Lange waren Twentyniner lediglich kurzhubigen CC und Marathon Bikes vorbehalten. Die Vorteile wie ein besseres Überrollverhalten lagen in diesen Bike-Klassen auf der Hand und ließen allenfalls ein Schmunzeln in der Gravity-Szene zu. Doch seit kurzem mischen Firmen wie Trek und Specialized das Feld im Enduro Sektor auf, statt den etablierten 650b Laufräder stellen sie ihre Enduros auf 29“ Laufräder. Natürlich nahmen wir uns das zum Anlass, verschiedene Bikes dieser neuen Kategorie zu testen. Zum einen befindet sich das Specialized Enduro Pro 29 in unserem Dauertest, zum anderen haben wir das Trek Slash 9.8 in einem Einzeltest unter die Lupe genommen. Wir haben das Bike mit 160/150 mm Federweg (V/H) auf unsere Hometrails im Pfälzer Wald und die steinigen, staubigen Strecken im Vinschgau entführt. Es musste seine Qualitäten jedoch auch im Bikepark unter Beweis stellen.

Trek Slash 9.8

Da steht es nun, schwarz wie die Nacht, irgendwie massiv, irgendwie filigran. Das Slash wirkt trotz seines Radstandes von 121,9 cm bei Größe M (17,5“) recht kompakt und lässt auf den ersten Blick die großen Laufräder nur schwer erahnen. Markant wird das Bike durch seine sehr organische Rahmenform mit dem schnurgerade ausgeführten, massiven Unterrohr. Dieses fügt sich dennoch elegant in den OCLV Rahmen ein, hat aber die Eigenschaft, den Lenkeinschlag der Gabel zu begrenzen. Ähnlich wie bei einem Bike mit Doppelbrückengabel würde die Gabelkrone am dicken Gummischutz des Rahmens anschlagen – wenn der Knock Block dies nicht verhindern würde. Dieses Teil ist ein mechanischer Anschlag in Vorbau und Steuersatz, welcher von sich aus den Lenkeinschlag limitiert. Kritikern das begrenzten Lenkeinschlages sei gesagt, dass uns das in der Praxis nicht ein mal negativ aufgefallen wäre. Selbst in engen Spitzkehren auf dem „17er Trail“ im Vinschgau passte der mögliche Kurvenradius wunderbar!

Knock Block zum begrenzen des Lenkeinschlages
Falls der Knock Block nicht reicht gibt es noch den Gummianschlag am Unterrohr.

Ein weiteres Feature ist der „Mino-Link“, ein Flip Chip mit dem die Geometrie in wenigen Handgriffen, und notfalls auf dem Trail von flach auf noch flacher gestellt werden kann.

Die beiden Mino-Links. mit denen sich die Geometrie im Handumdrehen verstellen lässt

Alle Leitungen werden im Rahmen verlegt und klapperfrei mit ausgeklügeltem Leitungsrouting gespannt. Der Boost Hinterbau ist für 1-fach Antriebe entwickelt, ein Umwerfer kann also nicht montiert werden. Dies ist der Preis, welchen man für die 433 mm kurzen Kettenstreben zahlt. Seit diesem Modelljahr verzichtet Trek übrigens beim Slash auf den „Full-Floater“ Hinterbau, bei welchem der Dämpfer schwimmend gelagert ist. Laut Trek ist die neue metrische Dämpfergeneration so gut, dass eine passende Hinterbau-Kennlinie auch mit einseitig fix montiertem Dämpfer erreicht werden kann.

Der Super Deluxe Dämpfer ist nicht mehr schwimmend gelagert

Alle Komponenten des Slash 9.8 sind ebenfalls in schwarz gehalten und sogar an Stealth Decals auf RockShox Lyrik RC DPA Gabel und dem SuperDeluxe RC3 Federbein wurde gedacht. Ausgestattet ist das 5.499 Euro teure Bike mit einer kompletten Sram X1 Schaltgruppe mit 1×11 Kassette. Die Aluminium Kurbel trägt ein Stahl Direct Mount Kettenblatt mit 32 Zähnen und wird auf ein Pressfit-GXP Innenlager montiert.

