Als der internationale Radsportverband (UCI) für die Saison 2019 sein Regelwerk angepasst hat und das Verbot von zwei unterschiedlich großen Laufrädern am Bike aufgehoben hat, hat er zwar das Rad nicht neu erfunden, aber er hat einer schon lange existierenden Idee neues Leben eingehaucht. Fahrräder bei denen das Vorderrad größer ist als das Hinterrad gab es in der langen Historie der Mountainbikes immer wieder. Doch durch den Erfolg von Martin Maes in der EWS oder Loic Bruni im UCI Downhill ist um diese Idee, der sogenannten Mullets, ein kleiner Hype entstanden. Eine Firma, die unabhängig von dem UCI Regelwerk, schon früh voll und ganz auf dieses Laufradkonzept setzt, trägt sogar den Begriff in ihrem Brand Namen – Mullet Cycles. Die junge Marke aus Colorado haben vor kurzem ein Hardtail vorgestellt, welches speziell als Mullet Bike konstruiert wurde und so das Überrollverhalten eines 29er mit der Verspieltheit eines 650b Bikes optimal kombinieren möchte. Wir hatten die Chance das Erstlingswerk, the Honeymaker, bei einer Tour mit dem deutschen Vertriebspartner Mountain Products einem First Ride zu unterziehen.

Mullet Cycles - Honeymaker

Hinter Mullet Cycles stecken die beiden Köpfe Michael „Mike“ Vidovich und Miles Schwartz. Mike hat schon früh angefangen mit unterschiedlich großen Laufrädern am Mountainbike zu experimentieren. Mit seinem Background als sehr guter Motocrosser, aber auch eines sehr guten Motorrad Mechanikers und Spezialist für Federelemente ist es nicht überraschend, dass seine Denkanstöße auch aus dem Motocross Bereich kommen. Denn dort wird schon immer auf große vordere Laufräder und kleinerer Hinterräder gesetzt. Miles, der selbst gerne nützliche Dinge rund um das Fahrrad entwickelt, wie den Fork Cork, lernte Mike mehr oder weniger zufällig kennen und war nach mehreren ausgiebigen Testfahrten begeistert und so führte eines zum anderen und Miles und Mike schlossen sich zusammen um Mullet Cycles zu gründen. Beide sind überzeugt davon, dass das Konzept der Mixed Wheels mit einer speziell darauf abgestimmten Geometrie gegenüber dem konventionellen Konzept mit zwei gleich großen Rädern einige Vorteile besitzt.

Was macht Mullet Cycles aus Sicht ihrer Entwickler so überlegen?

Miles Schwartz führt als ersten Aspekt auf, dass bei einem größeren Vorderrad die Achse weiter oben positioniert ist gegenüber dem Hinterrad. Das soll entscheidende Vorteile mit sich bringen: erstens ist die Gefahr des „over the bar“ (über den Lenker gehen) deutlich geringer. Zweitens soll man besser im Bike stehen, obwohl das Tretlager nicht zu tief ist und es somit seltener zu Pedalaufsetzern kommt. Aus dieser Konstruktion resultiert laut Miles und Mike ein weiterer Vorteil, den die beiden hervorheben: Das sogenannte „Hydroplaning“. Hydroplaning spielt bei Motorbooten eine große Rolle und erklärt das Phänomen, dass Boote bei einer hohen Geschwindigkeit über dem Wasser bzw. den Wellen fahren und nicht hindurch. Das gleiche Ziel verfolgen Mike und Miles auch mit ihren Mullet Cycles, in dem sie die Geometrie auf die zwei unterschiedlich großen Laufräder und die unterschiedlichen Achshöhen des Vorder- und Hinterrades anpassen, mit dem Unterschied, dass das Honeymaker nicht übers Wasser sondern über Stock und Stein fahren soll. Für dieses besondere Fahrverhalten ist laut der Köpfe von Mullet Cycles die Kombination aus großem Vorderrad in Verbindung mit der höher liegenden Achse, welche eine gute Überrolleigenschaft hat, kleinem Hinterrad, welches dem großen Vorderrad folgt ohne sich am Hindernis aufzuhängen und eben der darauf abgestimmten Geometrie verantwortlich. Eine weitere große Stärke der Mullet Cycles soll außerdem das Kurvenverhalten sein. Das kleinere Hinterrad soll dafür sorgen, dass das Honeymaker aufgrund des flacheren Einlenkradius agil durch die Kurve fährt ohne zu sehr von hinten zu schieben, während das große Vorderrad die Richtung vorgibt und aufgrund der etwas größeren Aufstandsfläche mehr Grip für die Kurvenfahrt gibt.

