Was denkt sich jemand dabei, 59 der berühmtesten Anstiege und Kopfsteinpflastersegmente Flanderns in weniger als 72 Stunden abzufahren? Vermutlich genau das Richtige – denn die Flandrien Challenge ist eine jener sinnlosen, erschöpfenden Unternehmungen, nach denen man sich fragt, warum man je etwas anderes wollte. Road.cc-Autorin VecchioJo hat das mit ihrem Partner in drei Tagen durchgezogen. Das ist die Geschichte dieser Fahrt.

Was ist die Flandrien Challenge?

Die Flandrien Challenge ist eine offene Dauerveranstaltung von Cycling in Flanders: 59 ikonische Anstiege (Hellinge) und Kopfsteinpflastersegmente aus dem Programm der Frühjahrsklassiker – Ronde van Vlaanderen, Gent-Wevelgem, E3 Saxo Bank Classic – in unter 72 Stunden. Es gibt kein fixes Datum, keine Startzeit; wer will, kann jederzeit antreten.

Die Strecke ist digital mit Strava verknüpft: Die Segmente sind auf dem Asphalt markiert (Start- und Ziellinie sowie Name, Länge und Gefälle an jedem Anstieg), und über einen Strava-Account wird der Fortschritt automatisch getrackt. Wer alle 59 Segmente innerhalb des Zeitlimits absolviert, erhält beim Centre Ronde van Vlaanderen in Oudenaarde einen gravierten Pflasterstein mit eigenem Namen – fest platziert in der Wall of Fame. Rund 400 Kilometer und knapp 5.500 Höhenmeter sind dafür zu bezwingen.

So startest du: Strava-Account mit cyclinginflanders.cc verbinden, Route herunterladen (1-, 2-, 3- oder 4-Tage-Option), losfahren – und alle Segmente innerhalb von 72 Stunden absolvieren.

Drei Tage durch das Herz des Klassikersports

Die Dreitagesoption beginnt in Heuvelland nahe Ypern – einem anderen Flandern, geprägt von Erster-Weltkrieg-Geschichte statt der typischen Klassiker-Kulisse. Der erste Tag umfasst rund 75 Kilometer mit dem Kemmelberg als Hauptprüfung: ein 20%-Anstieg auf Kopfsteinpflaster, der sich kurz vor dem Gipfel noch einmal unfreundlich aufbäumt.

Tag zwei ist der Schwerste: 190 Kilometer, rund 2.400 Höhenmeter, 12 benannte Anstiege und sieben Kopfsteinpflastersegmente. Das Herzstück bildet Geraardsbergen mit der berühmten Muur van Geraardsbergen – ein Kilometer Kopfsteinpflaster bei bis zu 20% Gefälle, der in jedem Fahrerinnensatz Schmetterlinge auslöst. Wer mit vollen Mägen attackiert, bereut es. Anschließend folgen Bosberg, Tenbosse, Valkenberg, Berendries und der tückische Molenberg mit seinem stark überhöhten Kopfsteinpflaster.

Tag drei hat auf dem Papier 50 Kilometer weniger, aber fast genauso viel Höhenmeter – und 23 Anstiege. Die große Dreifaltigkeit am Ende: Oude Kwaremont (2.200 Meter langer Kopfsteinpflasteranstieg, das Herz der heutigen Ronde-Schlussrunden), Paterberg und Koppenberg. Der Koppenberg ist das absolute Highlight – eine Allee aus Kopfsteinpflaster, die beständig steiler wird, bis die Beine brennen und nichts mehr ausgeblendet werden kann.

Warum die Flandrien Challenge anders ist als ein Rennen

Es gibt keine Zeitwertung, keine Konkurrenz, keine Zuschauer. Das ist zugleich Stärke und Eigenart der Challenge: Man fährt durch ein Kulturerbe des Radsports ohne den Druck von Live-Übertragungen. Die Wege sind leer, die Einheimischen freundlich, und hin und wieder passiert ein Profi – ein unmöglich langer Lidl-Trek-Fahrer zum Beispiel – mit einem höflichen, nicht mal atemraubenden „Hallo“.

Das Garmin wird einen mitunter verrückt machen. VecchioJo beschreibt, wie beide GPS-Geräte auf Tag drei den Scherpenberg (17% Durchschnittsgefälle) gleich zweimal einplanen. Wer die Strava-Segmente als Favoriten markiert, hat immerhin eine Rückkontrolle bei jedem Anstieg.

Ausrüstung und praktische Tipps

Flandrisches Kopfsteinpflaster ist hart. 32mm Reifen sind das Minimum, 36mm oder mehr deutlich komfortabler. Vor dem Start alle Schrauben festziehen – das Pflaster rüttelt alles locker. Eine Regenjacke gehört immer mit; Belgien bleibt Belgien, auch wenn die Wettervorhersage gut aussieht. Und die Kette sollte frisch gewachst sein: 400 Kilometer mit ständigen Lastwechseln zwischen Kopfsteinpflaster und Asphalt fordern Material und Mechanik gleichermaßen.

Die Wall of Fame in Oudenaarde wartet. Wer sich die Challenge zutraut, findet alle Routen und den Strava-Link auf cyclinginflanders.cc – kostenlos, ohne fixen Starttermin, für alle offen.

Wer die Wall of Fame schon von innen kennt, weiß: Der kleine Pflasterstein mit dem eigenen Namen klebt dort neben denen aller anderen, die die Challenge vor einem gemeistert haben. Keine Urkunde, kein Pokal – nur Stein. Das reicht.