„Ihr kennt doch sicher Marios B-Dash, oder? Wenn ihr beim Rennen die B-Taste gedrückt haltet, überquert er kleine Abgründe, ohne abzustürzen — ein cooler kleiner Kniff. Ehrlich gesagt war das eigentlich ein Bug durch fehlerhafte Kollisionserkennung mit dem Boden.“ Das sagte Shigeru Miyamoto in einem Interview mit dem japanischen Magazin Casa Brutus, das zu Ehren des 40. Jahrestags der Super-Mario-Franchise erschien. Was folgte, ist eine kleine Legende der Spielentwicklungsgeschichte.

Ein Fehler in der Kollisionserkennung – und ein Programmierer staunt

Das Original Super Mario Bros. erschien 1985 auf dem Nintendo Famicom. Irgendwann während der Entwicklung bemerkte ein Programmierer, dass Mario bei hoher Geschwindigkeit — also wenn die B-Taste gedrückt gehalten wird — schmale Lücken überqueren konnte, die er eigentlich hätte verfehlen müssen. Der Grund war ein Fehler in der Kollisionserkennung zwischen Mario und dem Boden. Das Spiel behandelte ihn bei bestimmten Geschwindigkeitswerten kurzzeitig anders als gewöhnlich, was das Springen über eigentlich tödliche Abgründe ermöglichte.

Der betreffende Programmierer reagierte zunächst so, wie Entwickler auf Fehler reagieren: Er wollte ihn beheben. „Er sagte: ‚Huh? Er ist nicht gefallen!‘ und versuchte, es zu korrigieren“, erinnert sich Miyamoto. Doch Miyamoto griff ein: „Aber ich sagte: ‚Nein, nein! Es macht Spaß, wenn er so hindurchduschen kann — lass es so!‘ Also behielten wir es.“

„Das war eigentlich ein Bug durch fehlerhafte Kollisionserkennung mit dem Boden. Als der Programmierer ihn entdeckte, wollte er ihn fixen. Ich sagte: Nein, lass es!“ — Shigeru Miyamoto, Casa Brutus

Aus dem versehentlichen Effekt wurde eine bewusste Design-Entscheidung. Der B-Dash ist seitdem fester Bestandteil der Mario-Reihe — nicht als Zugeständnis, sondern als Kernmechanik, die Tempo, Kontrolle und das grundlegende Spielgefühl der gesamten Franchise prägt.

Miyamotos Methode: Emergenz statt Kontrolle

Was Miyamoto hier beschreibt, ist kein Einzelfall in seiner Karriere. Er gilt in der Spielentwicklungsszene als einer der Designer, der Emergenz — also unerwartete, zufällige oder unbeabsichtigte Spielmomente — systematisch beobachtet und nutzt. Statt einen unvorhergesehenen Effekt sofort als Fehler zu kategorisieren und zu eliminieren, fragt er zuerst: Macht es das Spiel interessanter, überraschender, spaßiger?

Beim B-Dash war die Antwort eindeutig ja. Das schnellere Rennen, das präzises Timing mit der B-Taste belohnte, wurde zum Herzstück des Spielgefühls. Es trennte Einsteiger, die vorsichtig liefen, von erfahrenen Spielern, die Abschnitte in hohem Tempo durchrasten. Ohne diesen zufälligen Fehler wäre Super Mario Bros. in einem fundamentalen Aspekt ein anderes Spiel — messbarer und beherrschbarer vielleicht, aber auch weniger ausdrucksstark.

Hintergrund: Das Interview erschien im japanischen Designmagazin Casa Brutus anlässlich des 40. Jubiläums der Super-Mario-Franchise.

Nicht der einzige glückliche Fehler in Nintendos Geschichte

Der B-Dash ist nicht der einzige bekannte Fall, in dem ein Mario-Fehler zu einer bewussten Spielmechanik wurde. Miyamoto erwähnte in früheren Interviews, dass die Münzblöcke, die man mehrfach hintereinander treffen kann, ebenfalls durch einen Programmierfehler entstanden. Generell war die Spielentwicklung der frühen 1980er Jahre weniger ein strukturierter Design-Prozess als ein iteratives Experimentieren am laufenden Code — Bugs waren damals häufig Entdeckungen, keine Katastrophen.

Dass Miyamoto diese Geschichten heute — mehr als 40 Jahre später — offen erzählt, zeigt, wie weit sich das Verhältnis zwischen Spielentwicklung und Perfektion verschoben hat. In der modernen AAA-Industrie werden Bugs gepatcht, bevor sie jemand spielen kann. Damals entschied manchmal ein einziger Satz des Directors, ob ein Fehler zu einer Legende wird. „Lass es so“ klingt simpel. Die Ergebnisse haben sich über vier Jahrzehnte gehalten.

Für Speedrunner ist der B-Dash heute ein zentrales Werkzeug. Viele der schnellsten Durchläufe durch Super Mario Bros. basieren auf dem präzisen Einsatz der Dash-Mechanik, um Abschnitte zu überspringen und Feinde zu meiden. Dass dieser essentielle Teil des Speedrunning-Repertoires auf einem Tippfehler im Kollisionsalgorithmus eines NES-Spiels beruht, ist eine der schöneren Ironien der Gaming-Historik.

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