WheelChart v1 4
Quelle: https://www.mulletcycles.com/

Mit diesem Aufbau haben Mullet Cycles laut eigener Aussage die optimale Kombination aus Scrub Radius (Lenkrollhalbmesswert) und Force Vectors (Kraftvektoren) erzielt. Letzten Endes geht es darum, dass der Kurvenradius bei einem kleineren Laufrad kleiner ausfällt gegenüber einem großen Laufrad und dabei auch noch geringere Kräfte auf das Vorderrad ausübt, also nicht noch zusätzlich schiebt.

ScrubChart v1
Quelle: https://www.mulletcycles.com/

Eine detaillierte Beschreibung dieser Eigenschaften haben Mike und Miles auf Ihrer Website hinterlegt: https://www.mulletcycles.com/technology/

Produktvorstellung

Mullet Cycles haben nach eigenen Informationen nicht einfach einen Rahmen mit aktuellen beziehungsweise modernen Geometriewerten genommen, sondern sie haben seit 2013 einiges an Zeit und Prototypen investiert, um die passende Geometrie für Mixed Wheel Bikes zu finden und alle Vorteile der Idee richtig zur Geltung zu bringen. Das Ergebnis ist das Honeymaker, ein Hardtail mit einem 29“ Vorderrad und einem Hinterrad mit 27,5“. Der Hinterbau wurde so konstruiert, dass Reifen mit bis zu 3,0“ Breite verbaut werden können und gleichzeitig ein 38er Kettenblatt montiert werden kann. Möglich machen dies die recht hoch abgestützten Kettenstreben. Der Rahmen wurde aus Titan gefertigt, wobei der Hauptrahmen und der Hinterbau mit der 3AL-2.5V Legierung versehen wurde und die Ausfallenden und das Schaltauge mit der 6AL-4V Legierung.

Optisch hebt sich das Honeymaker deutlich von der Masse ab, was uns persönlich gut gefällt. Die Verarbeitung hinterlässt auf den ersten Blick ebenfalls einen sehr guten Eindruck.

Mullet Cycles Honeymaker 5799
Das Logo am Steuerrohr macht einiges her, so ist es doch aus echtem Silber.

Geometrie

Eine klassische Geometrietabelle findet man zum Honeymaker nicht. Es gibt lediglich eine Größenempfehlung für die drei erhältlichen Rahmengrößen. Bei den Größen gibt Mullet Cycles die folgenden Empfehlungen raus:

Small =                 1,58 m – 1,68 m

Medium =              1,68 m – 1,81 m

Large =                 1,81 m – 1,94 m

Wir können euch aber sagen, dass wir mit 1,73 m und einer Schrittlänge von 79 cm sehr gut mit dem Rahmen in Größe L in Kombination mit einer Bike Yoke Revive Sattelstütze mit 160 mm Hub zurechtgekommen sind.

Ausstattung

Für den deutschen Markt ist Mountain Products Ansprechpartner, Importeur und auch Vertrieb für Mullet Cycles. Sie bieten das Honeymaker einmal als Rahmenkit inkl. Steckachse für 1.990,00 € oder als sogenanntes Rolling Chassis für 2.990,00 € an. Das Komplettbike kostet 4.631,00 €. Neben dem Titan Rahmen wird es das Honeymaker demnächst auch in einer Alu-Variante geben. In dem Rolling Chassis ist neben dem Rahmen die Manitou Mezzer Pro mit einem Offset von 44 mm enthalten. Das Honeymaker kann mit einem Federweg von 120 – 160 mm an der Front gefahren werden, wobei es die Manitou Mezzer nur mit 140, 150 und 160 mm zu erwerben gibt. Weiter sind im Lieferumfang Sun Ringlé Düroc SD37 Expert Laufräder (tubeless ready inkl. Ventil, Dichtmilch, HG und XD Freilaufkörper) enthalten sowie ein bereits eingepresster Cane Creek Hellbender 70 Steuersatz. Wer möchte, kann als Upgrade die BikeYoke Devine Sattelstütze in der passenden Größe mitordern.

