2 + 4 = 3 Mit diesem Werbeslogan wurde die MT Trail Carbon beworben. Was steckt dahinter? Betrachtet man die Theorie, dass bei Fahrzeugen nahezu sämtlicher Art die meiste Bremskraft an den Vorderrädern aufgebracht werden muss, ist es fast logisch, eine Scheibenbremse für Mountainbikes mit vier Bremskolben vorn, und zwei hinten zu entwickeln. „Wieso jedoch neu entwickeln“, dachte man bei Magura, „wenn man doch alle Komponenten im Haus hat“. So entschied man, bestes mit bestem zu kombinieren, was in diesem Fall hieß: Deftiger MT7 4-Kolben Bremssattel vorn, leichter MT8 2-Kolben Bremssattel hinten, gepaart mit dem leichten Carbotexture Bremshebeln und Carbolay Griffen – ebenfalls der MT8 entliehen. Wir haben euch die Bremse bereits in einem Erstkontakt vorgestellt, hier nun der Test.

Magura MT Trail

Bei der Vorstellung der MT Trail standen wir dem System zuerst etwas skeptisch gegenüber. Eine Vierkolbenbremse vorn ist unumstritten am Enduro eine sehr gute Wahl, aber den Schritt, hinten mit nur zwei Bremskolben anzutreten, fanden wir mutig. Wieso? Die etwas geringer zu erwartende Bremsleistung am Hinterrad machte uns weniger Sorgen, jedoch neigt man bei langen Abfahrten in technischem Gelände gern dazu, am Hinterrad etwas ausgiebiger zu bremsen und damit für ordentlich Hitze zu sorgen. Wir fragten uns, ob die Hinterradbremse damit fertig wird…

2 + 4 = 3 ist doch logisch, oder?

Montage

Die Montage der MT Trail ist prinzipiell kein Hexenwerk, wenn man ein paar Kleinigkeiten beachtet. Der wichtigste Punkt beim Montieren des Bremssattels ist das Ausrichten an der Bremsscheibe, dazu gingen wir wie folgt vor:

  1. Zuerst haben wir bei demontierter Bremse sämtliche Kolben einmal „aktiviert“. Dazu haben wir bei entfernten Bremsbelägen den Bremshebel vorsichtig gedrückt und geschaut, dass sich alle Kolben bewegen können. Bei der hinteren Zweikolbenbremse ist dies recht einfach, bei der vorderen mussten wir jeweils ein Kolbenpärchen mittels Sicherungsblock feststellen, während das andere Paar ausfahren konnte. Anschließend haben wir die Kolben mit einem weiteren Sicherungsblock wieder zurück in den Bremssattel geschoben. Achtung, nicht zu weit drücken, sonst fallen die Kolben heraus!
  2. Wir montierten die Bremssättel über die entsprechenden Adapter an Gabel und Hinterbau. Bei noch immer entfernten Bremsbelägen haben wir die Sättel penibel mittig zur Scheibe ausgerichtet.
  3. Im Anschluss wurden die Beläge montiert.
  4. Betätigen der Bremse bis sich der Druckpunkt aufgebaut hat.
  5. Die nun schleifenden Beläge haben wir mittels biegen der Scheibe wieder zurückgedrückt (Saubere, fettfreie Finger!) und ein Helfer hat den Bremshebel erneut betätigt. Warum das? Schleift eine Seite der Bremsbeläge sind die Kolben ungleichmäßig ausgefahren. Richtet man nun einfach den Bremssattel aus, wird man die Bremse nie richtig parallel ausgerichtet bekommen. Geht man jedoch den beschriebenen Weg, werden die zu weit ausgefahrenen Beläge durch die Scheibe blockiert und die zu wenig ausgefahrenen können sich nachstellen. Nach ein paar Versuchen ist die Bremse perfekt ausgerichtet und nahezu schleiffrei.
  6. Ausgiebige Probefahrt. Unserer Erfahrung nach muss sich die Bremse ein paar Kilometer und Trails einfahren. Erst dann richten sich Kolben und Beläge endgültig aus, sodass lange mit schleiffreiem Betrieb zu rechnen ist.
Penibles Ausrichten der Bremssättel ist wichtig!

Entlüften

Das Entlüften der MT Trail wird von Magura auf einem Youtube Channel bestens beschrieben, das möchten wir nicht wiederholen. Magura Bremsen kommen ohne giftige Dot Bremsflüssigkeit aus, was die Wartung erheblich einfacher und ungefährlicher macht. Out-of-the-box ist die Magura Bremse bestens befüllt und gebrauchsfertig. Das Bremssystem muss also nicht geöffnet werden, es sei denn, die Leitung muss wie in unserem Fall, gekürzt oder fummelig durch einen Rahmen gefädelt werden. Auch hier gibt es ein paar Tricks zu beachten:

