Kaum hatte Kasia Niewiadoma die Ziellinie in Nizza überquert, suchte sie Célia Gery. Die Polin steuerte direkt auf die französische FDJ-United-Suez-Fahrerin zu und stellte ihr eine knappe Frage: Warum hast du das getan? Warum hast du mich in die Barrieren gedrängt? War das Teil des Plans?
Gery reagierte nicht. Die Szene markierte den emotionalen Höhepunkt einer turbulenten 8. Etappe der Tour de France Femmes 2026, an deren Ende Demi Vollering Niewiadoma das Gelbe Trikot wieder abnahm – und das Team Canyon-SRAM eine formelle Beschwerde bei der UCI einreichte.
Was auf dem Schlussanstieg passierte
Die Etappe nach Nizza endete mit einem explosiven Finale auf dem Schlussanstieg in die Stadt. Niewiadoma, die mit dem Gelben Trikot gestartet war, behauptete, dass Gery sie genau in dem Moment gegen die Absperrbarrieren drängte, als Vollering ihren Angriff startete.
Ich war zu Beginn des Anstiegs extrem verärgert, weil Gery mich absichtlich gegen die Barrieren gedrückt hat – bis ich aufhören musste zu treten, sagte Niewiadoma nach der Etappe. Wenn sie miteinander konkurrieren wollen, sollten sie das fair tun. Das war für mich so kindisch. Ehrlich gesagt habe ich meinen ganzen Respekt für sie verloren.
Das TV-Bild zeigte den Moment nicht eindeutig – die Kamera wechselte genau im falschen Moment den Winkel. Die Jury prüfte den Vorfall und sichtete Videoaufnahmen aus mehreren Kameraperspektiven, erteilte am Ende aber keine Strafe, Geldbuße oder Verwarnung für Gery.
Canyon-SRAMs Reaktion und die Suche nach Antworten
Am Teambus von Canyon-SRAM versammelten sich Sportdirektoren und Betreuerstab um ein Handy, um die Replays auszuwerten. Sportdirektor Ronny Lauke bestätigte später, dass das Team eine formelle Beschwerde bei der UCI eingereicht hatte. Rolf Aldag blieb zunächst vorsichtig: Ich habe es nicht gesehen. Wir werden es analysieren – wenn es unfair war, gibt es ein VAR-System und eine Jury, die handelt.
Die FDJ United-Suez wies die Vorwürfe zurück. Sportdirektor Lars Boom erklärte, er kenne Gery persönlich und könne sich ein absichtliches Abdringen nicht vorstellen. Vollering selbst sagte, sie habe nichts gesehen: Ich schaute nur nach vorne, es war schwarz vor meinen Augen. Célia hat wahrscheinlich dasselbe erlebt. Ich bin sicher, dass sie Kasia in diesem Moment nicht gesehen hat.
Etappenresultat: Demi Vollering gewann in Nizza. Kasia Niewiadoma kam 17 Sekunden später als Dritte ins Ziel. Im Gesamtklassement führt Vollering nun 8 Sekunden vor Niewiadoma. Das Finale am Sonntag entscheidet den Gesamtsieg der Tour de France Femmes 2026.
Sportrecht oder Rennhitze?
Der Vorfall wirft eine Frage auf, die den Radsport immer wieder begleitet: Wo liegt die Grenze zwischen aggressiver, legaler Rennführung und unfairem Eingriff? Taktisches Abdingen in Kurven und bei Anstiegen gehört zur DNA des Radsports – aber eine bewusste Blockade am Scheitelpunkt eines entscheidenden Angriffs ist eine andere Kategorie.
Die Jury hat entschieden, keine Strafe auszusprechen. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass nichts passiert ist – sondern dass die vorliegenden Beweise für eine Sanktion nicht ausreichten. Canyon-SRAM hat den offiziellen Weg gewählt und Einspruch erhoben. Die Antwort war Stille.
Kasia Niewiadoma geht jetzt als Zweite ins Finale. Acht Sekunden Abstand, eine Etappe, alles offen. Die Rückkehr des Gelben Trikots ist möglich – und die Art, wie Niewiadoma am Ventoux gefahren ist, lässt keinen Zweifel daran, dass sie es versuchen wird.