Kasia, du bist die Stärkste. Ich glaube an dich – du bist die Königin. Als diese Worte von Canyon-SRAM-Teamkollegin Antonia Niedermaier über das Funkgerät kamen, hatte Kasia Niewiadoma noch fünf Kilometer vor sich und bereits über eine Minute Vorsprung auf Demi Vollering und Marlen Reusser.
Niedermaier lag richtig. Am 8. August bestieg Kasia Niewiadoma als erste Fahrerin überhaupt den Mont Ventoux in einem Etappenfinale der Tour de France Femmes – und tat das mit einer Leistung, die an diesem Nachmittag in der Provence ihresgleichen suchte. Die Polin siegte am Ende der 7. Etappe mit 1:16 Minuten Vorsprung auf Vollering und übernahm damit das Gelbe Trikot der Gesamtführenden.
Das Solo mit neun Kilometern noch zu fahren
Der Mont Ventoux misst 15,5 Kilometer und liegt im Schnitt bei 8,8 Prozent Steigung – einer der anspruchsvollsten Schlussanstiege, die eine Etappe bieten kann. Niewiadoma wählte ihren Moment sorgfältig: Auf dem steilsten, bewaldeten Abschnitt, neun Kilometer vor dem Gipfel, griff sie an und ließ die bis dahin führende Marlen Reusser (Movistar) sowie Demi Vollering (FDJ United-Suez) sofort stehen.
Ihr Vorsprung wuchs zunächst schnell auf rund 30 Sekunden, brach dann vorübergehend auf fünf Sekunden zusammen. Das Patt dahinter spielte ihr in die Karten: Vollering und Reusser lauerten aufeinander, wer im zunehmenden Gegenwind auf dem freien Gipfelabschnitt die Führungsarbeit übernehmen würde. Niemand wollte im Wind kämpfen.
Ich wusste, dass ich angreifen musste, bevor es flacher wird, erklärte Niewiadoma nach dem Ziel. Wenn ich vorne bin, taktieren sie – keiner will im Gegenwind alleine schuften. Als mein Vorsprung eine Minute betrug, war mir klar, dass ich gewinne.
Am weißen Sendeturm auf dem Gipfel überquerte sie die Ziellinie mit 1:16 Minuten Vorsprung auf Vollering und 1:46 auf Reusser. Im Gesamtklassement führt die Polin damit 15 Sekunden vor Vollering und 39 vor Reusser – vor dem Finale am Sonntag in Nizza.
Was 5,3 Watt pro Kilogramm wirklich bedeuten
Die Zahlen, die Niewiadoma laut ihren Strava-Daten am Ventoux produzierte, sind beeindruckend. Sie kletterte die 15,5 Kilometer in 55 Minuten und 20 Sekunden – das entspricht einer Durchschnittsleistung von 5,3 Watt pro Kilogramm. Auf dem steileren Abschnitt bis zum Chalet Reynard, wo sie ihren Angriff startete, lag die Leistung sogar bei 5,4 W/kg.
Dieser Sieg ist für all die Menschen, die an meiner Seite waren – Familie, Team, meinen Mann Taylor und meinen Trainer. Und für meinen Teamchef Ronny Lauke. Sie wissen, wie viel ich dafür investiert habe. – Kasia Niewiadoma
Zum Vergleich: Pauline Ferrand-Prévot erzielte im vergangenen Jahr bei ihrem entscheidenden Klettermänover auf dem Col de la Madeleine 5,04 W/kg – und das über 64 Minuten Aufstiegszeit. Niewiadoma war in beiden Dimensionen stärker: mehr Watt, weniger Zeit.
Es war zugleich ein persönlich bedeutsamer Sieg. Seit dem Women’s Tour of Britain 2019 hatte Niewiadoma keine Etappe mehr gewonnen. Zuletzt hatte sie 2024 die Gesamtwertung der Tour de France Femmes im Vier-Sekunden-Krimi gegen eben Vollering gewonnen. Wenn sie siegt, dann auf ihre eigene, unverwechselbare Art.
Historisch auf mehreren Ebenen
Zum ersten Mal in der Geschichte der Tour de France Femmes endete eine Etappe auf dem Mont Ventoux. Der Berg, der im Männerradsport für unvergängliche Momente steht, hat nun auch ein erstes Kapitel Frauenradsport geschrieben. Als Schauplatz für eines der stärksten Solos der jüngeren Radsportgeschichte hätte es kaum einen besseren Ort geben können.
Antonia Niedermaier erreichte als beste Deutsche auf Rang fünf das Ziel und verteidigte das Weiße Trikot der besten Nachwuchsfahrerin. Die Rosenheimerin bleibt Canyon-SRAMs zweite Kraft im Rennen – ihr Funk-Zuspruch an Niewiadoma war mehr als ein nettes Detail, er war der emotionale Kern eines historischen Tages.
Das Finale findet am Sonntag in Nizza statt. Der Abstand ist klein, die Ausgangslage offen – aber am Mont Ventoux hat Kasia Niewiadoma unmissverständlich gezeigt, wozu sie in Form ist. Ob das für den zweiten Gesamtsieg reicht, entscheidet sich an der Côte d’Azur.