  1. Bevor wir das Hydrauliksystem geöffnet haben, haben wir am Bremskolben zuerst eine gefüllte Spritze mit Royal Blood angebracht. Wie das funktioniert, zeigt die Entlüftungsanleitung.
  2. Nun ist es wichtig, den Bremshebel mit dem Leitungsausgang nach oben zu halten und die Leitung einige Zentimeter oberhalb abzuschneiden. Bei noch immer nach oben stehender Leitung haben wir diese vorsichtig aus dem Griff geschraubt. Dabei läuft nun das restliche Öl aus der Leitung in den Bremsgriff. Im Idealfall steht das Royal Blood nun im Gewindeansatz des Griffs. Diesen stellen wir nun vorsichtig auf Seite, so dass kein Öl ausläuft.
  3. Dann haben wir die Bremsleitung durch den Rahmen geführt und im Anschluss auf das gewünschte Maß gekürzt. Zugentlastung drüber schieben, dann die Klemm-Mutter und zuletzt eine Olive überschieben und die Stützhülse in die Leitung drücken.
  4. Um nun die Leitung völlig Luftblasenfrei in den Bremsgriff schrauben zu können, pumpen wir mit der Spritze eine ganz kleine Menge Öl durch die Leitung und fangen sie an der Stützhülse mit einem Tuch auf.
  5. Wir nehmen vorsichtig den Bremssattel mit dem Gewindeansatz nach oben und schrauben nun die Bremsleitung hinen. Dabei läuft das übrige Öl aus dem Gewinde über – macht aber nix!
  6. Im Idealfall funktioniert die Bremse sofort mit perfektem Druckpunkt, wenn man die Spritze entfernt, und den Bremssattel verschlossen hat.
Vier kleinere Bremsbeläge vorn, zwei große hinten
Achtung: Wer die Zuganlenkung verstellen möchte, muss im Anschluss die Bremse entlüften. Auch ein minimales Öffnen der Verstellschraube lässt das System Luft ziehen!

In der Hand

Kennt man von den Carbotexture Hebeln einen systembedingten, aber angenehm schwammigen Druckpunkt, ist dieser durch die HC1 Einfinger Hebel aus Aluminium nicht wieder zu erkennen! Knallhart und definiert lässt sich die Bremse von leicht schleifend bis zur völligen Blockade betätigen. Der HC1 Hebel liegt dabei super in einem Finger und scheint in Sachen Ergonomie beispielsweise den MT7 Hebeln um einiges voraus zu sein.

Die HC1 Hebel liegen optimal in der Hand

Die HC1 Hebel verfügen über einen Reach Adjust, somit lässt sich die Hebelweite werkzeuglos perfekt auf die persönliche Ergonomie einstellen. Von extrem weit weg bis Druckpunkt kurz vorm Lenker war alles drin. Die HC1 Hebel eignen sich also offensichtlich für Fahrer mit ganz unterschiedlichen Handgrößem und Fingerlängen.

Großer Verstellbereich der Reach Einstellung. Von ganz nah dran…
…bis ganz weit weg ist alles möglich.

Was wir bei den Magura Bremsen jedoch wirklich bedauern ist die Druckpunktverstellung. Während man bei einer Sram Guide RSC beisielsweise eine enorme Bandbreite hat, muss man den Verstellbereich der Magura nahezu mit einer Lupe suchen. Ganze 3 mm Verstellbereich sind unserer Meinung nach so wenig, dass man es sich auch sparen kann. Magura, hier geht mehr!

Die Druckpunktverstellung der MT Trail zeigt kaum Wirkung. 3 mm Verstellbereich halten wir für sinnlos.

Auf dem Trail

Die Vorderradbremse macht ganz Magura MT7-like einen perfekten Job! Unglaublich bissig geht sie zu werke und lässt sich dennoch perfekt dosieren. Ob voll anbremsen, oder zum Hinterrad versetzten gefühlvoll in die Eisen langen ist beides kein Ding. Auch Trails bei denen man gern länger in den Eisen hängt, wie beispielsweise der 17er im Vinschgau, lassen die vordere Bremse unbeeindruckt – und zu unserer Überraschung – auch die hintere! Wir hätten nicht gedacht, dass eine Zweikolbenbremse derartig souverän abliefert! Keine Spur von Fading durch ein Überhitzen des Bremssystemes. Dafür jedoch astreine Dosierbarkeit bei geringen Handkräften.

Auf losem Boden ist eine gute Dosierbarkeit extrem wichtig

Erst der Wechsel zurück auf ein komplett MT7 ausgestattes Bike zeigt, wie viele Graustufen die MT Trail am Hinterrad zwischen offen und Blockade zu bieten hat. Wir fuhren die Bremse zwar mit 203 mm Scheiben an Front und Heck, aber auch eine für gewöhnlich übliche 185 mm Scheibe am Hinterrad sollte nicht viel weniger Standfestigkeit beweisen. Während unseres Tests mit einigen Shuttle-Tiefenmetern im Vinschgau konnten wir keinen übermäßigen Verschleiß feststellen, auch Druckpunktwandern und ein damit nötiges Entlüften stellten sich nicht ein. Die Storm HC Scheiben machten sich weder mit Quietschen bemerkbar, noch verzogen sie sich durch Hitze bei langen Abfahrten.

Gut dosiert macht die Bremsleistung auf dem Trail Spaß und vermittelt viel Sicherheit.

Fazit

Die Magura MT Trail ist für uns eine gelungene Kombination aus vier Kolben am Vorderrad und zwei Kolben hinten. Die Bremskraft ist auf beiden Seiten auf höchstem Niveau und lässt keine Wünsche offen. Durch die HC1 Hebel liegt die Bremse perfekt in einem Finger und lässt sich auch auf langen Abfahrten mit wenig Kraft bedienen. Somit bleiben die Unterarme entspannter und der Armpump wird reduziert. Der Zweikolben Bremssattel im Heck zähmt die gewaltige Bremsanlage und sorgt für wesentlich bessere Dosierbarkeit. Die beiden Nachteile: Zum einen ist der Preis mit rund 580 € für die gesamte Bremsanlage nicht gerade ein Sonderangebot, zum anderen ist die Druckpunktverstellung wenig wirksam. Insgesamt ist die Magura MT Trail eine gelungene Weiterentwicklung aus einer Downhillbremse mit besserer Dosierbarkeit. Die HC1 Hebel dürften jeden Gegner der originalen MT7 Bremshebel überzeugen.

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