„Ich muss ehrlich sein: Ja, es ist vorbei.“ Diesen Satz hätte man von Pauline Ferrand-Prévot nach dem bisherigen Rennverlauf nicht unbedingt erwartet – nicht so klar, nicht so früh. Doch die Titelverteidigerin zeigte am Mittwochabend in Belleville-en-Beaujolais eine Qualität, die im Profisport selten ist: echte Ehrlichkeit mit sich selbst.

Fünf Minuten – ein Abstand, der kaum aufzuholen ist

Zwei Etappen, zwei herbe Verluste. Im Einzelzeitfahren auf Etappe 4 in Dijon büßte Ferrand-Prévot 2:13 Minuten auf Tagessiegerin Marlen Reusser (Movistar) ein. Am darauffolgenden Tag auf dem hügeligen Kurs durch das Beaujolais nochmals 2:35 Minuten. In der Gesamtwertung steht die Französin nun mit exakt fünf Minuten Rückstand auf das Gelbe Trikot von Reusser – und 4:48 Minuten hinter der zweitplatzierten Demi Vollering (FDJ United – Suez), die Etappe 5 im Sprint gewann. Schon nach Etappe 3, dem ersten Bergankunft auf französischem Boden im Jura, hatte sie erste Schwächen gezeigt – konnte damals aber noch aufschließen.

„Ich meine, ich kenne die Abstände noch nicht, aber ich denke es ist vorbei, ja. Jetzt müssen wir uns neu fokussieren.“ – Pauline Ferrand-Prévot gegenüber Wielerflits

Keine Durchhalteparole, keine diplomatische Ausweichung. Die 34-Jährige, die 2024 in Paris Mountainbike-Olympiasiegerin wurde und 2025 nach langer Auszeit ihr fulminantes Comeback auf der Straße mit dem Gesamtsieg bei der Tour de France Femmes krönte, wählte den direkten Weg. Gut erinnert man sich daran, wie sie im Vorjahr an den langen Anstiegen auf einem vollkommen anderen Level war. Das ist diese Saison anders.

Was im Beaujolais nicht funktionierte

Im Zeitfahren fehlte ihr schlicht die Wattleistung für den Kampf gegen die Uhr. Im Beaujolais, beim harten Antritt von Vollering am Col de Urbize (3,7 km bei 5,8 Prozent Steigung), konnte sie nicht folgen. Danach bildete sie eine Verfolgergruppe mit Anna van der Breggen (SD Worx – Protime) und Cédrine Kerbaol (EF Education – Oatly), später verstärkt durch Teamkolleginnen. Doch selbst zu fünft kamen sie nicht mehr heran.

„Zeitfahren ist immer anders, da braucht man eine Menge Power. Hier musste man gut klettern und explosiv sein – und genau das bin ich zurückt nicht“, sagte sie dem niederländischen Sender NOS. Eine Selbsteinschätzung, die kaum nüchterner hätte ausfallen können.

Plan B: Helferin für Femke De Vries

Was jetzt? Ferrand-Prévot hat bereits eine klare Antwort. Teamkollegin Femke De Vries liegt nach fünf Etappen auf Gesamtrang acht, mit nur gut 30 Sekunden Rückstand auf den vierten Platz von Antonia Niedermaier (Canyon – SRAM). Eine realistische Position für einen Podiumsplatz – wenn Ferrand-Prévot ihre Energiereserven künftig in den Dienst des Teams stellt.

„Wir müssen es natürlich erstmal im Team besprechen, aber sicher: Wenn ich Femke helfen kann, das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, dann mache ich das“, erklärte sie. Der Wechsel von der Kapitänsrolle zur Helferin ist für eine Fahrerin mit 15 Weltmeistertiteln kein kleiner Schritt – doch offensichtlich einer, den sie bereit ist zu gehen. Es ist eine Entscheidung, die mehr über Charakter aussagt als jeder Etappensieg.

Gesamtwertung nach Etappe 5: 1. Reusser (Movistar) · 2. Vollering (+0:12) · 3. Niewiadoma (+1:17) · 4. Niedermaier (+2:40) · 8. De Vries (ca. +5:30)

Mont Ventoux: ein letztes offenes Kapitel

Ganz abgeschrieben ist die Tour für Ferrand-Prévot nicht. Der Mont Ventoux auf der Königsetappe wartet noch – ein Anstieg, der sich fundamental von den kurzen, explosiven Rampen des Beaujolais unterscheidet. Vollering selbst mahnte zur Vorsicht: „Letztes Jahr hat Pauline drei Minuten am Madeleine herausgeholt. Das kann immer noch passieren.“ Fünf Minuten Rückstand sind allerdings eine andere Hausnummer.

Ferrand-Prévot dämpfte die Erwartungen bewusst. Ihr Versprechen, am Ventoux „wieder alles zu geben“, klang weniger nach einem Angriff auf Gelb als nach dem Kampf um einen Etappensieg. Die Titelverteidigung ist Geschichte – das weiß niemand besser als sie selbst. Was bleibt, ist die seltene Bereitschaft, das klar und ohne Ausreden auszusprechen.