Mit ordentlich Gehör haben die Jungs von Propain letztes Jahr das neue Spindrift vorgestellt. Bewusst haben sie darauf verzichtet, das Spindrift in eine Schublade zu stecken. Stattdessen soll es einfach ein Bike sein, das ordentlich Spaßpotential sowie massig Reserven mit sich bringt und dabei weder beim Up- noch beim Downhill Schweißperlen erzeugt. Wie das gehen soll? Mit einem leichten Rahmen, 180 mm Federweg und einer ausgewogenen Geometrie, bestehend aus einem langen Reach sowie Radstand, steilem Sitzwinkel, flachem Lenkwinkel und das alles in einem optimal aufeinander abgestimmten Verhältnis. So lautet zumindest die Ansage von Propain. Wow! Starke Worte, die wir mit einem ausführlichen Test auf die Probe gestellt haben.

Propain ist noch keine 10 Jahre auf dem Markt, aber dennoch haben sie sich innerhalb kürzester Zeit in der Bikeindustrie mehr als etabliert. Mit sehr viel Leidenschaft und Enthusiasmus haben sie eine sehr ansprechende Produktpalette geschaffen. Mit insgesamt acht Plattformen, angefangen vom Kidsbike Frechdax über das Aushängeschild Tyee bis hin zum Downhillboliden Rage hat die Marke vom Bodensee für jeden abfahrtslastigen Mountainbiker etwas im Angebot. Überzeugen kann der Direktversender mit einem überragenden Preis-/Leistungsverhältnis, einer sehr hohen Kunden- und Serviceorientierung, aber auch mit ihren individuellen Free-Modellen und nicht zuletzt mit qualitativ guten Rahmen.

Produktvorstellung

Drei vorkonfigurierte Spindrift-Modelle hat Propain in ihrem Angebot. Das Einstiegsmodell „Comp“ ist bereits für günstige 2.399,00 € zu haben. Das Topmodell „Race“ wechselt für 4199,00 € den Eigentümer und beinhaltet Highlights wie die Fox 36 Factory Federgabel, Magura MT7 Bremsen und natürlich die neue SRAM X01 Eagle. Wer sich in den drei Modellen nicht wiederfindet, hat die Möglichkeit, sein Wunschbike aus einer Auswahl an Komponenten frei zu konfigurieren – typisch Propain! Neben den drei Standardfarben Gunmetal Grey, Neon Orange und Aluminium Raw hat man zusätzlich die Möglichkeit, aus der kompletten RAL-Farbpalette die passende Farbe für seinen Rahmen auszuwählen.

Unser Testbike kam im schicken Neon Orange und der Rahmengröße M. Im Großen und Ganzen entsprach es der Ausstattung des „Race“ Modells. So waren neben der Magura MT7 Bremse der SRAM X01 Eagle Antrieb mit einem 34er Kettenblatt verbaut, sowie Zelvy Carbon Felgen mit hauseigenen Propain-Naben. Der Sattel wurde per Revive Sattelstütze von Bike Yoke abgesenkt. Lediglich das Fahrwerk unterschied sich von der Race Variante. Unser Spindrift war mit der Rock Shox Lyrik RCT3 Solo Air mit 180 mm und dem Rock Shox Super Deluxe RC3 Debon Air ausgestattet.

In Kombination mit dieser Ausstattung bringt der Aluminium Rahmen 14,25 kg ohne Pedale auf die Waage und kostet etwa 4288,00 €.

Geometriewerte – Propain Spindrift. Quelle: www.propain-bikes.com

An der Verarbeitung gibt es nichts auszusetzen. Im Gegenteil, hier wiederholen wir uns gerne, denn der Aluminium-Rahmen sieht sehr schick und hochwertig aus. Die außen liegenden Leitungen und Züge sind sauber am Unterrohr verlegt, so dass kaum etwas klappert oder scheppert.

