Neun Starter waren es vor drei Jahren. Diesen Sommer standen bereits über vierzig E-MTB-Fahrer am Start der Cannock Classic Events in England – und genau diese Entwicklung hat Veranstalter Matt Williams dazu bewogen, einen Schritt weiter zu gehen. Dieses Wochenende findet in Großbritannien erstmals eine offizielle nationale E-MTB Cross-Country-Meisterschaft statt. British Cycling trägt den Titel, Williams organisiert, und mit Tracy Moseley steht eine ehemalige Downhill-Weltmeisterin hinter dem Konzept.

Vom Nischenformat zur nationalen Disziplin

Wer E-MTB-Rennsport bislang vor allem aus YouTube-Clips kannte, bekommt dieses Wochenende in Cannock Chase, England, ein anderes Bild: strukturiert, offiziell, mit British Cycling im Rücken. Rennfahren auf Elektro-Mountainbike ist kein Freizeitvergnügen mehr – es ist eine anerkannte Wettkampfdisziplin.

Die Idee kam nicht aus einer Konferenz, sondern aus dem Laden: Williams beobachtete in seinem Shop Run & Ride, dass klassische XC-Bikes schlechter liefen, während E-Bikes immer mehr Platz im Sortiment einnahmen. Gleichzeitig verschwanden bestimmte Altersgruppen und Fahrertypen aus dem Rennzirkus – weil das Angebot fehlte.

„Entweder wir bieten etwas Neues, oder wir verlieren diese Leute für immer“, sagt Williams. Nach drei Jahren Aufbauarbeit bei eigenen Cannock-Classic-Veranstaltungen und Gesprächen mit British Cycling entstand aus dieser Erkenntnis die erste offizielle E-XC-Nationalmeisterschaft des Landes.

E-MTB Cross Country ist keine neue Erfindung auf internationalem Niveau. Die erste UCI E-XC-Weltmeisterschaft fand bereits 2019 in Mont-Sainte-Anne statt – gewonnen vom heutigen XCO-Weltmeister Alan Hatherly aus Südafrika. In seinem Fahrschatten: Tom Pidcock. Dass Großbritannien sechs Jahre später überhaupt erst seinen nationalen Titel vergibt, zeigt, wie langsam sich das Format auf nationaler Ebene durchgesetzt hat. Den UCI E-MTB XC World Cup gibt es 2026 gar nicht mehr – die Verantwortlichen zogen die Reißleine wegen zu geringen internationalen Wachstums.

Hinweis: Die E-MTB XC-Disziplin bleibt Teil der UCI-Weltmeisterschaften – die nächste Ausgabe findet Ende August 2026 in Val di Sole, Italien, statt.

Kursdesign: Mehr Technik, andere Anforderungen

Ein E-MTB XC-Kurs ist kein gewöhnlicher Cross-Country-Kurs. Die Bikes haben deutlich mehr Federweg als klassische XC-Räder, und das Fahrerfeld ist heterogener – sowohl technisch als auch konditionell. Williams und sein Team haben deshalb gezielt anspruchsvollere Elemente in den Kurs integriert: steilere Sektionen, engere Kurven, Stellen, die bewusstes Abbremsen und Wiederbeschleunigen fordern.

Tracy Moseley, die selbst an der Streckenplanung beteiligt war und am Sonntag startet, bringt ihre Erfahrung aus mehreren internationalen E-MTB-Rennen mit. Für sie steht fest: Das Format funktioniert, wenn der Kurs zu den Bikes passt – und nicht umgekehrt. Die Organisatoren mussten dabei eine Gratwanderung vollziehen: technisch anspruchsvoll genug für erfahrene Fahrer, aber nicht so abschreckend, dass Neulinge fernbleiben.

„Ich erwarte keine großen Starterfelder, aber ich freue mich, dass dieser erste Schritt gemacht wird – und das mit einem engagierten Veranstalter.“

Leistungslimits und Fairness: die entscheidende Frage

Wer gewinnt, wenn der Motor mithilft? Diese Frage begleitet E-MTB-Rennen seit ihren Anfängen. Die UCI hat darauf mit strikten Regelungen reagiert: Es gibt eine Whitelist zugelassener Motoren, Leistungsmessungen an der Strecke und klare EPAC-Grenzwerte. Das Ziel ist ein fairer Rahmen, in dem Taktik, Fahrtechnik und Fitness entscheiden – nicht die stärkste Motoreinheit.

Moseley sieht darin die wichtigste Weichenstellung für die Zukunft des Rennsports: Käufer und Fahrer müssen verstehen, was legal ist und was nicht – auf der Rennstrecke wie im Alltag. Die nationale Meisterschaft leistet dabei auch Aufklärungsarbeit. Sie macht sichtbar, was E-MTB-Rennsport bedeutet – und lenkt automatisch Aufmerksamkeit auf Regeln und Verantwortung.

Die Starterzahl bei der E-XC-Meisterschaft selbst bleibt überschaubar – im zweiten Dutzend. Das stört Williams nicht: Für ihn ist das Wochenende ein strukturierter Testlauf. British Cycling hat sich noch nicht dauerhaft auf eine jährliche Meisterschaft festgelegt, signalisiert aber Interesse. Bereits jetzt berichten regionale Veranstalter, dass sie ähnliche Kategorien für 2027 einplanen. Ob Großbritannien damit den Startschuss für eine breitere E-MTB-XC-Bewegung in Europa gibt, bleibt offen – der erste nationale Titel ist jedenfalls gesetzt.