71 Prozent der Deutschen geben an, sie fühlten sich beim Radfahren durch rücksichtsloses Verhalten anderer unsicher. Das hat die NDR-Umfrage aus diesem Juni gezeigt. Die „Anderen“ sind in dieser Wahrnehmung fast immer die Autofahrer. Doch was ist mit der anderen Seite der Gleichung — mit Radfahrern, die das Problem sind?

George Hill schreibt seit 15 Jahren über Fahrradfahren und hat in dieser Zeit kompromisslos für Radfahrer-Rechte und mehr Sicherheit auf der Straße gekämpft. Jetzt beschreibt er einen Moment, in dem ein Radfahrer auf einem Colnago Master eine fünf Meilen lange Straße in West Sussex zur Einbahnstraße für 30 Autos gemacht hat — für 25 Minuten. Nicht weil er es musste. Weil er es durfte. Und weil er es tat, obwohl er es nicht hätte müssen.

Was die Statistik zeigt — und was sie verschweigt

Die Zahlen aus der ADFC-Fahrradklimastudie sind eindeutig: 77 Prozent der Radfahrer berichten von zu engen Überholmanövern. Das ist real, gefährlich, und verdient jede politische Aufmerksamkeit, die es bekommt. Gleichzeitig zeigt die Forschung ein Paradox: Wenn man beide Seiten befragt, glaubt jede, im Recht zu sein und von der anderen Seite schikaniert zu werden.

96 Prozent der befragten Autofahrer geben an, Radfahrer mit ausreichendem Abstand zu überholen. 93 Prozent derselben Gruppe kritisieren aber andere Autofahrer für zu enge Überholmanöver. Radfahrer zeigen ein ähnliches Selbstbild-Paradox: Man hält sich selbst für vorbildlich, sieht die anderen aber als Problem. Das ist kein Zufall — das ist ein strukturelles Problem der Selbstwahrnehmung im Straßenverkehr. Es betrifft alle — und wer glaubt, ausgenommen zu sein, ist meist das beste Beispiel dafür.

Der Radfahrer auf dem Colnago

Zurück nach West Sussex. Der Radfahrer auf der schmalen, langen Straße hat nichts Illegales getan. Die StVO gibt jedem Radfahrer das Recht, die Fahrbahn zu nutzen. Kein Gesetz verpflichtet ihn, an einer Ausfahrt Platz zu machen oder kurz einzuhalten, damit der Verkehr fließen kann. Und doch haben 30 Fahrer und ihre Mitfahrenden 25 Minuten auf einer fünf Meilen langen Strecke verbracht — mit dem Bild vor Augen: ein Radfahrer, der die Möglichkeit hatte, auszuweichen, und es nicht tat.

„Technisch gesehen hat er nichts falsch gemacht“, schreibt Hill. „Aber sozial gesehen ist das das Äquivalent dazu, jemandem die Tür vor der Nase zufallen zu lassen.“ Das ist keine Anklage gegen Radfahren. Es ist ein Plädoyer für Reflexion.

„Manche Menschen sind Idioten, ob hinter einem Steuer oder hinter einem Lenker. Diese Tatsache sollte man aussprechen dürfen — auch als Radfahrer, der Radfahren liebt.“

Warum das wichtig ist

Die Autofahrer, die hinter jenem Radfahrer auf dem Colnago saßen, haben eine Erfahrung mitgenommen. Sie wird das nächste Gespräch über Radwege färben, die nächste Kommunalwahl, den nächsten Zeitungsbericht. Nicht weil „die Radfahrer“ alle gleich sind — das sind sie nicht — sondern weil kognitive Verzerrung so funktioniert: Ein prägnantes Erlebnis setzt sich fest und überschreibt statistische Realität.

Wer für Radsport und Radinfrastruktur kämpft, würde gut daran tun, auch die eigene Community kritisch zu betrachten. Das ist kein Verrat an der Sache — das ist Realpolitik. Mehr Radwege, mehr Verkehrssicherheit, mehr Akzeptanz: Das erreicht man nicht, indem man jeden Konflikt als Autofahrer-Vergehen rahmt, wenn es das nicht war.

Rücksicht als Grundgesetz des Straßenverkehrs

Paragraph § 1 der StVO ist in seiner Formulierung bemerkenswert klar: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“ Nicht Autofahrer-Rücksicht. Nicht Radfahrer-Rücksicht. Gegenseitige Rücksicht. Für alle, die ein Fahrzeug bewegen.

Die meisten Radfahrer, die diesen Text lesen, fahren bereits so. Sie sind aufmerksam, höflich, und wissen genau, wie es sich anfühlt, auf der falschen Seite eines Überholmanövers zu sein. Für sie ist dieser Artikel keine Neuigkeit. Aber der eine, der nicht so fährt und es könnte? Der sollte es hören dürfen — auch aus den Reihen der eigenen Gemeinschaft. Ohne Entschuldigung, ohne Einschränkung.

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