Einmal mehr versorgen uns unsere Freunde von Mountainbike-Trifelsland mit Erlebnissen von Ihren Roadtrips und Reisen. Diesmal ging es nach Andorra. Den Zwergstaat kennen die meisten nur von der Durchreise – oder dem UCI Mountainbike Downhill Worldcup. Wie, und vor allem wo man seine Zeit mit dem Downhillbike dort am besten verbringt, lest ihr in ihrem Gastbeitrag:

Eigentlich hatten wir einen Roadtrip durch Österreich geplant. Wir wollten ein paar Locations abklappern, die entweder Paul oder Pati, oder wir beide noch nicht besucht hatten. Aber es sollte ganz anders kommen.
Auf Grund von Bewerbungsgesprächen, die unsere Fahrtechnikschule betreffen (das ist aber eine andere Geschichte), zog es uns ganz spontan nach Andorra!
Was wussten wir bisher über Andorra? Es hat eine supersteile Downhillstrecke im Vallnord-Bikepark, die wir von den Worldcupübertragungen kannten. Es liegt irgendwo zwischen Spanien und Frankreich in den Pyrenäen…. Das wars dann aber auch schon. Kurz die elektronische Karte konsultiert und festgestellt – ganze 12 h Autofahrt von der Pfalz aus! Nichts was man sich zweimal in einer Woche geben will, also blieben wir kurzerhand ganze zwei Wochen.

Station 1: Der Vallnord Bikepark

Der Vallnord Bikepark ist echt groß und hat super viele, unterschiedliche Strecken. Jede hat ihren eigenen Charakter. Insgesamt hat der Park ein sehr gutes Konzept. Fährt man oben in eine blaue Strecke rein, die mit Kurven und kleinen Tables startet, kann man sich darauf verlassen, dass sich das bis unten durchzieht und man sich nicht – wie das oft in anderen Parks der Fall ist – plötzlich durch ein wildes Steinfeld kämpfen muss.

Das Streckennetz in Vallnord – hier haben nicht nur Worldcupfahrer eine Menge zu tun!

Zum Park gelangt man vom 1.230 m hoch gelegenen „La Massana“ per Gondel zur Mittelstation und von da aus per Sessellift bis auf 2.358 m zum oberen Teil des Parks. Das Tagesticket kostet 26 €, wird jedoch ab mehreren Tagen extrem günstig. ( 108 € für sieben Tage).
Sehr positiv ist uns die permanente Instandsetzung der Strecken aufgefallen. Fast pausenlos sind die Shaper irgendwo am schaufeln, baggern und buddeln, ausbessern und neu bauen. Dabei sperren sie die Strecken nur halbwegs ab, so dass man immer um sie rum, an ihnen vorbei kommt, manchmal leiten sie einen sogar mittendurch ihr neu Gebautes. Der Hammer ist: Sie sind dabei endlos freundlich, entschuldigen sich dafür, dass sie im Weg stehen und feuern einen beim Weiterfahren noch an. Verrückt!

Blaue Strecken:
Auf den unzähligen blauen Strecken fühlen sich sowohl Anfänger als auch fortgeschrittene Fahrer richtig wohl. Etliche Anlieger, Tablejumps, kleine Doubles und hier und da ein paar Wurzeln und Steine, auf den mit dem Bagger angelegten Strecken, sorgen für ordentlich Spaß. Mal richtig schnell, mal etwas steiler, winden sich die Strecken den Berg hinunter. Oben fährt man durch lichte Wiesen mit ein paar Kiefern, unten dann durch richtigen Kiefernwald. Einen Favoriten zu benennen fällt uns schwer, da eigentlich alle richtig Laune gemacht haben. Vielleicht die „Commencal“, die auf 2.358 m startet und bis auf 1.230 m zur Talstation geht, vielleicht die „Flow“ mit ihren tollen Anliegern und Tables oder aber die „Corpalanca“ mit ihrem Wechsel aus Anliegern, kleinen Sprüngen und Drops, wir können uns nicht entscheiden. So sehen in unseren Augen richtig gute Strecken aus bei denen jeder Fahrer auf seine Kosten kommt.

Rote Strecken:
Im Gegensatz zu den blauen Strecken wird es auf den roten ruppiger. Mehr Steine und Wurzeln aber teilweise auch größere Drops und Sprünge steigern die Herausforderung.

Auf den roten Strecken werden die Wege schmaler und steiniger

Im „Woodpark“ ist der Name Programm. Hier warten Northshores, Wallrides und Drops aus Holz auf den Fahrer.

Die „Maxiavalanche“ hingegen besteht im oberen Teil zunächst aus steinigen Anliegern, wechselt dann jedoch in naturbelassenes, felsiges, wurzliges Gelände. Der untere Teil wird dann richtig steil und man glaubt es kaum, es war die einzige Stelle wo man in einem Flussbett richtig nass werden konnte. Bei den ansonsten staubig trockenen Pisten glich das schon ein wenig einer kleinen Sensation. Die „Cubil“ besteht aus tollen Anliegern, Jumps und hier und da kleinen Stein– und Wurzelfeldern.