Manitou Mezzer
Die Manitou Mezzer mit 140 mm Federweg hat sehr gute Arbeit geleistet

Das Komplettbike wird wie folgt ausgestattet:

RahmenHoneymaker Ti
FedergabelManitou Mezzer Pro
SteuersatzCane Creek 70 Hellbender
VorbauPro Taper Stem 50, 31,8 mm Klemmung
LenkerPro Taper Alu 31,8, 810 mm breit
GriffePro Taper Meathammer
BremsenHayes Dominion A4
BremsscheibenHayes D-Series
BremsadapterHayes
SchalthebelSRAM GX Eagle, 12-fach
SchaltwerkSRAM GX Eagle, 12-fach
KassetteSRAM 1275
KetteSRAM GX Eagle
KurbelRotor Kapic
KurbelachseRotor Boost
Kettenblatt32t
InnenlagerRotor
NabenSun Ringle SRC (Düroc Expert)
FelgenSun Ringle Düroc 35
ReifenWTB Light High Grip Vigilante (vorne) / WTB Light Fast Rolling Trailboss 2,6
PartypostBikeyoke 185
SattelWTB Volt
SattelklemmeBikeyoke Squeezy
AchseCustom
UVP4.631,00 €

 

Auf dem Trail

Wir sind das Honeymaker auf uns bekannten Trails gefahren und konnten so erste Eindrücke sammeln. In der Kürze der Zeit fiel es uns einerseits schwer, die Argumente, welche Mullet Cycles für ihr Konzept in den Ring werfen, nachzuvollziehen und ihnen vollends auf den Zahn zu fühlen. Andererseits macht es uns das Geheimnis um die besondere und jahrelang entwickelte Geometrie schwerer zu beurteilen, ob die Erfahrungen, die wir auf dem Trail gesammelt haben auch tatsächlich auf die Entwicklung von Mike und Miles zurückzuführen sind.

Mullet Cycles - Honeymaker

Wir können aber ruhigen Gewissens sagen, dass wir uns auf dem Honeymaker auf Anhieb sehr wohl gefühlt haben. Bergauf klettert es grundsätzlich sehr gut und jeder Impuls ins Pedal wird auch in Vortrieb umgemünzt. Erfreulich ist, dass wir selbst in technischem Terrain nicht mit den Pedalen aufgesetzt sind. Auch die breit abgestützten Kettenstreben machten uns bei Schuhgröße 42 keine Probleme. Jetzt war es so, dass unser Testbike zunächst mit einem WTB Vigilante in 2.5“ Breite mit leichter Karkasse am Hinterrad ausgestattet war. Um die Gefahr eines Platten zu minimieren, haben wir den Hinterreifen mit mehr Luftdruck aufgepumpt. Dies führte dazu, dass wir mit starkem Traktionsverlust bergauf zu kämpfen hatten, sobald es über Steine oder Wurzeln ging. Auch das typische „aus dem Sattel“ Heben bei einem Hardtail war mit dieser Reifenwahl stark ausgeprägt, was wiederum zu einem unrunden Tritt geführt und bergauf entsprechend Kraft gekostet hat.

Mullet Cycles - Honeymaker

Miles von Mullet berichtete uns, dass das Bike besser mit einem 3.0“ breiten Reifen funktioniert. Bei einer zweiten Ausfahrt hat uns Mountain Products – der deutsche Importeur und Vertrieb – das Honeymaker mit den 3.0“ breiten WTB Ranger zur Verfügung gestellt und siehe da, der Grip am Hinterrad war enorm. Das auf dem Sattel Hüpfen des Allerwertesten war zwar noch vorhanden, aber auch das war deutlich besser mit dem dicken Schlappen am Hinterrad.