RockShox Fahrwerk und eine komplette X1 1×11 Gruppe.

Ebenfalls aus dem Hause Sram stammt die Guide R Bremse, deren Scheibengröße 180 mm beträgt. Weitere Komponenten wie Alu- Lenker und Vorbau, Laufräder, Griffe und Sattel stammen von der Trek-Hausmarke Bontrager. Auch die Sattelstütze, welche wir bereits getestet haben, und die SE4 Team Issue Reifen stammen aus dem eigenem Haus. Trek gibt als Gesamtgewicht für das Slash 13,11 kg bei Größe 17,5“ an. Gewogen haben wir 13,6 kg. Mit Umbau auf Tubeless lassen sich hier noch wichtige Gramm sparen.

Vollgas auf dem Trail? Da ist das Trek in seinem Element!

Nun geht’s aber auf den Trail…

Uphill

Egal ob Enduro-Rennen oder Hometrails – der Uphill gehört dazu. Wie viele Körner man noch für die Abfahrt oder die nächste Stage übrig hat, hängt unter anderem auch davon ab, wie entspannt sich die Auffahrt bewältigen lässt. Wir müssen gestehen, dass die erste Auffahrt für uns nicht wirklich zufriedenstellend war. Zu sehr machte sich das Gefühl breit von hinten zu treten, und nicht wirklich eine effiziente Sitzposition einnehmen zu können. Kurzum haben wir die Einstellung des Mino-Links gecheckt und festgestellt, dass sich das Rad in der flachen Einstellung befindet. Die daraus resultierenden 73,6° Sitz- und 65,1° Lenkwinkel ließen uns weniger verwundert auf dem Trail stehen, sondern eher mit dem Wissen, eine ultimative Downhillwaffe unter dem Hintern zu haben. Hier hat man bei Trek vorgesorgt, und das Bike mit einer absenkbaren Gabel ausgestattet. Ein kurzer Dreh am DPA Versteller lässt die Front 30 mm tiefer kommen und die Winkel steiler werden. So eingestellt, lässt sich das Slash schon wesentlich angenehmer bergauf pedalieren. Wir sahen an der Stelle jedoch weiteren Optimierungsbedarf. Zwischen Vorbau und Steuersatz war werksseitig ein 10 mm Spacer verbaut, welchen wir kurzerhand entfernten und über dem Vorbau platzierten. Auch danach war die Front mit einem Rahmen-Stack von 612 mm noch nicht übermäßig flach, ließ aber im Uphill wesentlich mehr Druck aufs Vorderrad bringen. Erst aber die Kombination mit der steilen Rahmeneinstellung über den Mino-Link brachte uns das Slash in eine gemäßigte Uphill-Sitzposition. Das Wort „Steil“ hier zu verwenden ist dabei jedoch eher unangebracht, denn mit einem Lenkwinkel von 65,6° ist das Bike noch immer flacher als beispielsweise das Specialized Enduro (66°).

Bergauf geht es schon. Bergab macht jedoch mehr Spaß!

So eingestellt ließ sich das Slash 9.8 angenehm den Berg hinauf pedalieren und den Griff zur Gabelabsenkung meist überflüssig werden. Wer mit dem Rad längere Anstiege bewältigen möchte und nicht über Jared Graves Waden verfügt, sollte drüber nachdenken, das serienmäßige 32er Kettenblatt gegen ein kleineres zu tauschen. In Kombination mit den großen Laufrädern muss man an steilen Anstiegen schon ordentlich in die Pedale langen um nicht absteigen zu müssen. Hier wäre eine Eagle Gruppe mit großem 50er Ritzel deutlich besser platziert als die 42 Zähne der X1 Kassette. Die Plattform des RockShox SuperDeluxe funktioniert sehr gut und bringt Ruhe in den leicht wippenden Hinterbau. Einen größeren Vorteil sehen wir jedoch im „Aufschwimmen“ im Federweg. Die zugeschaltete Plattform hebt den Hinterbau quasi ein Stückweit aus dem Sag und macht das Pedalieren effektiver.

