200 Bücher im Jahr – das klingt nach einer akademischen Aufgabe, nicht nach Videospiel-Entwicklung. Für das Autorenteam hinter Silent Hill f war es genau das: ein selbst auferlegtes Intensivstudium, um den Schreibstil eines der eigenständigsten Erzähler Japans zu verstehen. Das verriet Silent-Hill-f-Produzent Motoi Okamoto in einem aktuellen Interview.
Ryukishi07 und die Herausforderung seines Stils
Silent Hill f basiert auf einem Skript von Ryukishi07 – dem Autor hinter Higurashi: When They Cry, Umineko When They Cry und anderen Werken, die das Visual-Novel-Genre geprägt haben. Ryukishi07 schreibt auf eine Art, die schwer zu imitieren und schwer zu ergänzen ist: verschachtelte Perspektiven, psychologische Tiefe, ein spezifisches Rhythmusgefühl in Dialogen.
Das Problem: Ein einzelner Autor kann nicht alle Textmengen eines Spiels allein verfassen. Das Produktionsteam musste Ryukishi07s Stil so tief verinnerlichen, dass selbst Passagen, die nicht von ihm stammten, nicht aus dem Rahmen fielen. Okamoto erklärt, wie das Team das löste: durch massives kollektives Lesen – bis zu 200 Bücher pro Jahr, darunter natürlich Ryukishi07s eigene Werke.
Zum Kontext: Silent Hill f ist kein direkter Nachfolger der klassischen Serie, sondern ein Reboot in einem neuen Setting – Japan, 1960er Jahre. Es ist Teil von Konamis breiter angelegter Rückkehr zur Silent-Hill-Marke.
Lesen als Entwicklungsmethode
Was auf den ersten Blick wie ein Exzess wirkt, ergibt professionell betrachtet Sinn. Schreibstile entstehen durch Einflüsse, durch Jahrzehnte des Lesens und Reflektierens. Wer einen fremden Stil authentisch fortschreiben will, muss zumindest einen Teil dieser Lektürereise selbst durchlaufen.
Okamoto beschreibt es als wechselseitigen Ansporn: Die Autoren im Team stachelten sich gegenseitig an. Wer mehr gelesen hatte, wusste mehr – und konnte besser einschätzen, ob eine Szene oder ein Dialog Ryukishi07s Handschrift trug. Das Ergebnis soll ein stilistisch kohärentes Skript sein, das nicht nach generischem Horror klingt, sondern nach einem spezifischen, literarisch fundierten Ansatz.
Silent Hill f und der Neustart einer Reihe
Silent Hill als Marke hatte nach dem legendären Silent Hills-Abbruch (P.T., Hideo Kojima, 2014) lange keinen guten Stand. Konami kehrt mit gleich mehreren Projekten zurück: einem Remake des zweiten Teils, Silent Hill f als Neuentwicklung und weiteren angekündigten Titeln.
Silent Hill f ist dabei der ambitionierteste Ansatz. Ein neues Setting im Japan der 1960er Jahre, ein Autor mit einem völlig eigenständigen Stil, ein Horror-Framework, das sich von der bisherigen Trilogie absetzt. Dass das Produktionsteam so viel Energie investiert hat, um den kreativen Kern des Projekts zu verstehen, deutet auf einen ernsthafteren Anspruch hin als ein reines Marken-Revival.
Einen offiziellen Release-Termin für Silent Hill f gibt es noch nicht. Wer das Genre liebt, findet bei uns weitere Infos zu kommenden Gaming-Highlights.