Chris Nagel aus Lincolnshire, England, stellte sein Giant-Rennrad in einen Riss in der Fahrbahn – aufrecht, ohne Stütze, eingeklemmt in einer halben Meter tiefen Spalte im Asphalt. Das Foto, das er anschließend auf Social Media teilte, wurde tausendfach geteilt. Andere lokale Radfahrerinnen und Radfahrer folgten seinem Beispiel und dokumentierten ähnliche Schäden auf denselben Kreisstraßen rund um Skegness. Hinter dem viralen Bild steckt ein ernstes Problem, das Radfahrerinnen und Radfahrer in ganz Europa zunehmend betrifft – und das mit jedem Hitzesommer größer wird.

Dass die Risse so tief wurden, ist kein Zufall. Der CEO der britischen Road Surface Treatment Organisation erklärte gegenüber der BBC, dass Extremtemperaturen und anhaltende Hitzewellen die Erosion des Straßenbelags massiv beschleunigen. Auf Thorpe Bank, wo Nagels Foto entstand, zeigen Satellitenbilder, dass sich erste Risse bereits seit 2021 entwickelten – durch die Hitzesommer der vergangenen Jahre beschleunigt sich der Zerfall jedoch deutlich.

Warum Radfahrer Straßenschäden früher bemerken als Autofahrer

Wer regelmäßig auf dem Rennrad oder MTB unterwegs ist, kennt das Gefühl: Der Lenker zuckt, das Vorderrad springt kurz, und erst eine Sekunde später denkt man zurück an den Riss, der sich quer über die Fahrbahn zog. Autofahrer überrollen denselben Schaden mit kaum spürbarer Wirkung.

Das liegt an der Physik: Schmale Rennradreifen mit 25 bis 28 Millimetern Breite setzen punktgenau auf, statt Unebenheiten wie Breitreifen zu überbrücken. Ein quer verlaufender Riss kann das Vorderrad kurz einfangen und den Lenker reißen. Längs verlaufende Risse sind noch tückischer – das Rad kann einspuren und kontrolliert kippen. Nagel brachte es selbst auf den Punkt: Für Autofahrer und Motorradfahrer sei die Fahrbahn zu schnell, um das Ausmaß der Schäden wirklich zu erkennen. Nur aus dem Sattel sehe man, wie schlimm es wirklich ist.

Blow-ups, Spurrillen, Risse – was für Räder besonders gefährlich ist

Ab etwa 30 Grad Außentemperatur beginnen die Probleme. Asphaltfahrbahnen können sich dabei auf über 60 Grad Celsius aufheizen – das Bindemittel Bitumen wird weich. Es entstehen Spurrillen und Aufwölbungen, besonders an Stellen, wo Fahrzeuge häufig bremsen oder anfahren. In Salzburg wurden im Sommer 2026 so viele Hitzeschäden registriert wie noch nie; der Techniker des städtischen Bauhofs warnte ausdrücklich, dass Risse und Setzungen eine konkrete Gefahr für Radfahrende darstellen.

Auf Betonstrecken drohen sogenannte Blow-ups: Die Platten dehnen sich bei anhaltender Hitze aus, können nicht ausweichen und platzen schlagartig nach oben. Die Autobahn GmbH musste im Juli 2026 Abschnitte der A93, A7 und weiterer Bundesautobahnen sperren oder mit Tempolimits belegen. Für Radfahrerinnen und Radfahrer auf Landstraßen und Kreisstraßen sind Blow-ups zwar seltener, aber Risse und Spurrillen am Fahrbahnrand – wo man typischerweise fährt – gehören inzwischen zum Alltag.

„Radfahrer könnten durch Risse gefährdet werden, Fußgänger könnten stolpern“ – Herbert Seebauer, Techniker beim Bauhof der Stadt Salzburg

Ein strukturelles Problem, das mit dem Klima wächst

Hitzeschäden sind kein neues Phänomen, aber ihre Intensität und Häufigkeit nehmen zu. Die Hitzewelle im Juni 2026 ließ in Deutschland Temperaturen auf bis zu 41,8 Grad steigen – mit direkten Folgen für die Infrastruktur. Der Bundestag forderte die Bundesregierung auf, Maßnahmen zur klimaresilienten Straßeninfrastruktur zu ergreifen; der Ausbau des Radverkehrsnetzes ist dabei explizit Teil des Nationalen Radverkehrsplans 2.0.

Das Grundproblem: Viele Straßen wurden für das Klima der Vergangenheit gebaut. Hitzeresistente Asphaltmischungen mit polymervergütetem Bitumen existieren und verformen sich deutlich weniger – kommen aber selten zum Einsatz, weil sie teurer sind. Eine Studie der Technischen Universität Wien zeigt zudem, dass hellere Beläge weniger Hitze absorbieren und damit auch die lokale Temperatur für Radfahrerinnen und Fußgänger senken können.

Im Alltag bleibt aufmerksames Fahren die einfachste Schutzmaßnahme: Randstreifen auf querlaufende Risse prüfen, Abstand zu Längsrissen halten, und Schäden über die Meldeplattformen der jeweiligen Kommunen einreichen. Schäden, die früh gemeldet werden, lassen sich oft mit kleineren Maßnahmen beheben. Was Chris Nagels Foto so wirkungsvoll macht: Es zeigt, was Radfahrende ohnehin wissen – Straßenschäden sieht man erst richtig aus dem Sattel.