Fast vier Jahre nach dem tödlichen Unfall hat ein Richter am Londoner Old Bailey das Urteil gesprochen: 18 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. Angeklagter ist Tristan Renshaw, ein 47-jähriger Tipper-Truck-Fahrer aus Staines, der im Dezember 2022 beim Linksabbiegen den 60-jährigen Radfahrer Zinovly Savyulak tötete. Richter Philip Katz KC ließ keinen Zweifel an der Schwere des Vorgangs: Renshaw sei Gefängnis „nur knapp entkommen“.

Linksabbiegen im Totwinkel: Der Unfall und das Urteil

Der Unfall ereignete sich am 15. Dezember 2022 auf der North End Road in Fulham, West London. Renshaw steuerte einen 44-Tonnen-Kipplaster in dieselbe Richtung wie Savyulak, als er nach links abbog – ohne den Radfahrer in seinen Spiegeln zu bemerken. Erst als ein Passant ihn aufmerksam machte und die Schreie des Opfers zu hören waren, realisierte Renshaw, was geschehen war.

Im Prozess behauptete er schlechte Lichtverhältnisse und die dunkle Kleidung des Opfers als mitursächlich. Die Staatsanwaltschaft widersprach: Savyulak wäre aus Renshaws Spiegeln erkennbar gewesen – hätte der Fahrer ordnungsgemäß geschaut. Die Jury folgte dieser Einschätzung und verurteilte ihn wegen fahrlässiger Tötung.

Das Gericht verhängte 18 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung für zwei Jahre, 150 Stunden gemeinnützige Arbeit und ein zwölfmonatiges Fahrverbot. Ab August 2027 darf Renshaw wieder Fahrzeuge führen.

„Die Tatsache ist, dass Sie Herrn Savyulak schlicht nicht gesehen haben – und das ist keine Verteidigung. Ich bin sicher, dass Sie keinen abschließenden Spiegelblick vorgenommen haben, bevor Sie abbogen.” – Richter Philip Katz KC

Vorstrafen und Vorgeschichte: Wer ist Tristan Renshaw?

Was das Urteil besonders brisant macht: Renshaw hat eine Verkehrsvorgeschichte, die nachdenklich stimmt. Vorstrafen aus den 1990er-Jahren umfassen Fahren ohne Führerschein und Fahrzeugdiebstahl. Berichten zufolge kämpfte er zeitweise mit Alkohol- und Drogenproblemen; zudem sei bei ihm bipolare Störung und Autismus diagnostiziert worden.

Trotzdem war er zum Zeitpunkt des Unfalls im Besitz eines gültigen Führerscheins und als Fahrer des schwersten Fahrzeugtyps im Straßenverkehr beschäftigt. Wie jemand mit dieser Vorgeschichte eine Lizenz für Schwertransporter erhielt, blieb im Verfahren unbeantwortet.

Für Savyulaks Witwe, ebenfalls ukrainische Staatsbürgerin, bedeutet das Urteil das Ende eines Prozesses, der nach Einschätzung des Richters selbst weder „akzeptabel” noch „gerechtfertigt” lang gedauert hatte. In ihrer Opfererklärung zeigte sie bemerkenswerte Haltung: Ihr Leben habe sich vollständig verändert – psychisch und finanziell. „Der Angeklagte und seine Familie stehen ebenfalls vor großen Problemen. Ich habe kein Recht, jemanden zu verurteilen. Das ist das Leben.” Der Richter würdigte ihre „Würde, Fassung und Anstand” ausdrücklich.

Abbiegeunfall als Systemproblem – ein vertrautes Muster

Der Fall in Fulham reiht sich in ein bekanntes Muster ein: Schwere Nutzfahrzeuge, die beim Abbiegen Radfahrer übersehen, zählen weltweit zu den häufigsten Todesursachen im Radverkehr. In Deutschland sind sogenannte Abbiegeassistenten für Lkw seit 2022 für neu zugelassene Fahrzeuge Pflicht – in Großbritannien gilt das bisher nicht flächendeckend.

Das Urteil dürfte in Radfahrkreisen für anhaltende Diskussionen sorgen. Ein Mensch mit nachweislicher Vorgeschichte fährt das gefährlichste Fahrzeug auf öffentlichen Straßen, übersieht einen Radfahrer und tötet ihn – und bleibt ab 2027 wieder fahrerlaubnisberechtigt. Das ist der Kern dieses Falls, der weit über London hinaus Fragen aufwirft. Aktuelle Urteile und Nachrichten zur Radsicherheit gibt es im Cycleholix News-Bereich.