Ein aufgeblähter Rucksack soll Radfahrer schneller machen – das klang schon 2024 nach einer kühnen Behauptung. Jetzt hat das britische Aerodynamik-Unternehmen AeroCoach den Ram Air Fairing RAF1 in den Windkanal gestellt. Das Ergebnis bestätigt, was viele Experten von Anfang an vermutet hatten: Das Produkt macht Fahrer nicht schneller, sondern messbarer langsamer – um bis zu 15 Watt bei 45 km/h.

Was das RAF1 ist und was es verspricht

Das RAF1 sieht aus wie ein kleiner Rucksack, ist aber keiner: Man transportiert damit nichts. Es handelt sich um ein leichtes, durch Fahrtwind aufblasbares Element, das keilförmig am Rücken sitzt und eine aerodynamische Wirkung erzeugen soll. Inspiriert von Paragleit-Geometrien soll die Strömung um den Fahrer herum verbessert werden. Laut Hersteller verspricht das Gerät eine Reduktion des Luftwiderstands um bis zu 19,6 Prozent. Das ist eine erhebliche Behauptung – ohne unabhängige Belege.

Beim Crowdfunding-Start 2024 auf Kickstarter fehlten externe Windkanaldaten vollständig. Der Hersteller berief sich auf allgemeine Strömungstheorien, ohne belastbare Messdaten vorzulegen. Escape Collective hatte das Produkt schon damals kritisch bewertet und das Fehlen jeglicher unabhängiger Daten scharf kommentiert. Dazu kommt die Frage der UCI-Legalität: Das aufgeblähte Element widerspricht dem Regelwerk zu erlaubter Bekleidung im Wettkampf. Auf Nachfrage verwies die Firma auf die jeweiligen Veranstalter – eine Ausweichung, die niemandem half.

Die Zahlen aus dem Windkanal

AeroCoach hat das RAF1 jetzt eigenständig getestet. Gründer Xavier Disley veröffentlichte die Ergebnisse und formulierte sie klar: Bei 45 km/h war der Testfahrer mit dem RAF1 auf dem Rücken 15 Watt langsamer als ohne. Bei 30 km/h betrug der Nachteil noch 3,5 Watt. Gemessen wurde über einen Gierwinkelbereich von 10 Grad – ein realistischer Wert für Fahrten unter wechselnden Windverhältnissen.

„Das Ergebnis: 15 Watt langsamer bei 45 km/h und etwa 3,5 Watt langsamer bei 30 km/h.“ – Xavier Disley, AeroCoach

Die Theorie hinter dem RAF1 basiert auf dem Konzept anliegender Luftströmung am Körper. In der Aerodynamik ist das ein reales Phänomen, das etwa beim Deltaflügel oder bestimmten Rennradhelmen funktioniert. Dass ein aufgeblähtes Textilelement auf dem Rücken diesen Effekt reproduzieren kann, ist jedoch physikalisch unwahrscheinlich – und der Windkanal bestätigt das.

Zum Einordnen: Ein gut sitzender aerodynamischer Helm liefert je nach Modell zwischen 10 und 20 Watt Einsparung. Ein Hautanzug im Profibereich ähnliches. Das RAF1 dreht diese Rechnung um: Es vergrößert den Frontquerschnitt, erzeugt Wirbelzonen und kostet Leistung. Das exakte Gegenteil des Versprechens. Dass das aufgeblähte Element Turbulenzen statt anliegende Strömung erzeugt, ist rückblickend keine Überraschung.

Kurz erklärt: Das RAF1 wird durch Fahrtwind aufgeblasen. Theoretisch sollte eine keilförmige Form die Rückenströmung verbessern. AeroCoach-Windkanal: +15 Watt Mehtwiderstand bei 45 km/h.

Kein Wettkampfgerät – auch für Hobby keine Option

Im Rennen spielt das Ergebnis keine Rolle, da das RAF1 dort ohnehin verboten ist. UCI-Regeln schreiben vor, dass Bekleidung der körperlichen Morphologie des Fahrers folgen muss – ein keilförmiges aufgeblähtes Element am Rücken erfüllt das definitiv nicht. Aber auch für Hobbyfahrer ohne Wettkampfambitionen und ohne Regelwerk wären 15 Watt Mehrbelastung kein akzeptabler Kompromiss. Wer für dasselbe Tempo mehr Kraft aufwenden muss, hat schlicht einen Nachteil – egal ob beim Sonntags-Gruppenritt oder in der Flachwelle.

Warum der Test wichtig ist

AeroCoach ist in Großbritannien ein renommierter Anbieter für Windkanal-Tests und aerodynamische Produkte im Radsport. Disley und sein Team haben das RAF1 auf eigene Kosten erworben und unabhängig getestet – ohne Auftrag des Herstellers. Das ist eine Form angewandter Verbraucherkritik, die im Radsport leider selten ist. Zu viele Produkte zirkulieren mit übertriebenen Aero-Versprechen und ohne Daten.

Der Test erinnert daran, wie wichtig unabhängige Windkanal-Daten sind – nicht nur für Profi-Equipment, sondern auch für die vielen Geräte, die auf den Markt drängen und Watt-Einsparungen versprechen. Das RAF1 hat seinen Windkanal-Test erhalten. Das Ergebnis ist eindeutig. Es bleibt zu hoffen, dass künftige Produkte ihre Daten vorlegen, bevor sie crowdfunden.