Coole Sprünge
Tolle Anlieger

Hingegen gleicht die „Enduro„, nach ihrem doch recht brutalen Einstieg durch ein Meer aus Felsbrocken, einem schönen Singletrail, der sich durch die alpine Landschaft schlängelt. Bei dem Name sollte auch der ein oder andere kurze Uphill nicht überraschend sein. Eine Empfehlung von uns ist auf jeden Fall die „Old School„, die von uns wegen dem Schreibfehler auf dem Pistenplan liebevoll nur noch „Die alte Scholle“ genannt wurde. Sie stellt ein tolles Verbindungsstück auf die Commencal dar und wartet mit rumpeligem Gelände, engen Kurven und kleinen Sprüngen auf.

Schwarze Strecken:
Bei den schwarzen Strecken hat jede ihren ganz eigenen Charakter. Die „Projekt 1.0“ erinnert ein bisschen an Whistler und stellt ein richtiges Abenteuer dar. Auf der verwinkelten Strecke fährt man über liebevoll in die Landschaft integrierten Northshores, durch steinige Stufen oder felsige Steilabfahrten.

Steine wohin das Auge blickt, mal als Drop…
…mal als Steilabfahrt…
…oder per Northshore mitten durch

Die „Cédric Gracia“ hingegen war die alte Downhillstrecke. Auf ihr geht es wesentlich schneller, teils durch tief ausgefahrenen Minicanyons ins Tal. Um die Fahrer herauszufordern gibt es viele Steine, Wurzeln, Steilpassagen und ein kleines Roadgap. Wer auf den roten Strecken richtig Spaß hatte sollte hier auf jeden Fall vorbeischauen.
Zu guter Letzt gibt es noch die „World Cup„. Der oberen Teil startet erstaunlich leicht durch einen wurzligen Kiefernwald mit hier und da größeren Sprüngen. Nach einer Weile wird es offener und große Anlieger kurven sich ins Tal hinab direkt ins letzte Stück, welches der Strecke ihren Ruf gegeben hat. Hier ist´s einfach nur massiv steil und man stellt schnell fest, dass man mit der selben Geschwindigkeit, mit der man oben rein düst, irgendwie auch weiterfahren muss. Anhalten Fehlanzeige! Der letzte Part befindet sich leider auf Privatgrund und darf daher außerhalb des Rennens nicht befahren werden. Die Umfahrung durch das recht felsige Gelände macht jedoch auch ordentlich Laune.

Einer der größeren Jumps im oberen Teil
Der dickste Sprung in der World Cup Strecke: „CG-Air-Show“
Am Ende ist es einfach nur noch steil

Fährt man den „CommencalTrack“ bis runter ins Tal kommt man praktischerweise direkt an einem Bikewash raus, genau gegenüber von Cédric Gracias „Riders Boutique“. Hier, hinter dem Parkplatz des Bikeshops, kann man tagsüber auch gut und kostenlos parken. Von dort aus rollt man die 300 m bis zur Gondel auf der Straße entlang. Ist man fertig mit Parkfahren und hat Hunger und Durst, liegt der Commencal–Spot direkt gegenüber des Waschplatzes. Hier gibt es von Pizza über Nachos, Salaten und Süßkram alles was den Tank wieder auffüllt. Ebenso kann man hier Bikes und Protektoren ausleihen und es gibt eine kleine Werkstatt. Cool ist auch der rießige Fernseher, auf dem den ganzen Tag Bikevideos laufen und wir die World Cup Liveübertragung bei Bier und Chips, faul fläzend in den bequemen Sesseln genießen konnten.

Immer gut für ein Päuschen: Der Commencal-Spot

Station 2: Bikepark Ax Les Thermes

Einfach nur geil! Nach dem ganzen Staub und feinem Sand der letzten Tage war es mal wieder ein besonderes Erlebnis auf feuchter Erde zu fahren. Ax Les Thermes liegt ca. 1,5 Stunden von Vallnord entfernt in Frankreich. (Es lohnt sich die 6,50 € für den Tunnel zu bezahlen, außer man genießt das Gegondel über den Pass). Auch hier teilt sich der Park in zwei Ebenen. Zwischen 700 und 2.100 Meter findet man ein Streckennetz bestehend aus einer grünen Beginnerstrecken, die jedoch lediglich eine Forstautobahn ist, drei blauen, zwei roten und zwei schwarzen Strecken. Recht schnell hatten wir hier unsere Lieblingskombo gefunden: Ein Hin- und Herwechseln von der „Blue Bears“ auf die Blue Chicks hatte schon massives Spaßpotential. Die Strecken verlaufen hauptsächlich im Wald und man ballert abwechselnd auf feuchter Erde über Wurzeln und Steine, über kleine Holzbrücken und zirkelt sich durch richtig coole Anliegerkurven oder lässt das Hinterrad in den offenen Kurven ordentlich ausbrechen bis der Dreck nur so spritzt. Die obere schwarze Strecke startet als harmloser, recht enger Singletrail und spuckt einen dann in sehr steilem Gelände mit Wurzelpassagen aus. Der ein oder andere Überraschungsmoment ist garantiert.
Ab der Mittelstation ist man sich am Anfang nicht so sicher auf welcher Strecke man sich eigentlich gerade befindet. Sie fangen gemeinsam harmlos und ein Bisschen konfus an. Mehr so als hätte jeder, der Lust hatte, sich mal eine kleine Line mit ein paar Sprüngen bauen dürfen. Das ändert sich dann aber ganz schnell und – egal auf welcher der Lines man sich befindet – es wird ein echtes Abenteuer. In einer Rinne voller Steine, die aber doch alle irgendwie abrollbar und fahrbar sind, ballert man Richtung Tal und fühlt sich unten einmal komplett durch die Rüttelmaschine gezogen. Doch Achtung, Jedem sollte bewusst sein, dass alle Strecken zum Schluss auf der schwarzen Strecke enden.
http://www.bigbike-magazine.com/station-vtt-ax-les-thermes

