Über die Notwendigkeit der verschiedenen Bike-Kategorien lässt sich streiten. Die rasante Entwicklung bei den Mountainbikes im Allgemeinen und der Trend zu den vielseitigen Enduro-Bikes im Speziellen, könnten einen fast glauben lassen, dass die Kategorie der „Freeride-Bikes“ mittlerweile ausgestorben ist. Robust und mit ausreichend Federweg für die härtesten Freeride-Lines sowie wendig und agil für den coolen Style, gehörte diese Bike-Kategorie einst fest zum Portfolio aller großen Hersteller. Mit der Entwicklung der potenten und im Gegensatz zu den Freerider leichten Enduro-Bikes wurden Big Hit, Switch & Co nach und nach von ihren Enduro-Brüdern abgelöst. Man muss heute also ein wenig suchen, um an ein Freeride-Bike zu kommen. Der polnische Hersteller NS Bikes hat vor kurzem sein Define 170 vorgestellt, welches genau diese Nische füllen soll. Cycleholix hat das NS Bikes Define Al 170 nach dem Launch vier Wochen für euch testen können, um herauszufinden inwieweit dies der Fall ist.

NS Bikes hat sich schon immer die Nischen der Gravity-Mountainbike-Szene für ihr Portfolio ausgesucht. Daher sei auch hier gleich vorweggenommen, dass das Define explizit nicht das breite Publikum unseres Trendsports ansprechen soll und dies auch nicht tut. Vielmehr soll das NS Bikes Define 170 Al diejenigen unter uns ansprechen, die gerne die wurzeligen Freeridelines der Bikeparks mit Style hinabfegen oder den 8-Meter-Double hinterm Haus sicher und selbstbewusst senden sowie auch hin und wieder damit bergauf pedalieren möchten. Und sind wir einmal ehrlich – das sind nicht sooo viele unter uns. Auch ich persönlich gehöre nicht dazu, sehe trotzdem im NS Bikes Define 170 Al durchaus das perfekte Bike für bestimmte Anwendungen in unserem sehr breiten Sport. Wie es zu dieser Erkenntnis kommt, lest ihr im Folgenden.

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Ab Werk als Mullet-Aufbau mit 27,5 ” Laufrad hinten und 29 ” Laufrad vorne

 

Rahmen und Ausstattung des NS Bikes Define Al 170

Der insgesamt 15,5 kg schwere Koloss kommt mit einer sehr abfahrtsorientierten, aber kompakten Geometrie ums Eck. Der Aufbau mit 29“-Laufrad vorne und einem 27,5“-Laufrad hinten soll dabei auch das letzte zusätzliche Quäntchen an Bergab-Performance und hoher Wendigkeit mitbringen. Der flache 64,5° Lenkwinkel verwundert somit ebenso wenig wie der in unserer verfügbaren Größe M gemessene hohe Stack von 644 mm. Die kurzen Kettenstreben von 438 mm sollen das leichte Handling unterstreichen und der 76° steile Sitzwinkel lässt zumindest auf dem Papier die Möglichkeit offen, mit dem 15,5 kg Bike tretend den Berg hinaufzukommen.

Ein sehr interessantes Feature am Rahmen des Defines ist ein kleiner Flip-Chip an der Aufnahme des unteren Dämpferauges. Dieser lässt sich um 180° gedreht verbauen, sodass dadurch die Tretlagerhöhe um 5 mm erhöht und der Lenkwinkel um 0,5° steiler wird. Eine Option, die sich bestimmt zum entspannteren Pedalieren bergauf anbieten könnte.

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Mit dem Flip-Chip am Dämpfer kann die Geomtrie verändert werden.