Wie bei allen Bikes (Ausnahme: Kidsbikes) setzt Propain auch im Spindrift auf den bekannte Pro10 Hinterbau. Der Dämpfer sitzt dabei zwischen zwei Gelenken hinter dem Sitzrohr und ist schwimmend gelagert. Optisch unterscheidet sich diese Konstruktion deutlich von vielen anderen Herstellern, was uns persönlich sehr gut gefällt. Neben der tollen Optik sorgt die Konstruktion so auch für einen niedrigen Schwerpunkt, was sich positiv auf die Performance auf dem Trail auswirkt.

Pro 10 Hinterbau

Die Möglichkeit, den SRAM Schalthebel direkt am Magura Bremshebel zu montieren, sorgt für eine cleane Optik und weiß zu gefallen. Leider kann bei dieser Kombination der Winkel des Schalthebels gegenüber dem Bremshebel nicht verändert werden. Gerade wenn man die Bremshebel gerne flach einstellt, wandert der Schalthebel sehr weit nach unten.

Auf der anderen Seite des Lenkers befindet sich an der Stelle eines Schalthebels der Remotehebel für die Bike Yoke Revive Sattelstütze. Diese verrichtet ihre Aufgabe tadellos. Wir mussten die Sattelstütze zwar des Öfteren entlüften – eigentlich nach jedem Transport im Auto – aber dank der Entlüftungsschraube war dies mit einem 4er Inbus in wenigen Sekunden erledigt.

Propain Bikes sind schon immer bekannt für längere Kettenstreben als ihre Mitbewerber. Aber während es eine Zeit lang darum ging, die Kettenstreben immer kürzer zu gestalten, ist aktuell eine Tendenz zu erkennen, dass die Kettenstreben wieder etwas länger werden. Von daher kann man fast behaupten, dass Propain der Zeit voraus war. Lange Kettenstreben in Kombination mit einem langen Front Center sorgen dafür, dass der Fahrer optimal mittig im Bike positioniert wird und somit gleichermaßen Druck auf dem Vorderrad als auch auf dem Hinterrad erzeugen kann. Der Nachteil könnte sein, dass das Bike träge ist und sich wenig agil durch Kurven bewegen lässt. Aber wie heißt es doch so schön: Probieren geht über Studieren. Dazu sind wir mit dem Spindrift viel im Pfälzer Wald unterwegs gewesen, aber auch auf unseren lokalen Homespots mit gebauten Sprüngen.

Zunächst gilt es zu überprüfen, ob das Spindrift wirklich keine Schweißperlen beim Uphill auf die Stirn treibt.

Für ein Bike dieser Federwegsklasse ging das Spindrift überraschend gut bergauf und wir meisterten einige Touren mit deutlich über 1000 hm, allerdings in einem doch recht gemütlichen Tempo. Mit offenem Dämpfer geht spürbar Energie im Federweg verloren und man sollte darauf achten, sehr gleichmäßig zu treten.

Der Hebel für die drei Plattformen ist sehr nah am Kettenblatt positioniert

Auf Forstautobahnen, die sich den Berg hochwinden, nutzten wir deshalb sehr gerne den „firm“-Mode am Dämpfer, womit sich schnell ein deutlich besseres Gefühl der Effizienz einstellte. In technischen, traillastigen Uphills mit vielen Wurzel- und Steinstufen stellten wir den Dämpfer in den (mittleren) Pedal Modus, um die Traktion und den Komfort zu erhöhen. Leider ist es schwer bis unmöglich, während der Fahrt zwischen den drei Plattformen zu wechseln, da der Hebel des Dämpfers sehr nah am Kettenblatt positioniert ist. Die Gabel beließen wir die ganze Zeit in der offenen Einstellung. Insgesamt fühlte sich das Spindrift bei Anstiegen gut ausbalanciert an. Wir hatten keine Probleme mit einem steigenden oder nervösen Vorderrad und auch die Traktion am Hinterrad war jederzeit hervorragend. Die SRAM Eagle haben wir jetzt schon ein paar Mal gelobt und auch hier kommen wir nicht drum herum. Ja, für viele ist das große Ritzel noch ungewohnt und teils befremdlich, aber wer die Eagle einmal gefahren ist, will sie ungern wieder hergeben. Im Fall des Spindrifts konnten wir sogar mit einem 34er Kettenblatt fahren und sind dennoch überall hochgekommen. Selbst ausgedehnte Touren im Mittelgebirge mit 1500 hm und mehr stellten kein Problem dar. Auch wenn am Gipfel dann doch die ein oder andere Schweißperle die Stirn heruntergelaufen ist, sind wir erstaunt, wie gut die Schinderei mit einem Bike mit 180 mm Federweg funktionierte. Wer überlegt das Spindrift auch für Touren zu nutzen, sollte unserer Meinung nach unbedingt in die SRAM Eagle investieren.