Steinige und wurzelige Trails? Genau hier ist das Trek zu Hause.

Downhill

Sicher habt ihr beim Lesen der Uphill-Eigenschaften schon gedacht, dass das Trek Slash 9.8 die absolute Waffe bergab ist. Mit fettem Grinsen im Gesicht, und einem einfachen „Braaaaapp“ könnten wir den Testbericht eigentlich hier enden lassen, aber natürlich möchten wir näher auf die Qualitäten des Bikes eingehen.

Ob man den Federweg gut nutzen kann? Wir denken schon 😉

Auf unseren Hometrails beließen wir die Einstellung des Mino-Links in „steil“ und hatten damit amtlichen Spaß. Es gab für uns keinerlei Veranlassung, das Teil in der flachen Einstellung zu fahren. Das Trek liegt bereits so eingestellt wie ein Brett auf dem Trail und lässt sich kaum aus der Ruhe bringen. Dass man ein Twentyniner unter sich hat merkt man recht deutlich am Überrollverhalten der Reifen. Ohne Marketing-BlaBla zitieren zu wollen liegen hier ganz klar Vorteile gegenüber 27,5“ auf der Hand. In Kombination mit 160 mm Federweg vorn und 150 mm hinten geht mit dem Rad einiges! Da wo man mit anderen Rädern lieber zögerlich bremst und eine klare Linie sucht, nimmt man mit dem Slash einfach die Linie die man trifft. Dabei bleibt das Bike überraschend handlich und aktiv, wirkt keinesfalls träge und behäbig. Der Hinterbau mit 30 % Sag abgestimmt wirkt sehr nachgiebig, ohne dabei übermäßig Federweg zu vergeuden. Auch dicke Schläge werden locker aufgenommen, wobei ein Feedback über den sehr steifen Rahmen stets verfügbar bleibt.

Das Slash 9.8 im Aufholmodus! Da verlieren Steinfelder ihren Schrecken.

Um die wirklichen Qualitäten des Treks beurteilen zu können, haben wir es kurzerhand in den Vinschgau entführt und auf den Trails rund um Latsch ordentlich gequält. Da wir dort meist auf motor- oder seilbetriebenen Uphill gesetzt haben, war es an der Zeit für die flache Einstellung. Mittels 5er Inbusschlüssel ist der Mino-Link binnen 2 Minuten pro Seite gedreht und es kann losgehen. Und wie!! Flach eingestellt schreit das Trek förmlich nach Geschwindigkeit, nach Steil, nach mehr! Das Bike kann so eingestellt wirklich als kleines „Session“ durchgehen. Selbst Stellen wie die Steinrinne auf dem Tschilli Trail verlieren ihren Schrecken. Linie suchen und halten. Sogar Steilstufen, lassen sich im Zweifel erheblich einfacher abrollen, sollten Mut oder Platz keinen Raum zum abziehen lassen. Wir waren wirklich erstaunt, was dieses Bike mitmacht.

Bei allem Jubel gibt es aber selbstverständlich auch Schattenseiten. Enge Kehren in vergleichsweise flachen Passagen benötigen deutlich mehr Nachdruck und Gewicht über dem Vorderrad um sicher und vor allem schnell gefahren werden zu können.

Enge Kurven möchten gern mit Nachdruck gefahren werden!

Während uns die Bontrager SE4 Team Issue Reifen auf dem Hometrail mit angenehm niedrigen Rollwiderstand begeisterten, waren diese im staubigen und steinigen Vinschgau etwas überfordert. Obwohl der Pannenschutz sehr gut zu sein scheint (wir hatten keinen Platten), lässt die Eigendämpfung und vor allem der Kurvengrip zu wünschen übrig. Eine Magic Mary oder ein Highroller schneidet hier deutlich besser ab.

Bei der Bontrager Drop Line Sattelstütze gefiel uns der Hub von lediglich 125 mm nicht. Wenn man aktiv auf dem Rad fährt ist der Sattel öfters im Weg als einem lieb ist, gerade in alpinem Gelände. Zwei Redakteure mit 1,78 m Körpergröße und 78 cm und 81 cm Schrittlänge könnten in dem Rahmen eine 150 mm Stütze fahren. Ein dritter Tester mit 1,74 m und 73 cm Schrittlänge würde eine längere Stütze nicht im Rahmen versenken können. Hier ist der Knick im Sitzrohr ein Hindernis.

