„Wirtschaftliche Zielvorgaben und gute Spiele passen nicht zusammen.“ Mit Worten in diesem Sinne hat ein langjähriger Entwickler von id Software im Podcast Auf ein Bier eine vernichtende Bilanz über die Unternehmenskultur von Xbox gezogen – wenige Wochen nach dem massivsten Stellenabbau in der Geschichte des Doom-Studios.
Versteht Xbox überhaupt Spieleentwicklung?
Genau diese Frage steht im Mittelpunkt des Gesprächs, das den Gaming-Diskurs nach den Xbox-Entlassungen vom 6. Juli 2026 weiter anheizt. Der Entwickler, der nach Jahren bei id Software gehen musste, zieht eine klare Trennlinie: Die Unternehmensführung von Microsoft priorisiere Gewinnmargen über spielerische Qualität – und verstehe schlicht nicht, wie kreative Spieleentwicklung in der Praxis funktioniert.
Das ist keine Bitterkeit eines Einzelnen. Es ist eine strukturelle Kritik an einem Konzern, der Spielestudios wie Produktionslinien verwaltet. Entwickler brauchen Zeit, Sicherheit und Vertrauen, um außergewöhnliche Spiele zu schaffen. Wer stattdessen Quartalsberichte als Maßstab anlegt, bekommt mittelmäßige Ergebnisse – oder gar keine mehr.
Der Entwickler hinterfragte im Podcast zudem, ob Microsoft die besonderen Anforderungen kreativer Softwareentwicklung überhaupt kennt. Ein Shooter wie Doom entstehe durch jahrelanges Aufbauen von institutionellem Wissen – durch Fachbereiche, die aufeinander abgestimmt sind und die Engine gemeinsam voranbringen. Das lasse sich nicht durch kurzfristige Umstrukturierungen ersetzen.
„Wirtschaftliche Zielvorgaben stehen guten Spielen im Weg. Ich frage mich, ob der Konzern überhaupt versteht, wie Spieleentwicklung funktioniert.“
Hinzu kommt: Im selben Zeitraum wurden bei Bethesda und weiteren Xbox-Studios ebenfalls massenhaft Stellen gestrichen. Die Berichte über den Ablauf ähneln sich – kurze, anonyme Calls, kein Raum für Erklärungen, keine Möglichkeit zur Rückfrage. Das Muster zeigt, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt, sondern um eine konzernweite Vorgehensweise.
136 Stellen gestrichen – und was das wirklich bedeutet
Die Zahlen sind brutal: Von ursprünglich 185 Beschäftigten wurden bei id Software 136 Stellen gestrichen, wie eine WARN-Meldung an texanische Behörden belegt. Das entspricht etwa 73 Prozent der Belegschaft. Der Abbau ist Teil der größten Restrukturierung in der Xbox-Geschichte – insgesamt 3.200 Jobs sollen bis Ende des Fiskaljahres 2027 wegfallen, davon 1.600 sofort und weitere 1.600 verteilt über die kommenden Monate.
Besonders bitter: Die Entlassungen erfolgten einen Tag vor dem Release der Erweiterung Doom: The Dark Ages – Revelations, die auf Steam sehr positive Bewertungen erhielt und zu den meistgelobten Releases des Jahres 2026 auf OpenCritic zählt. Das Team hatte zuvor monatelange Crunch-Phasen bewältigt, um das DLC fertigzustellen – und wurde kurz vor dessen Veröffentlichung abgebaut.
Mehrere Entwickler berichteten, dass die Verkündung der Entlassungen in einem Videocall unter 60 Sekunden dauerte. Der Chat war deaktiviert, Mikrofone stummgeschaltet. Rückfragen waren nicht möglich. Die Einladung zum Meeting kam teils nur zehn Minuten vorher – viele auf dem Arbeitsweg bekamen gar keine Gelegenheit, teilzunehmen. Innerhalb von 48 Stunden wurden Slack-Zugänge und Arbeits-E-Mails gesperrt.
Hintergrund: id Software entwickelt die hauseigene id Tech Engine, die als Basis für Doom, Quake und weitere Shooter gilt. Durch den massiven Personalabbau steht die Zukunft dieser Technologie offen – zahlreiche erfahrene Engine-Programmierer und VFX-Entwickler wurden entlassen.
Was von id Software übrig bleibt
Die Frage, ob id Software künftig noch eigenständige Großprojekte entwickeln kann, beantwortet die Mehrheit der Beobachter mit einem klaren Nein. Zu viele erfahrene Fachbereiche wurden eliminiert: das VFX-Team bis auf einen einzigen Künstler, große Teile der Engine-Abteilung sowie QA-Spezialisten, die das technische Fundament des Studios bildeten. Das institutionelle Wissen, das für ein neues Doom nötig wäre, ist zu großen Teilen verloren.
Realistischer sei laut mehreren ehemaligen Mitarbeitern, dass id Software künftig als Support-Studio für andere Xbox-Produktionen fungiert. Das wäre eine drastische Degradierung für das Studio, das mit Quake, Doom und Wolfenstein die Shooterbranche geprägt hat.
Für Xbox ist das ein Reputationsschaden, der weit über id Software hinausgeht. Die Botschaft an die gesamte Entwicklerszene: Selbst ein erfolgreiches Spiel schützt nicht vor dem Kahlschlag. Ob das die richtigen Entwickler anzieht, darf bezweifelt werden.
Weitere Hintergründe zur Lage der Gaming-Branche sowie aktuelle Analysen zur Online-Gaming-Regulierung in Deutschland findet ihr in unserem Spiele-Bereich.