Über 7.000 beschlagnahmte E-Bikes in zwölf Monaten – das sind die Zahlen, die Fahrradfans und Verkehrsbehörden gleichermaßen aufhorchen lassen. Laut aktuellen Daten aus Großbritannien haben Polizeikräfte im Zeitraum bis Mai 2026 insgesamt 7.049 als illegal eingestufte Räder konfisziert. Das entspricht einem Anstieg von 83 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, als 3.858 Räder sichergestellt wurden. Besonders drastisch: Elf der 31 befragten Polizeibehörden meldeten sogar eine Verdoppelung der Beschlagnahmungen. Allein die Metropolitan Police in London zog 2.367 Räder ein – fast ein Drittel aller UK-weiten Konfiszierungen.
Was ein legales Pedelec ausmacht – und wo die Grenze liegt
Die rechtliche Ausgangslage ist eindeutig: Ein Elektrofahrrad ist nur dann ein Fahrrad im rechtlichen Sinne, wenn der Motor ausschließlich beim Treten unterstützt, eine Dauerleistung von maximal 250 Watt hat und die Unterstützung bei 25 km/h abregelt. In Deutschland gelten dieselben EU-Regeln: Wer diese Grenzen durch Manipulation überschreitet, verwandelt sein Rad rechtlich in ein Kleinkraftrad – mit allen Konsequenzen.
Denn dann erlischt der Versicherungsschutz sofort. Hinzu kommen Betriebserlaubnispflicht, Führerscheinpflicht und Zulassungspflicht. Wer ohne diese Voraussetzungen fährt, macht sich strafbar. Bei einem Unfall mit Personenschaden können die Folgekosten schnell in den sechsstelligen Bereich gehen – ohne Versicherung trägt der Fahrer selbst die volle Last. Verkehrssicherheitsberater Jörg Reurik von der Polizei Nordhorn warnt: Viele seien sich gar nicht bewusst, was ihnen bei Manipulationen droht.
Illegale E-Bikes können gefährliche Geschwindigkeiten erreichen und haben keinen Platz auf unseren Straßen – britische Regierungssprecherin, August 2026
Wie leicht Räder manipuliert werden – und wie die Polizei aufholt
Das Problem: Manipulation ist erschreckend einfach. Viele Fatbikes lassen sich in Sekunden entdrosseln – oft reicht es, im Menü die Länderkennung zu ändern. Manche Modelle, günstig aus Asien importiert, sind schon ab Werk zu schnell und beschleunigen per Gasgriff, ganz ohne Pedalunterstützung. In Nordhorn (Niedersachsen) stellte die Polizei bei einer Schwerpunktkontrolle fest: Ein Fatbike eines Rentners, aus China bestellt, beschleunigte per Gasgriff auf bis zu 20 km/h – erlaubt wären ohne Treten nur sechs. Solche Räder sind konstruktiv für die unerlaubten Geschwindigkeiten oft gar nicht ausgelegt, etwa was Bremsen und Rahmen betrifft.
Um dem entgegenzuwirken, rüstet die Polizei auf. In Großbritannien setzt die City of London Police inzwischen mobile Rollenprüfstände ein – ähnliche Geräte, wie sie in den Niederlanden schon länger im Einsatz sind. Mit dem Gerät konnten Beamte vier illegale Räder in nur einer halben Stunde überführen. In Niedersachsen erprobt die Polizei dasselbe Konzept: Ein einzelnes Gerät ist derzeit im Testeinsatz, weitere sollen folgen. Die Technik erlaubt es, die tatsächliche Höchstgeschwindigkeit direkt vor Ort festzustellen – ohne aufwendige Laboranalyse.
Hinweis: Seit Ende Juni 2026 ermöglicht das britische Crime and Policing Act Polizisten, illegale E-Bikes ohne vorherige Verwarnung zu beschlagnahmen. Eine ähnliche Verschärfung der Polizeibefugnisse wird auch in Deutschland diskutiert.
Deutschland zieht nach – Fatbike-Welle aus den Niederlanden
Der Fatbike-Trend rollt aus den Niederlanden nach Deutschland. In Nordhorn, direkt an der niederländischen Grenze, ist das besonders spürbar: Die breiten, motorisierten Räder sind bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beliebt – nicht zuletzt wegen der Optik. Ab rund 1.000 Euro erhältlich, sind Fatbikes deutlich günstiger als klassische E-Bikes. Enschede hat Fatbikes in der Innenstadt bereits verboten, auch weil dort die Räder für Sicherheitsprobleme sorgen.
Auch in Brandenburg häufen sich die Fälle. Der Verband der Fahrradindustrie schätzt, dass rund 20 Prozent aller Elektroräder in Deutschland händisch manipuliert sind. Die Zahlen aus Großbritannien – 83 Prozent mehr Beschlagnahmungen in einem Jahr – dürften ein klares Signal sein, wohin die Entwicklung auch hierzulande gehen kann, wenn nicht gehandelt wird.
Kontrollen nehmen zu – und die Konsequenzen sind real
Wer ein E-Bike oder Fatbike fährt, sollte wissen: Die Kontrollen werden häufiger und präziser. Für Jugendliche gilt besonders: Eine Verkehrsstraftat mit manipulierten Rädern kann eine Führerscheinsperre nach sich ziehen oder sogar eine MPU erzwingen, bevor der Führerschein überhaupt gemacht werden darf. Das begleitete Fahren mit 17 kann ebenfalls verweigert werden.
Wer ein Rad kauft, das zu schnell wirkt oder einen Gasgriff ohne Tretunterstützung hat, sollte die technischen Daten genau prüfen und im Zweifel den Fachhändler befragen. Denn Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Weitere Schwerpunktkontrollen sind in Deutschland bereits angekündigt.