Jede Laufrad-Marke behauptet, die schnellsten Räder der Welt zu bauen. Widersprüchlich? Eigentlich nicht — wenn man versteht, was im Windkanal wirklich passiert. Jean-Paul Ballard von Swiss Side erklärt es nüchtern: Manche Tunnels messen Laufrad-Performance mit einer Auflösung von 2–3 Watt. Der Windkanal in Friedrichshafen, den Swiss Side nutzt, erreicht 0,2 Watt. Wenn der Unterschied zwischen den besten Laufrädern der Welt nur ein paar Watt beträgt, erklärt diese Differenz praktisch alles.
Road.cc hat sechs führende Laufrad-Marken befragt — Swiss Side, Princeton Carbon Works, CeramicSpeed, Berd, Campagnolo/Fulcrum und Reserve. Das Ergebnis: sechs grundverschiedene Philosophien, aber eine erstaunliche Einigkeit beim Ausblick auf die Zukunft.
Aerodynamik ist nicht alles — Fahrverhalten auch
Swiss Side entwickelt 100 Prozent der DT-Swiss-Aerodynamik — von der Felge über die Nabe bis zur Speiche. Trotzdem legt Gründer Ballard weniger Gewicht auf den letzten Watt-Vorteil als man erwarten würde. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben das einzige, das in einem Windkanal auch Lenkkräfte messen kann. Das erlaubt Räder, die im Seitenwind stabil bleiben — was im echten Fahrbetrieb mehr bringt als marginale ein oder zwei Watt Aerodynamik-Vorteil. Ballards Prioritätenliste für normale Fahrer: „Qualität, Zuverlässigkeit, Fahrverhalten, Fahrspaß und Komfort.“
Princeton Carbon Works fährt eine andere Linie. „Purity of Purpose“ nennt es Gründer Harrison Macris: schnellste Räder für schnellste Athleten — Olympiasieger, Weltmeister, Weltrekordhalter. Das Unternehmen ist bekannt für seine variablen Tiefenprofile, eine Felge deren Höhe sich über den Umfang verändert, um den Luftfluss an der Hinterkante zu optimieren. PCW setzt auf Hakenfelgen: Hookless biete laut Macris keine aerodynamischen Vorteile, beschränke aber Reifenwahl und maximal zulässige Drücke.
Reserve wiederum testet seine Turbulent-Aero-Laufräder in einem Windkanal in Ontario, der turbulente Stadtluft aus echten Straßenmessungen simuliert — praxisnäher als klassische Laminar-Flow-Tests. Das 42/49-mm-Modell mit Carbonspeichen und Tune-Pico-Nabe wiegt 1.290 Gramm bei uneingeschränktem Fahrergewicht.
Was im Verborgenen liegt: Lager und Speichen
CeramicSpeed stellt Lager her, deren Siliziumnitrid-Kugeln 60 bis 70 Tage in der Produktion sind — Wärme, Druck, Schleifen, Polieren, bis zur Grade-3-Präzision (drei Millionstel Zoll Abweichung vom Solldurchmesser). Der Aufwand lohnt sich in Zahlen: In einem vollständig optimierten Antriebsstrang mit CeramicSpeed-Komponenten spart das System nach eigenen Angaben 10 bis 16 Watt — Schaltwerk, Tretlager und Radlager zusammengerechnet.
Berd verfolgt einen anderen Ansatz: Speichen aus Dyneema, dem „stärksten Polymer der Welt“. 2,5 Gramm pro Speiche statt 4,4 Gramm wie beim DT Swiss Aerolite — rund 100 bis 150 Gramm Ersparnis pro Laufradsatz. Mittlerweile ist die Vibrationsdämpfung mindestens so wichtig wie das Gewicht: Dyneema absorbiert Stöße, wo Carbonspeichen härter reagieren. Berd setzt zudem auf TRUDI, eine computergestützte Aufbaumaschine, die jeden Speichenspannungsschritt berechnet. Selbst ein ungelernter Aufbauer soll damit in unter einer halben Stunde ein präzises, rundes Laufrad bauen können.
Hookless und Carbon-Speichen: Die Industrie ist gespalten
Campagnolo und Fulcrum sind in einem Punkt unmissverständlich: „Wir werden niemals hookless gehen.“ Marco Franceschini von Fulcrum argumentiert, Hakenfelgen hätten im Windkanal keinen Nachteil — dafür mehr Reifenkompatibilität und höhere zulässige Drücke. Das passt zur Philosophie beider Marken: integriertes System statt Trend-Followership. Jede Campagnolo-Felge hat einen eigenen Barcode. Der Hersteller weiß für jedes verkaufte Laufrad, woher das Carbon stammt, wie die Speichen gespannt wurden und wer es aufgebaut hat. Die kalkulierte Ausfallrate: 0,2 Prozent.
„Wenn wir nicht die Ersten sind, prüfen wir — und dann machen wir es besser.“ — Federico Gardin, Campagnolo/Fulcrum
Carbon-Speichen nennen nahezu alle Marken als die nächste große Entwicklung. Reserve-Mitgründer Brian Bernard: „Das ist die Grenze der Laufrad-Performance. Ich denke, in den nächsten Jahren werden viele Marken mit Carbon-Speichen kommen.“ Berd sieht sogar Potenzial, Dyneema-Speichen künftig aerodynamischer zu profilieren — Gewichtsvorteile und Aero-Vorteile kombiniert.
Fazit: Die teuersten Laufräder sind nicht zwingend die schnellsten auf der Straße. Windkanal-Bedingungen, Reifenwahl und Fahrgewohnheiten entscheiden mehr als der Markenname auf der Felge.
Campagnolo/Fulcrum arbeitet derweil mit der Universität Padua daran, das charakteristische Fahrgefühl ihrer Laufräder messbar zu machen. Nicht das nächste Material — sondern die Wissenschaft des Gefühls ist ihr nächstes Kapitel.