Der Hinterbau des NS Bikes Define 170 Al ist als Horst-Link-Kinematik ausgeführt und soll dadurch das Anti-Squat-Verhalten während des Pedalierens ebenso unterstützen, als auch eine progressive Federkennlinie mit einem durchgehendem Anti-Rise um die 60% das Heck stets aktiv im ruppigen Gelände halten.  Im Hinterbau des Define AL 170 1 arbeitet ein Fox X2 Performance, den man mit Hilfe von 4 mm Inbus  die Low -Speed-Druck- und Low-Speed-Zugstufe auf seine Vorlieben anpassen kann. Eine werkzeuglose Druckstufen-Erhöhung  mittels Hebelchen ist bei der am Define AL 170 1 verbauten Dämpfervariante nicht möglich. Der Hinterbau stellt 170 mm Federweg zur Verfügung.

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Die Horst-Link-Kinematik sorgt für ein aktives Fahrwerk am Hinterbau.

An der Front des Defines AL 170 1 ist eine Fox 38 Performance verbaut, die dem Fahrer 180 mm Federweg vorne bereitstellt. Die darin schlummernde Grip-Kartusche kann ebenfalls in Low-Speed-Druck- und Zugstufe individuell eingestellt werden. Die werkzeuglose Erhöhung der Druckstufen-Dämpfung ist hierbei bequem am oberen Gabelschaft zu bewerkstelligen.

Der Antrieb besteht aus einem bunten Mix an GX- und NX-Eagle Schaltkomponenten.  Die Kassette aus dem NX-Regal hält zwar „nur“ eine im Vergleich zu seinem GX- oder X01-Pendant geringere Bandbreite von 11 bis 50 Zähnen bereit, jedoch dürfte dies mit dem 34er Kettenblatt für den Einsatzzweck vollkommen ausreichend sein.

Als Bremsanlage hat NS-Bikes dem Define eine Guide RE ebenfalls aus dem Hause SRAM verpasst. Die für E-Bikes optimierte Guide-Version „RE“ verspricht mit ihren von der alten Code-Bremse  geerbten 4-Kolben-Sättel am Define 170 ausreichend Power in steilen, langen Freerides. Anders als bei unserem Testmodell sind vorne als auch hinten 200 mm Bremsscheiben für maximale Verzögerung und Standhaftigkeit bei längeren Abfahrten verbaut.

Beim kurzen Blick auf die Alu-Laufräder des Defines mit Naben aus dem eigenen Haus fällt außer der unterschiedlichen Größen zwischen dem 29“-Voderrad und dem 27,5“-Hinterrad nichts Besonderes auf. Schaut man sich im Datenblatt jedoch die darauf aufgezogenen Maxxis High Roller II genauer an, stellt man beruhigt fest, dass der tendenziell härter herangenommene Hinterreifen eine DH-Karkasse  besitzt und der Vorderreifen die leichtere EXO-Karkasse. Der Hinterreifen an unserem Testbike hatte abweichend zur Spec eine Double-Down-Karkasse besessen.

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Auf dem Trail

Auch wenn es nicht unbedingt der von NS Bikes dargestellte Haupteinsatzbereich ist, musste ich mich während der vier Wochen aufgrund der damals gültigen Reise- und Sportstättenbeschränkungen auf ausgiebiges Testen vor meiner Haustür beschränken. Somit standen Doubles und DH-Lines im Bikepark nicht auf dem Plan, als vielmehr die nicht besonders weniger anspruchsvollen Naturtrails des Alpenvorlands.

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Wenn auch nicht primär dafür gedacht, fühlt sich das Define auf dem Haustrail sehr wohl.

Das erste Gefühl beim Aufsitzen und „Spielen“ mit dem Define 170 vermittelte mir sofort das mir noch aus der Jugend allgegenwärtige Gefühl meines Rocky Mountain Switch, also das eines Freeriders: Kompakte Geometrie, ein sehr potentes Fahrwerk und eine gewisse Trägheit aufgrund des Gewichts. Was sich aber auch definitiv anders zu anno-dazu-mal anfühle, ist das Empfinden „im“ Bike zu sitzen anstatt „darauf“.

