floating Link Konzept auch diese Saison wieder im Gambler zu verwenden. Der feinfühlige und leise Hinterbau verleitet zum Gas geben und die robusten Komponenten steuern ihren Teil zur Sicherheit bei. Auch wieder auf Alu zu setzen, hat sich zumindest bei unserem Test nicht als Nachteil herausgestellt. Und auch die World Cup Saison 2017 ist noch jung und Brendan Fairclough kann noch zeigen, ob er mit, oder Dank seines Scott Gambler in die Top 20 fährt.

Für 6799 € bekommt man bei Scott nicht nur ein hervorragend ausgestattetes und gut aussehendes Bike, sondern an die 40. Mit schier grenzenlosen Einstellmöglichkeiten kann sich jeder Kunde, der sich ein Zeit zum Testen und Schrauben nimmt, seine Traumgeometrie zusammenstellen. Zugegebenermaßen sollte man sich schon ein bisschen auskennen, aber das setzten wir jetzt bei Kunden, die derartige Summen für ein Fahrrad ausgeben einfach mal voraus.

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