Am 24. April 2026 stoppte die West Midlands Police im Birminghamer Stadtzentrum einen Lieferradfahrer. Sein Gefährt: ein Tern-E-Cargo-Bike, das über das Gear-Shift-Programm der Birmingham Bike Foundry – finanziert von der Stadtverwaltung – für legale Zwecke ausgeliehen worden war. Was danach passierte, hat eine Debatte über Polizeitraining, E-Bike-Gesetze und fehlerhafte Testmethoden ausgelöst.

Der Fehler-Test: Hinterrad hoch, Pedale drehen

Die Beamten verdächtigten das Cargo-Bike, die gesetzliche Höchstgeschwindigkeit für E-Bikes zu überschreiten. In Großbritannien gilt: Elektrisch unterstützte Fahrräder dürfen den Motor nur bis 25 km/h (15,5 mph) betreiben und die Motorleistung muss unter 250 Watt liegen. Um zu prüfen, ob das Bike legal war, führten die Beamten einen Schnelltest durch: Sie hoben das Hinterrad hoch und drehten die Pedale manuell. Der Tacho zeigte 47 km/h – und die Polizisten erklärten das Rad für illegal.

Der Fehler in dieser Methode liegt auf der Hand: Das manuelle Drehen der Pedale simuliert nicht den tatsächlichen Motorbetrieb. Ein Vergleich aus der Autowelt: Wie wenn man einen Citroen 2CV auf Böcke stellt und die Räder dreht, um zu beweisen, es fahre 160 km/h. Das Bike wurde konfisziert und kurz darauf vernichtet – trotz der Versuche des Fahrers, die Polizisten von ihrem Irrtum zu überzeugen.

Wie die Birmingham Bike Foundry zum Detektiv wurde

Die Birminghamer Fahrradkooperative ließ den Fall nicht auf sich beruhen. Unterstützt von Cycling UK und anderen Interessensgruppen recherchierten die Mitarbeitenden penibel nach Beweisen, dass das Rad tatsächlich legal war – und dass es unrechtmäßig vernichtet worden war. Durch Öffentlichkeitsarbeit, Bodycam-Auswertungen und Medienberichte, darunter ein BBC-Bericht, wurde der Fall einem breiten Publikum bekannt.

Das Ergebnis: Die West Midlands Police gestand ein, dass der verwendete Test ungenau war. Die Strafanzeige gegen den Lieferradfahrer wurde fallengelassen, die Birmingham Bike Foundry erhielt eine Entschädigung für das zerstörte Tern-Bike im Wert von rund 6.000 Pfund. Zudem kündigte die Behörde an, den fehlerhaften Schnelltest sofort zu beenden und alternative Prüfverfahren zu entwickeln.

„Obwohl die Beamten in gutem Glauben handelten, war die Testmethode zur Geschwindigkeitsmessung nicht präzise. Der Test wird mit sofortiger Wirkung eingestellt.“ – West Midlands Police, offizielles Statement

Was in Deutschland und der EU gilt

In Deutschland und der gesamten EU gelten ähnliche Regelungen für Pedelecs: maximale Motorleistung 250 Watt, Unterstützung bis 25 km/h. Wer diese Kriterien einhält, fährt ohne Führerschein- oder Versicherungspflicht. Schnelle S-Pedelecs mit Unterstützung bis 45 km/h fallen hingegen unter die Versicherungspflicht und benötigen ein Versicherungskennzeichen.

Der Birminghamer Fall zeigt, dass auch korrekt konfigurierte E-Bikes bei unsachgemäßen Kontrollen in die Schusslinie geraten können. Fahrradverbände wie der ADFC empfehlen Radfahrenden, bei Polizeikontrollen Konformitätsdokumente oder technische Datenblätter ihres E-Bikes mitzuführen. Gerade Cargo-Bikes und Lastenräder mit ungewöhnlicher Optik werden häufiger kontrolliert.

Praxistipp: Wer ein E-Bike oder Pedelec nutzt, sollte die CE-Konformitätserklärung und das technische Datenblatt (max. 250 W, Motorabschaltung bei 25 km/h) griffbereit haben – etwa als Foto auf dem Smartphone.

Dass das Bike durch die Aktion komplett vernichtet wurde statt nur sichergestellt zu bleiben, empörte die Fahrradcommunity besonders. Die BBC berichtete, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt: Auch andere legale Räder – darunter Hilfsmittel von Rollstuhlfahrenden – wurden in ähnlichen Operationen irrtümlich eingezogen und zerstört. Die Dimension des Problems ist also größer als ein Einzelfall in Birmingham.

Größere Probleme als E-Bikes auf den Straßen

Road.cc-Autorin Ryan Mallon, die den Fall von Anfang an begleitet hat, bringt es auf den Punkt: Es gibt größere Probleme zu lösen als Menschen auf E-Bikes. Die Energie, die in Verfolgung und Vernichtung eines legalen Cargo-Bikes geflossen ist, hätte in sachkundige Ausbildung und klare Dienstvorschriften investiert werden können. Der Fall Birmingham zeigt, dass fehlende Expertise im Umgang mit der wachsenden E-Bike-Vielfalt reale Konsequenzen hat – für Fahrradunternehmen, für Lieferradfahrer und für das Vertrauen in eine faire Handhabung durch Behörden.

Die West Midlands Police hat reagiert – wenn auch spät. Ob andere Polizeibehörden im Vereinigten Königreich und darüber hinaus ähnliche Testmethoden verwenden, bleibt offen. Für die betroffene Community ist es ein wichtiger Präzedenzfall: Wer beharrlich bleibt und Öffentlichkeit mobilisiert, kann Veränderungen erzwingen.