Die ersten Trail-Runden durch den Wald bestätigten diesen Eindruck unmittelbar. Die Gabel und der Hinterbau mit ihrem üppigen Federweg saugen jede Wurzel und jeden Stein nahezu vollständig weg und die zentrale Fahrposition im Bike vermittelt viel Sicherheit und natürlich auch Komfort.

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Bergab bügelt das Define jede Unebenheit weg. Umso schneller, desto besser.

Die Momente den 15,5 kg schweren Bock unter sich auch in der Geraden auf Geschwindigkeit zu beschleunigen sind aber erwartungsgemäß keine Highlights. Man merkt zwar, dass das Define gute Anti-Squat-Eigenschaften besitzt, jedoch habe ich mir beim Antritt im Wiegetritt in guter Enduro-Race-Manier doch sehr stark ein kleines blaues Hebelchen zur spontanen Erhöhung der Druckstufen-Dämpfung am Fox X2 Dämpfer  gewünscht. Um dieses Feature war ich regelmäßig beim Beschleunigen oder bergauf zumindest an der Gabel sehr froh.

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Bergauf verlangt das Define Kraft und Ausdauer, wenn’s länger hinauf geht.

Auf dem Trail bergab macht das Define, wie aus den Eckdaten heraus zu erwarten, eine sehr gute Figur. Der flache Lenkwinkel, die 180 mm Federweg und das große Vorderrad sorgen für viel Spaß und damit auch viel Speed, selbst wenn es rumpeliger oder steiler wird.

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Viel Speed – viel Spaß.

Schlüsselstellen auf den Trails, die ich mit dem Trailbike tendenziell auslasse, sind plötzlich problemlos fahrbar gewesen und ich lernte das deutliche Plus an Federweg in den steilen Absätzen sofort zu schätzen. Der hohe Stack wirkt in technischen Schlüsselstellen sowie Steilpassagen unterstützend und ermutigt einen es mit diesem sicheren Fahrgefühl einfach laufen zu lassen.

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Die abfahrtsorientierte Geometrie bietet viel Sicherheit im Steilgelände.

Zwingt der Trail zu schnellen Richtungswechseln kommt auch dabei viel Freude auf. Die kompakte Geometrie, die kurzen Kettenstreben und vor allem das kleine Hinterrad sorgen dafür, dass man mit wenig Kraft das Bike in die Kurve reinlegen kann, wieder aufrichten kann, um es sofort in die andere Richtung hineinzulegen. Die 170 mm Federweg am Heck verschlingen hier natürlich auch einiges, woran man sich aber auch durchaus mit der Zeit gewöhnt und dies über eine Erhöhung der Low-Speed-Dämpfung auch für schnelle Kurvenwechsel optimieren kann.

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Das Fahrwerk schluckt einiges an Anpressdruck aber dennoch mag es Richtungswechsel.
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Das kurze Heck lässt sich problemlos durch engere Kurven drücken.

In der Luft

NS Bikes hat dem Define 170 mit der handlichen Geo absichtlich nicht nur gute Gene zum Shredden mitgegeben, sondern auch viel Potential sich damit hoch hinaus mit Style in die Luft zu schießen, wie man auch eindrucksvoll auf den Bildern der Produktpräsentation erkennen kann.

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Das Define fühlt sich in der Luft wohl und verzeiht jede verpatzte Landung.

