Radfahren, Ingenieurwissenschaft und Nachhaltigkeit – Pete Bonfield bringt ein ungewöhnliches Profil mit, wenn er im November den Chefposten bei British Cycling übernimmt. Der britische Radsportverband bestätigte am Montag die Ernennung des Professors: Bonfield, derzeit Vizekanzler und Präsident der University of Westminster, löst Jon Dutton als CEO ab. Mit ihm übernimmt ein Mann das Ruder, der selbst früher im Rennzirkel aktiv war und den Verband durch eine turbulente Phase führen soll. Für British Cycling ist die Ernennung ein klares Signal: Der Verband setzt auf institutionelle Kompetenz, wissenschaftlichen Hintergrund und persönliche Radfahrleidenschaft – statt auf einen klassischen Sportmanager.

Vom Rennfahrer zur Führungspersönlichkeit

Bonfields Karriere ist keine typische Manager-Biografie. Als Jugendlicher gewann er den nationalen Circuit-Race-Titel und vertrat Großbritannien bei den Junior-Weltmeisterschaften. Später wechselte er in die nationale Senioren-Straßenmannschaft, ehe er seinen Weg in die Wissenschaft und ins Coaching einschlug. Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen betreute er das britische Frauen-Triathlon-Team als Trainer – eine Erfahrung, die ihm einen tiefen Einblick in Spitzensport und Verbandsstrukturen gab.

Zwischen 2006 und 2012 war Bonfield in Teilzeit für die Olympic Delivery Authority tätig und half bei der Entwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie für London 2012. Konkret arbeitete er an der Planung des Velodroms und der Radsportanlagen im Queen Elizabeth Olympic Park mit – Projekte, die das britische Bahnradsport-Erbe bis heute prägen und zeigen, dass seine Verbindung zum Radsport weit über persönliche Begeisterung hinausgeht. Als überzeugter Alltagsradler pendelt Bonfield selbst mit dem Fahrrad zur Arbeit. Diese Kombination aus persönlicher Leidenschaft, wissenschaftlicher Kompetenz und institutioneller Erfahrung dürfte ein zentrales Argument für seine Ernennung gewesen sein.

Radfahren war immer ein Teil meines Lebens, ob im Rennsport, auf dem Weg zur Arbeit, als Trainer oder einfach wegen der Freiheit, die ein Fahrrad gibt – Pete Bonfield, August 2026

Schwieriges Erbe: Verbandskrise und Mitgliederverluste

Der Verband, den Bonfield übernimmt, steckt in einem strukturellen Wandel. Jon Dutton, der den Posten zuvor drei Jahre innehatte, hinterließ einen Mitgliederverlust von mehr als 20.000 Personen – eine Zahl, die bei einem Nationalverband dieser Größe erheblich ist. Seine Amtszeit war von internen Turbulenzen geprägt. Dutton wechselte im Juli 2026 zur British Olympic Association. Lee Gibbons überbrückt die Übergangsphase bis zu Bonfields Amtsantritt Mitte November als Interim-CEO.

Bonfield ist bereits der achte CEO in zehn Jahren bei British Cycling – und erst der fünfte, der die Position dauerhaft bekleiden soll. Diese Fluktuation zeigt, wie herausfordernd die Führungsaufgabe bei einem Verband dieser Größenordnung ist. Verbandsvorsitzender Chris Pilling lobt die Ernennung ausdrücklich: Bonfield sei ein wertorientierter Führungskopf mit nachgewiesener Erfahrung im Management komplexer Organisationen, beim Aufbau von Partnerschaften und bei der Umsetzung nachhaltiger Veränderungen. Sein breites Verständnis für die Möglichkeiten des Sports und der körperlichen Aktivität mache ihn zur idealen Besetzung.

Hintergrund: British Cycling ist der nationale Radsportverband Großbritanniens und einer der erfolgreichsten Verbände bei Olympischen Spielen. Er gilt als Benchmark für Talentförderung, Bahnradsport und Breitensportprogramme im europäischen Radsport.

Nachhaltigkeit und Ingenieursdenken als neuer Kompass

Dass der neue CEO einen Schwerpunkt auf Ingenieurwissenschaft und nachhaltige Entwicklung legt, dürfte kein Zufall sein. British Cycling steht wie viele Verbände vor der Herausforderung, wirtschaftlich zu wachsen, gesellschaftlich relevant zu bleiben und gleichzeitig glaubwürdig in der Umweltkommunikation zu agieren. Bonfields Erfahrung mit der Londoner Olympia-Infrastruktur und seine fünf unabhängigen Gutachten für die britische Regierung machen ihn zu einer ungewöhnlichen, aber strategisch stimmigen Wahl.

Als Präsident sowohl der Institution of Engineering and Technology als auch der Institution of Occupational Safety and Health kennt Bonfield die Mechanismen großer Institutionen aus eigener Erfahrung. Er hat zudem als Senior Independent Director beim Fitness-Branchenverband ukactive gearbeitet – relevante Erfahrung für einen Sportverband. Was er aus British Cycling macht und wie er mit dem Erbe der Verbandskrise umgeht, wird die Radsportwelt in den kommenden Jahren aufmerksam beobachten – auch auf dem europäischen Festland.