Am 30. Juni 2006 griff Nicole Cooke rund zwei Kilometer außerhalb von Malaucène an. Mit dem Gelben Trikot der Grande Boucle Féminine und dem legendären Mont Ventoux vor sich ließ die Waliserin ihr gesamtes Feld stehen. Am Gipfel hatte sie drei Minuten Vorsprung. Niemand berichtete groß darüber – damals dominierte Operación Puerto die Schlagzeilen.
Zwanzig Jahre später hat der Frauenpeloton am selben Berg seine eigene Geschichte geschrieben, und diesmal schaut die Welt zu.
Niewiadomas Husarenritt am Bédoin
Kasia Niewiadoma kam auf der 7. Etappe der Tour de France Femmes 2026 mit einem Rückstand von 1:17 Minuten auf Gesamtführende Marlen Reusser an den Fuß des Bédoin. Was folgte, war ein 15,7 Kilometer langer Angriff mit durchschnittlich 8,8 Prozent Steigung, der das Fahrerinnenfeld auseinanderriss.
Die Polin überholte sowohl Demi Vollering als auch Reusser und fuhr als Erste auf den 1.909 Meter hohen Gipfel – mit einem neuen Gelben Trikot auf den Schultern. Im Gesamtklassement liegt Niewiadoma nun 15 Sekunden vor Vollering und 39 Sekunden vor der auf Rang drei zurückgereichten Reusser. Antonia Niedermaier, beste Deutsche des Tages, beendete die Etappe auf Platz fünf mit 3:21 Minuten Rückstand und verteidigte das Weiße Trikot als beste Nachwuchsfahrerin.
„Es ist vielleicht der einschüchterndste Anstieg Frankreichs. Die Franzosen nennen ihn immer noch den Killeberg.“ – Jeremy Whittle, Autor von Ventoux: Sacrifice and Suffering
Premiere mit Geschichte: Warum dieser Ventoux-Besuch zählt
Es war das erste Mal überhaupt, dass die Tour de France Femmes den Mont Ventoux in ihrem Streckenprogramm hatte. Der Berg, der 18-mal Teil der Männer-Rundfahrt war, hat für den Frauenradsport eine tiefere Bedeutung, als viele ahnen.
Neben Cookes vergessenem Triumph ist der Ventoux mit dem Schicksal von Tom Simpsons Tochter Joanne verbunden, die jahrelang den Gedenkstein ihres 1967 dort gestorbenen Vaters betreut hat. Und für Demi Vollering ist der Berg persönlich: Als Eisschnellläuferin kletterte sie 2016, 2017 und 2018 erstmals mit dem Rad dorthin und erkannte dabei, dass sie das Zeug zur Profiradsportlerin hat. Ihre früheren Teamkollegen standen am Freitag am Straßenrand und feuerten sie an.
Hinweis: 80 Prozent der Fahrerinnen stimmten laut Tour-Direktorin Marion Rousse dafür, den Mont Ventoux ins Programm aufzunehmen – ein klares Zeichen, wie wichtig dieser Gipfel dem Peloton war.
Stimmen aus dem Peloton
Zoe Bäckstedt, britische Meisterin und Tour-Debütantin, beschrieb die Atmosphäre auf dem Anstieg als elektrisierend: „Ich hoffe, dass dort viele Menschen stehen und uns anfeuern. Den anderen Tag konnte ich mit Alice Towers zusammen fahren und wir konnten gar nicht aufhören zu lächeln – ich wünsche mir, dass es am Ventoux genauso ist.“
Die Gesamtführende Marlen Reusser, nach der Etappe auf Rang drei zurückgefallen, reagierte auf die altbekannte Frage, ob die legendären Anstiege für Frauen zu schwer seien, mit einem trockenen Kommentar: „Ich denke, das beweist nur, dass der Mensch nicht immer eine besonders kluge Spezies ist.“ Nicole Cooke hätte das vermutlich gefallen.
Was jetzt im Rennen entschieden wird
Mit noch zwei Etappen bis zur Ankunft in Nizza – darunter die mit 175 Kilometern längste Etappe dieser Ausgabe – ist das Rennen völlig offen. Niewiadomas 15-Sekunden-Vorsprung auf Vollering ist hauchdünn, und Reusser wartet nur 39 Sekunden dahinter.
Die fünfte Ausgabe der Tour de France Femmes führt über 1.175 Kilometer und 18.795 Höhenmeter durch die Schweiz und Frankreich. Was am Ventoux begann, wird in Nizza seinen Abschluss finden – aber der Freitagnachmittag am Bédoin wird in der Geschichte des Frauenradsports bleiben. Anders als 2006 hat diesmal die ganze Welt zugeschaut.
Weitere Radsport-Neuigkeiten gibt es in unserer News-Übersicht auf Cycleholix.