Longtail-Lastenräder mit echtem Mittelmotor kosten in Deutschland selten unter 3.000 Euro. Das Cikada Touring kommt für £1.799 — umgerechnet knapp über 2.000 Euro — mit einem 95-Nm-Bafang-Mittelmotor, einem 720-Wh-Akku und einem Gepäckträger für 35 Kilogramm Zuladung. Zahlen, die auf Papier kaum glaubhaft wirken, im Test aber überwiegend halten, was sie versprechen.

Antrieb und Akku: Mehr als die Preisklasse erwarten lässt

Das Herzstück ist der Bafang M410 Mid-Drive-Motor. Cikada gibt 80 Nm Drehmoment an, Bafang selbst nennt auf der eigenen Produktseite 95 Nm — in der Praxis spielt die Differenz kaum eine Rolle, denn der Motor arbeitet leise, ansprechend und mit gut abgestuften Unterstützungsstufen. Auf der Straße genügen Stufe 1 und 2 für flaches Gelände und sanfte Anstiege; die oberen drei Stufen nehmen auch steile Rampen mit Zuladung problemlos. Der Übergang beim Erreichen der 25-km/h-Unterstützungsgrenze erfolgt weich.

Der Akku — 720 Wh, 48 V, LG-Zellen, Bafang-eigenes Gehäuse — ist UL2271-zertifiziert. Das bedeutet: Sturztest, Temperaturschwankungen, Überlade-Missbrauch. Für ein E-Bike dieser Preisklasse ist das keine Selbstverständlichkeit. Die Herstellerangabe von 35 bis 75 Meilen (56 bis 120 km) Reichweite spiegelt den Testerfahrungen wider — mit dem Vorbehalt, dass schwere Zuladung bergauf die untere Grenze nochmals drücken kann. Laden dauert bei 2-Ampere-Ladegerät sieben bis acht Stunden.

Specs auf einen Blick: Bafang M410, 80–95 Nm · 720-Wh-Akku (UL2271) · 27,5 × 2,8″ Kenda-Reifen · Microshift 8-Gang · Hydraulische Scheibenbremsen · Gewicht 28,9 kg · Zuladung 35 kg (hinten) + 10 kg (vorn) · Nutzergewicht bis 150 kg

Auf der Straße und im Gelände

Das Fahrverhalten überrascht angenehm. Trotz 28,9 Kilogramm Eigengewicht liegt das Cikada Touring stabil in der Kurve, weil das Gewicht tief und zentral sitzt — der Schwerpunkt liegt günstig. Die 27,5 × 2,8″-Kenda-Reifen sind ungewöhnlich breit, in der Tat als Mopedräder klassifiziert, und rollen überraschend leichtfüßig über Schlaglöcher, Bordsteinkanten und grobe Pflastersteine. In Verbindung mit der 60-mm-Federgabel ergibt sich ein Komfortniveau, das für den Lastentransport ideal ist.

Kurze Offroad-Abstecher gelingen ebenfalls. Der Mittelmotor liefert im Gelände genug Punch, um kleine Stufen oder Wurzeln zu überwinden — kein Fully-E-MTB, aber für ein Trekking-Lastenrad bemerkenswert. Die hydraulischen Scheibenbremsen (Star Union, 160-mm-Rotoren) arbeiten kraftvoll und dosierbar. Einziger Kritikpunkt beim Antriebsstrang: Das niedrigste Microshift-Gang reicht bei voller Beladung auf sehr steilen Rampen knapp nicht aus — ein tieferes Übersetzungsverhältnis wäre wünschenswert.

Als Lastenrad: Ungewöhnliche Kapazität, fehlende Zubehörlösungen

Der breite Heckgepäckträger trägt 35 Kilogramm, das optionale Vordergestell weitere 10 Kilogramm. Im Langzeittest über mehrere Monate transportierte der Tester Einkäufe, Möbelteile und sogar einen Anhänger mit 60+ Kilogramm Sand und Schotter — das Cikada Touring bewältigte das alles. Decathlon-Panniers mit je 50 Litern Volumen passen problemlos und sind ausreichend für praktisch jede Alltagsaufgabe.

Die Schwäche liegt nicht im Rad, sondern im Ökosystem: Cikada bietet kein eigenes Zubehör für Lastentransport an — keine Seitenkörbe, keine Fußrasten, kein Holz-Aufsatz für den Gepäckträger. Wer handwerklich talentiert ist, kann das Potenzial selbst erschließen; alle anderen müssen mit Drittlösungen improvisieren. Ein Mittelständer statt eines Seitenständers wäre bei vollem Gepäck ebenfalls praktischer.

Das Cikada Touring ist eines der besten Preis-Leistungs-E-Bikes, die road.cc-Tester Richard Peace in langer Zeit gefahren hat — Gesamtwertung 9/10.

Für wen lohnt sich das Cikada Touring?

Im deutschen Markt konkurriert das Cikada Touring indirekt mit etablierten Trekking-E-Bikes wie dem Fischer Viator oder Modellen von Kalkhoff und Bergamont — die aber meist weniger Traglast bieten und ähnlich viel kosten. Echte Lastenräder mit Mittelmotor, wie sie Riese & Müller oder Tern verkaufen, beginnen deutlich jenseits der 3.000-Euro-Marke.

Das Cikada Touring spricht Menschen an, die viel transportieren, wenig ausgeben und keinen Markennamen auf dem Rahmen brauchen. Die taiwanesische Herstellerin Dyaco — gegründet 1990, Weltmarktführer im Fitnessgerätesegment, mit Werken nahe Giant und Merida — liefert solide Fertigungsqualität. Direkt vom Hersteller erhältlich ist das Rad bislang primär im britischen Markt; eine Expansion auf den Kontinent wäre angesichts der Nachfragesituation naheliegend.