Downhill

Schon auf der ersten Abfahrt über einen schnellen, ruppigen Trail stellte sich ein breites Grinsen ein. Das fluffige aber dennoch ausreichend definierte Fahrwerk und das lange Bike fühlten sich nach einem echten Downhiller an. Schon gleich zu Beginn purzelten auf unseren Hometrails die Bestzeiten auf Strava. Kein Wunder! An Stellen, an denen wir normalerweise zu leichten Bremsmanövern neigten, ließen wir nun die Zügel locker. Frei nach dem Motto „Länge läuft“ legt das Spindrift eine tolle Laufruhe und Spurtreue hin. Während es sich in schnellen, offenen Kurven recht leicht in die Umlaufbahn manövrieren lässt, braucht es in engen Sektionen oder vielen schnellen Richtungswechseln doch etwas mehr Körpereinsatz. Allerdings gewöhnt man sich daran sehr schnell.

In sehr steilem Gelände wusste das Spindrift komplett zu überzeugen. Durch die zentrale Position auf dem Rad konnte jederzeit Druck auf beide Räder erzeugt werden, was mit hervorragendem Grip quittiert wurde und in Kontrolle resultierte.

So weit so gut, wie schlägt sich aber ein vermeintliches One-for-all-bike auf engen Serpentinentrails, welche nur mit Hinterradversetzen flüssig fahrbar sind? Um das zu testen, begaben wir uns auf Spitzkehrenjagd. Anfangs glich dies eher einem Gewaltakt, aber mit jeder Spitzkehre wurde das Gefühl für das lange Rad und das Zusammenspiel aus Ross und Reiter besser. Auch wenn es nicht seine Paradedisziplin ist, konnte das Spindrift diese Aufgabe meistern. Alles in allem hat sich das Bike immer sehr berechenbar verhalten und ein sehr hohes Sicherheitsgefühl vermittelt.

Auf Trails mit Airtime oder fiesem Gerumpel war das Spindrift wieder total in seinem Element. Super stabil segelte es durch die Luft oder planierte die Unebenheiten gekonnt flach. Was uns immer wieder aufs Neue super gefällt, ist das berühmte bottomless-feeling und dies ist beim Spindrift besonders gut ausgeprägt.

Fazit

180 mm Federweg, ein Reach von 445 mm, 64,5° Lenkwinkel und 1227 mm Radstand klingen zunächst eher wie ein schnelles Rad für den Bikepark als für ausgedehnte Mittelgebirgstouren. Aber mit dem steilen Sitzwinkel und der richtigen Ausstattung hat Propain einen guten Spagat aus Uphill und Downhill geschaffen. Ein durchaus gelungenes Bike mit hohem Spaßfaktor. Wer auf viel Federweg steht und die Höhenmeter dennoch aus eigener Kraft erarbeiten will, kommt mit dem Propain Spindrift voll auf seine Kosten. Und selbst im Bikepark braucht man sich mit dem Spindrift keinesfalls verstecken. Also eine gelungene Symbiose aus Big Bike und Enduro oder einfach Spindrift.

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