Auch wenn ich das NS Bikes Define 170 Al in diesem Test nur über kleinere Kicker ziehen konnte und mit maximal zwei Sekunden Airtime versorgen konnte, so kann ich diese Eigenschaft ohne Wenn und Aber bestätigen: Trotz seines Gewichts, lässt sich das Define leicht am Absprung in die Höhe ziehen und in der Luft sehr gut handeln. Querlegen, schräg kippen, um die eigene Achse drehen, scheint alles nur eine Frage der dafür notwendigen Airtime und der persönlichen Skills zu sein. Dank des üppigen Federwegs braucht man sich auch bei einer verpatzen Landung nicht viele Gedanken machen, denn hier verzeiht das Define einiges. Kleine Drops von knapp einem Meter auf meinen Hometrails sind erwartungsgemäß Kindergarten für das solide Freeride-Bike. Sicherlich wäre der Anblick des größten Drops in einem Bikepark mit dem Define 170 unterm Hintern nicht sonderlich furchteinflößend, denn Airtime macht damit mächtig Spaß damit.

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Auch wenn der Haustrail bei weitem nicht das Potential des Defines abfrägt, lässt sich hier einiges schon machen.
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Das schluckfreudige Fahrwerk führt zu Geschwindigkeiten, bei denen man an ungewohnten Stellen in die Luft schießt.

Auf Tour

Das Define lässt sich dank des steilen Sitzrohrs gut pedalieren und man kommt damit in der Ebene gut voran. Mäßig steile Rampen konnte ich damit zwar hochtreten, jedoch war dies mit erhöhtem Kraftaufwand und sehr wenig Spaß verbunden. Subjektiv habe ich mir dabei im Wiegetritt am leichtesten getan, auch wenn der Hinterbau bei geschlossener Druckstufendämpfung an der Gabel vergleichsweise sehr stark wippte. Die Flip-Chip-Position mit der die Bohrung der Dämpferaufnahme nach oben verleiht dem Bike ein wenig bessere Uphill-Eigenschaften. Dieser spürbare Effekt des steileren Lenkwinkels und höheren Tretlagers fällt aber zu Lasten des Gefühls im Bike zu sein, macht aber Sinn, wenn man sich hin und wieder mit dem Define die Höhenmeter selbst erkämpfen möchte.

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Zugegebenermaßen ist es schon sehr anstrengend das Define im Sattel nach oben zu wuchten.

Auch wenn für mich der Uphill genauso zum Mountainbiken gehört wie der Schalthebel zum Schaltwerk, so musste ich bei diesem Test feststellen, dass das NS Bikes Define 170 Al ohne sehr gute Fitness nicht tourentauglich ist. Das hohe Gewicht, die hohe Front, die geringe Übersetzungsbandbreite gibt nur in Zeiten wie diesen, wo Reisen und Bikeparks nicht möglich sind gezwungenermaßen einem die Motivation damit mehr als zwei Minuten bergauf zu treten. Aber auch diese Kehrseite der Medaille gehört zu den Eigenschaften einer speziellen Randgruppierung wie die der Freeride-Bikes.

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Technische Abfahrten kann man mit dem Define dagegen nicht genug machen.

 

Fazit

NS Bikes hat mit dem Define 170 ein superrobustes und verspieltes Bike für den Bikepark-Einsatz in der Luft und am Boden entwickelt, das dort vermutlich nur durch die eignen Skills beschränkt wird. Ausreichend Federweg, solide Komponenten an einem Rahmen mit einer abfahrtsorientierten Geometrie liefern sehr gute Zutaten für das perfekte Freeride-Bike für viel Spaß bergab. Gelegentliche Uphills sind damit durchaus möglich, man sollte damit aber keinesfalls Tagestouren ohne Liftunterstützung und einer sehr guten Fitness einplanen. Dafür hat NS-Bikes das Define 170 Al auch nicht vorgesehen. Wer jedoch nach einem massiven und robusten Bike für den Bikepark oder den Spaß bergab und in der Luft sucht, der sollte sich das NS Bikes Define 170 Al für seine 4.499€ UVP in seine engere Auswahl einbeziehen.

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Text: Martin Riedle
Bilder: Flo Jäger, Martin Riedle, Thomas Kappel
Redaktion: Robin Krings
Weitere Informationen: www.nsbikes.com, www.sports-nut.de

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