Bergab wartete als erster Trail ein Highspeedtrail mit vielen Wurzeln und Steinen auf uns. Der ideale Trail, um dem Hydroplaning auf den Zahn zu fühlen. Nach wenigen Metern haben wir mit dem Honeymaker das Gas ordentlich stehen lassen und das ein oder andere Fully vor uns hergejagt. Klar passt man seinen Fahrstil ein wenig an, muss die Fersen nach unten richten und die Beine fungieren als Federelement, aber das Honeymaker fegte dabei erstaunlich ruhig gen Tal, sodass wir selbst mit Flatpedals keine Probleme hatten einen sicheren Stand zu erzielen. Dadurch bekamen wir ein sehr gutes Sicherheitsempfinden und Selbstvertrauen.

Mullet Cycles - Honeymaker

Auch durch Kurven lässt sich das Honeymaker sehr agil und leicht steuern. Lediglich in rumpeligen Kurven mussten wir etwas Tempo herausnehmen. Denn dann kam es durchaus mal vor, dass das Hinterrad versetzte und wir in diesem Fall nicht die Eier dazu in der Hose hatten, durchzuziehen.

War das Terrain etwas technischer oder stellten sich die Kurven als Spitzkehren dar, war das Mullet in seinem Element. Mit einer stoischen Ruhe, hoher Präzision und seiner lässig verspielten Art konnten wir das Honeymaker mühelos nach unten navigieren.

Mullet Cycles - Honeymaker

Auch bergab muss man wieder zwischen den beiden Reifenkombinationen unterschieden:  2.5“ Bereifung bei unserer ersten Testfahrt und Plusbereifung bei unserer zweiten Ausfahrt. In diesem Fall hat uns die ursprüngliche Bereifung besser gefallen, da sie sich deutlich präziser und vorhersehbarer fahren ließ. Die breiten Reifen fühlten sich bergab gerade in schnellen Passagen etwas schwammig an. Zudem fehlten uns aggressive Seitenstollen, die uns in Schräglagen einen zuverlässigen Halt boten. Wir glauben, dass ein Mix aus 2.5“ Reifen am Vorder- und Hinterrad mit aggressiven Seitenstollen und einer dicken Karkasse am Hinterreifen ein idealer Kompromiss sein könnte. Mit der stabilen Karkasse am Hinterrad kann der Luftdruck herabgesetzt werden und man erhält somit etwas mehr Dämpfung sowie Traktion am Hinterrad. Der aggressive Seitenstollen sorgt für einen guten Seitenhalt. Jetzt sind Reifen immer Geschmackssache und jeder hat hier eigene Vorlieben. Der große Vorteil des Honeymaker ist, dass es jedem selbst überlassen bleibt, was man verbaut. Hinten passt zumindest jeder 650b Reifen bis 3.0“ hinein.

Mullet Cycles - Honeymaker

Unabhängig von der Reifenwahl ging das Mullet Bike extrem gut durch die Luft. Es ließ sich sehr leicht abziehen und segelte stabil durch die Luft.

Fazit

Mullet Cycles hat das Honeymaker mit sehr viel Vorschusslorbeeren auf die Trails geschickt. Um alle Erklärungen von Mike und Miles nachzuvollziehen, muss man sich doch sehr intensiv mit der Materie und dem Bike auseinandersetzen. Nicht alles konnten wir mit nur zwei Ausfahrten erfassen. Was wir aber sagen können ist, dass wir uns auf dem Honeymaker sehr schnell wohlgefühlt haben. Mit seinem Titan Rahmen, der Möglichkeit Reifen bis 27,5“ x 3.0“ hinten zu fahren und eine Federgabel bis 160 mm Federweg zu verbauen, ist das Erstlingswerk von Mullet Cycles für fast jedes Abenteuer gemacht. Die Verarbeitung hat einen sehr guten ersten Eindruck hinterlassen. Während wir bergauf je nach Reifenwahl mal stärker und mal schwächer das typische Verhalten eines Hardtails spürten, lief das Honeymaker bergab sehr ruhig, sodass man ordentlich am Gashahn drehen konnte. Wer also ein Hardtail sucht, welches sich optisch von der Masse abhebt, eine sehr gute Verarbeitung an den Tag legt und auch auf dem Trail eine gute Figur macht, findet im Honeymaker von Mullet Cycles ein mehr als passendes Bike.


Text: Philipp Kargel
Redaktion: Robin Krings
Fotos: Thorsten Illhardt

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