Streckenbesichtigung auf der Suche nach der besten Linie
Wohlverdientes Bier-Pizza-Programm nach einem fetten Tag im Park

Station 3: Bikepark Soldeu

Ein Ausflug in den 30-minütig entfernten Bikepark von Soldeu lohnt sich dann, wenn man auf flowige, verspielte Kurvenstrecken mit lustigen Highlights steht. Der Park hat zwei Ebenen. Das Tagesticket kostet lässige 21 €. Der untere Teil hat uns leider nicht so gut gefallen. Steil und dabei schlecht gepflegt mit Mörder-Rinnen, die sich mit den Kurven ins Tal schlängeln, eine Slopestyle-Strecke die außer ein paar Drops nicht viel von Slope-Style hatte. Dafür war der obere Teil super. Eher flach – daher wenig Bremswellen in den unendlich vielen, super gebauten Anliegerkurven. Zwischendurch Holzelemente in Form von Wallrides, Drops und Northshores und viele Möglichkeiten von einer Strecke rüber in die andere zu hüpfen und wieder zurück. Einfach spaßig! Und am besten geeignet um mal einen Tag locker zu machen. Außerdem kann man vom Lift aus super viele Murmels beobachten, die ihren fetten Ranzen in die Sonne halten und lustig vor sich hin pfeifen.
http://ww2.grandvalira.com/bikepark-soldeu-en-andorra

Schönstes Kurvencruisen

Tipps:

Was wir nach zwei Wochen Andorra noch an hilfreichen Tips weitergeben können:
Andorra ist der größte unter den 6 europäischen Zwergenstaaten und hat insgesamt ca. 86.000 Einwohner. Obwohl dieser nicht in der EU ist, kann man mit Euro bezahlen, oder einfach alles mit Karte, sogar den Crêpes mit Cappuchino oben auf dem Berg. Die Landessprache ist Katalanisch, wobei man mit Spanisch und Französisch sehr gut weiterkommt und der Großteil auch Englisch spricht. Wir hatten das Glück mehrere bikeparkbegeisterte Deutsche kennen zu lernen, die dort lebten und uns vieles erklären und zeigen konnten.
Um eine Ferienwohnung zu finden wendet man sich am Besten in La Massana ans Tourismusbüro. Hier erhält man ein Büchlein mit allen Ferienhäusern in der Umgebung, genauestens beschrieben. Anrufen muss man allerdings selbst und stellt schnell fest, dass man mit Englisch nicht überall weiterkommt.

Fazit

Landschaftlich unterscheidet sich Andorra nicht groß von anderen Alpenregionen. Lediglich die Kiefernwälder und die trockenere Vegetation lassen darauf schließen, dass man sich gut 1000 km weiter südlich befindet. Das Klima war tagsüber angenehm trocken mit 20-30°C und ist in der Nacht schön abgekühlt.
In Andorra lässt es sich mit dem Downhillrad auf jeden Fall zwei Wochen aushalten. Neben dem großen Streckennetz im Vallnord-Bikepark sorgen Tagestrips in die anderen Parks für ausreichend Abwechslung.
Wer sein Endurorad mitnehmen möchte wird festestellen, dass Andorra auf Endurofahrer leider noch nicht richtig eingestellt ist. Wir haben zwar eine richtig gute Strecke gezeigt bekommen die Lust auf mehr gemacht hat, hätten diese jedoch mangels Kartenmaterial oder sonstigen Infos nicht alleine gefunden.
Aus unserer Sicht ist eine Reise nach Andorra mit dem Downhillrad absolut empfehlenswert und wir freuen uns auch schon auf ein Wiedersehen.
Ein ganz persönliches Dankeschön für die lustige Zeit, das tolle Streckenguiding und den E-Bike-Testausflug geht an Gilles, Ludwig und Moni, Björn, Daniel, Max und Boris und an unsere Miturlauber Miri und Michl.


Text und Fotos: Vertical Ride

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