„Ich habe noch nie im Gelben Trikot gewonnen – und als ich mich der Ziellinie näherte, wurde mir klar, wie viel Arbeit in diesem Moment steckt.“ Diese Worte sprach Demi Vollering wenige Minuten nach ihrem historischen Triumph in Nizza, sichtlich bewegt, mit Tränen in den Augen. Was die 29-jährige Niederländerin am Sonntag vollbracht hat, ist einzigartig in der Geschichte des Frauenradsports: Als erste Frau überhaupt gewann sie die Tour de France Femmes zum zweiten Mal.

Acht Sekunden, die eine Sensation einrahmten

Mit einem hauchdünnen Vorsprung von gerade einmal acht Sekunden auf die Polin Kasia Niewiadoma ging Vollering in den letzten Tag der fünften Ausgabe der Tour de France Femmes. Der Schlusskurs war alles andere als gnädig: 99,2 Kilometer rund um Nizza, über 2.100 Höhenmeter, 30 Grad Celsius – und vier Überquerungen des berüchtigten Col d’Èze mit Steigungen bis zu 16 Prozent, gefolgt von einer rasanten Abfahrt direkt auf die Promenade des Anglais.

Das Canyon-SRAM-Team von Niewiadoma setzte von Beginn an auf Tempodruck, um Vollering zu isolieren. Die junge Britin Zoe Backstedt schlug ein extremes Tempo an. Die Deutsche Antonia Niedermaier – noch im Rennen um das Weiße Trikot der besten Nachwuchsfahrerin – fuhr als Edelassistentin der Polin und zog das Peloton den letzten Anstieg hinauf auf ein Niveau, das die meisten Fahrerinnen früh abkochen ließ.

Der Angriff, der alles entschied

700 Meter vor der Bergkuppe des Col d’Èze schlug Vollering zu. Sie löste sich von Niewiadoma, blickte kurz zurück – und sah den Abstand wachsen. Die Polin fand keine Antwort. In der anschließenden langen Abfahrt Richtung Mittelmeer baute die Fahrerin von FDJ United-Suez ihren Vorsprung auf über eine Minute aus und überquerte die Ziellinie mit geballten Fäusten.

„Ich hatte nie Zweifel an meinem Niveau – nicht einmal nach dem Mont Ventoux. An diesem Tag bin ich vielleicht ein bisschen zu viel Risiko eingegangen, aber so ist der Sport.“ — Demi Vollering

Am Ende standen drei Etappensiege für Vollering in neun Renntagen sowie ein Gesamtsieg mit 1:18 Minuten Vorsprung auf Niewiadoma. Bitteres Pech traf Marlen Reusser: Die Schweizerin, die drei Tage lang im Gelben Trikot gefahren war, stürzte in der Abfahrt, verlor das Podium und fiel aus den Top 10 heraus.

Antonia Niedermaier schreibt deutsche Geschichte

Etwas im Schatten des Vollering-Triumphes, aber keineswegs weniger bedeutsam: Antonia Niedermaier beendete ihre Tour-Premiere auf Gesamtrang vier und sicherte sich das Weiße Trikot als beste Nachwuchsfahrerin. Die 23-Jährige aus Rosenheim ist damit die erste Deutsche überhaupt, die bei der Tour de France Femmes ein Wertungstrikot gewonnen hat. Bis zuletzt arbeitete sie als Edelassistentin für Teamkapitänin Niewiadoma – und holte sich dabei ganz nebenbei ihr eigenes Stück Radsportgeschichte.

Vollering, die Kunst des Prozesses und das Gesicht einer Generation

Was Vollering von anderen Siegerinnen unterscheidet, ist mehr als bloße Stärke am Berg. In ihrer Pressekonferenz sprach sie ausführlich über ihre Radsportphilosophie: Nicht der Sieg sei das Entscheidende, sondern der Weg dorthin. „Das Schönste ist der gesamte Prozess“, sagte sie. „Das Training, die Vorbereitung, das gemeinsame Kämpfen mit dem Team – das macht diesen Moment so besonders.“ Ein Credo, das erklärt, warum Vollering in diesem Jahr allein 15 Rennen gewonnen hat – von den Kopfsteinpflastern der Frühjahrsklassiker über den Giro Donne bis hin zur Tour.

Vollering äußerte sich auch klar zu einem Thema, das den Frauenradsport seit der letztjährigen Tour begleitet: dem Körpergewichtsdiskurs. „Manche denken, dass Abnehmen der Weg zu höherem Niveau ist – ich glaube das nicht. Man muss die gesündeste Version seiner selbst sein.“ Elisa Longo Borghini, die das Podium als Dritte komplettierte, setzte den Rahmen: „Das Niveau der Frauen im Radsport ist gerade höher als je zuvor.“ Vollering ist das Gesicht dieser goldenen Generation – und mit 29 Jahren steht sie wohl noch nicht am Ende ihrer Dominanz. Weitere Neuigkeiten aus dem Radsport gibt es täglich im Cycleholix-Newsbereich.