125 mm Verstellweg sind unserer Meinung nach zu wenig. 150 mm gehören in ein Bike dieses Kalibers!

Eher grenzwertig fanden wir die Guide R Bremse, welche lediglich mit dem fummeligen Reach Adjust auskommen muss, auf Technologien wie den Swing Link für ein kräftigeres Ansprechen und eine Druckpunktverstellung jedoch verzichtet. Die Bremsleistung war deutlich zu niedrig für ein Fahrrad dieser Gattung und hat für krampfige Finger auf langen Abfahrten gesorgt. Hier fragen wir uns, ob solch ein Produkt wirklich an ein Bike in dieser Preisklasse dran gehört.

Ebenso halten wir die einfachen und schweren Alu Komponenten von Bontrager für etwas deplatziert. Auch das Stahlkettenblatt mit nahezu dem doppelten Gewicht seines Alu-Pendants muss man wohl lieben um es zu verbauen. Auch wenn Trek durch das Top Modell Slash 9.9 RSL noch Luft nach oben lässt, ist der Preis von 5.499 Euro unserer Ansicht nach schon ordentlich „Premium“.

Der Kettenstrebenschutz dürfte gern etwas mehr „premium“ sein.

Weniger schön empfanden wir die Geräuschentwicklung des Treks. Während beispielsweise das Santa Cruz Hightower nahezu lautlos über Unwegsamkeiten „schwebte“, war das Trek wirklich laut. Zum einen ist der Kettenstrebenschutz ein wenig zu kurz und lässt die Kette ihre Narben hinterlassen. Zum anderen ist dieser recht wenig geräuschdämmend.

Die Kette hinterlässt nach kurzer Zeit deutliche Spuren in den Kettenstreben.

Fazit

Das Trek Slash 9.8 ist eine Race Maschine, welche auf den Strecken der Enduro World Series zu Hause ist. Von den superben Downhill-Eigenschaften profitieren jedoch auch Otto-Normal Enduristen und können mit dem Slash ordentlich Gas geben. Die Sicherheit die das Bike schon in der steileren Einstellung vermittelt, wird durch die flache Einstellung des Mino-Links noch verstärkt. „Einfach draufhalten“ lautet die Devise, was jedoch in ganz engen Kehren nicht ganz ohne Einschränkung in Punkto Wendigkeit einhergeht. Wer das Rad auf Touren und in gemäßigtem Terrain nutzt, wird der Uphilltauglichkeit zuliebe gern die steile Einstellung wählen – wobei steil noch immer flacher ist als andere Vertreter der gleichen Bike-Gattung.

Das Überrollverhalten durch die 29“ Reifen ist spürbar besser als bei 650b Laufrädern, dabei fühlt sich das Rad noch immer kompakt und handlich an. Die Ausstattung des Trek Slash 9.8 erzeugt in Anbetracht des Preises von 5.499 Euro keine Freudensprünge, insbesondere die Sram Guide R Bremse halten wir des Überdenkens wert. Manche Details wie der Mino-Link und das tolle Leitungs-Routing überzeugen vollends, Punkte wie die 125er Sattelstütze und der kurze Kettenstrebenschutz eher weniger.

Bei einer Körpergröße von 1,78 m hätten wir durchaus Größe L statt M wählen können, dies ist jedoch Geschmacksache.

Wir würden das Bike Fahrern empfehlen, welche beim Enduro Rennen oder auf dem härteren Trail so richtig angreifen wollen. Mit ein wenig Optimierung an der Ausstattung wird das Trek Slash 9.8 zur absoluten Waffe auf der Suche nach der Ideallinie und wertvollen Sekunden. Die Geometrieverstellung und absenkbare Gabel lassen dabei eine Menge Spielraum für persönliches Setup und die Anpassung an örtliche Gegebenheiten.

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