Vor kurzem haben wir euch die Kombination aus Box.One Schaltwerk, Box.One Push-Push Shifter und Two.11-46 Kassette in unserem Erstkontakt vorgestellt und sofort zum Testen ans Nicolai ION-G16 geschraubt. Wir haben die Schaltgruppe inzwischen einige Kilo- und Tiefenmeter über die Trails gejagt. Zeit, euch unsere Eindrücke wissen zu lassen.

Wo kann man eine Schaltung am besten testen? Für uns ist der Pfälzerwald genau das richtige – knackige kurze Anstiege, teils flowige oder verblockte Trails bergab.

Montage

Die Montage des Schaltwerkes erfolgte schnell und unkompliziert, hier gab es vor dem Testbeginn keine bösen Überraschungen. Das Schaltwerk wird wie gewohnt am Schaltauge festgeschraubt. Im Anschluss wird die Kette eingelegt und auf das benötigte Maß gekürzt.

Kürzer geht die Kette wirklich nicht…

Wie das Schaltwerk eingestellt wird, erfahrt ihr im Manual von Box Components. Erst den unteren Anschlag einstellen. Im Anschluss den Zug befestigen und aufs größte Ritzel schalten. Auf dieser Position wird nun der obere Anschlag eingestellt. Während die Kette noch auf dem kleinsten Gang liegt, wird der Schaltwerksabstand mit der B-Adjust Schraube auf 5-6 mm Luft zum Kettenblatt justiert. Die Zugspannung wird über die Rändelschraube am Shifter geregelt.

Schön zu sehen, die untere und obere Anschlagsschraube, und weiter oben die Schraube für den Schaltwerksabstand.

Auch die Montage der Two.11-46 Kassette war kein Problem. Die Kassette passt auf alle herkömmlichen Freilaufkörper und lässt damit alle Freiheiten bei der Laufrad-/Nabenwahl. Was uns bei der Kassette jedoch stutzig macht, ist dass diese der Kassette mit gleicher Abstufung, gleicher Optik und absolut identischem Gewicht dem Pendant der Firma Sunrace zu gleichen scheint. Einzig sichtbarer Unterschied ist die schwarze Beschichtung bei dem Produkt von Box Components.

Der Push-Push Shifter wird mit einer einteiligen Schelle montiert. Das heißt, es müssen Bremse und Griffgummi zuvor demontiert werden, bevor die Schelle des Schaltgriffs auf den Lenker geschoben werden kann. Hier kann, wie auch bei Shimano und Sram, über zwei verschiedene Gewindebohrungen zwischen zwei Positionen variiert werden. Der Verstellweg beträgt dabei 10 mm. Um eine für uns passende Hebelergonomie erreichen zu können, mussten wir den Schaltgriff sehr weit nach oben drehen. Mit unserer Magura MT Trail gab es bei der Montage keine Engpässe.

Box Components Push-Push Shifter

Auf dem Trail

Unser erster Eindruck der Box Components Schaltung war überaus positiv! Die Gänge springen beim Betätigen des Shifters sowas von exakt und knackig von einem aufs nächste Ritzel, dass schalten eine wahre Freude ist. Hier hat man bei Box Components wirklich eine extrem präzise Schaltung entwickelt, die in ganz hoher Liga mitspielt. Sogar unter Volllast lassen sich die Gänge wechseln, ohne dass es zu fiesen Kettensprüngen, oder dem Gefühl „hier fliegt einem gleich was um die Ohren“ kommt.
Wir geben zu, anfangs hinsichtlich der Betätigung des Push-Push Shifters eher skeptisch gewesen zu sein. Diese ist nämlich grundlegend anders als gewohnt: Während man in leichtere Gänge wie üblich per Daumendruck nach unten schaltet, müssen die Gangsprünge auf kleinere Ritzel mittels Druck auf den gleichen Hebel, nur eben in Richtung Lenker getriggert werden. Bei der ersten Ausfahrt mit etlichen Griffen ins Leere stellte sich schnell Gewohnheit und das Gefühl einer tollen Ergonomie ein. Auch im Eifer des Gefechts, wenn man voll antreten möchte, lassen sich mehrere Gänge mit zügigen Schaltbewegungen schnell durchschalten.

Nach der Kurve schnell auf dickere Gänge schalten geht superschnell und intuitiv mittels Push-Push Shifter.

Die Riffelung an den Betätigungsflächen ist durch Handschuhe nicht wahrzunehmen und wir gehen von keiner Funktionsverbesserung aus – muss aber auch nicht, der Daumen liegt hervorragend platziert auf dem großen Hebel. Abrutschen? Fehlanzeige.

Am Hebel lassen sich die beiden Betätigungsrichtungen gut anhand der Riffelungen erkennen.

Was uns am Hebel nicht so gut gefallen hat, ist dass die herstellerseitig angegebenen Sprünge von vier Ritzeln in Richtung leichterer Gang zwar möglich, aber eher unpraktisch sind. Der Hebelweg ist dabei so enorm lang, dass man den Lenker beinahe loslassen muss, um den Hebel ganz durchdrücken zu können. Wir haben den Hebel extra weit nach hinten geneigt, aber auch dies hilft nicht wirklich. Praxistauglich sind hier Gangsprünge von zwei Ritzeln, was in der Praxis locker reichen sollte. Lieber zwei mal schnell hinter einander je zwei Gänge schalten, als sich die Hand mit großen Gangsprüngen zu verrenken.

Das Herzstück der Box Components Schaltung ist mit Sicherheit das Box.One Schaltwerk. Bei aller Freude über die Hebelergonomie und die außerordentlich präzisen Schaltvorgänge kommt bei uns hier leider ein wenig Nüchternheit auf. Zum einen ist im Schaltwerkskäfig ab Werk enorm Spiel, was jedoch der Funktion keinen Abbruch zu tun scheint. Der nächste Punkt ist eine fehlende Schaltwerkssperre, welche bei Montage des Hinterrades eine deutliche Erleichterung bringt. Hier scheint Sram patentrechtlich weit vorne zu sein, denn auch bei Shimano gibt es so etwas nicht.

Selbst bei kleineren Steinfeldern klappert die Kette ganz gehörig!

Der letzte Punkt ist die Kettenspannung. Im Grundzustand ist diese schon extrem niedrig! Zieht man von Hand ein Wenig an der Kette und lässt diese los, wackelt der ganze Antriebsstrang wie Opas Wackeldackel im Ascona B auf der Heckablage. Auch der Reibungsdämpfer mit dem Namen „Cam Clutch“ scheint wenig wirksam zu sein. Verglichen mit einem Sram Typ 2 und einem Shimano XT Antrieb hat Box Components hier das deutliche Nachsehen. Auf dem Trail schlägt die Kette so wild, dass wir das Nicolai zum Schutze des Rahmens und unserer Ohren mit einem dicken zusätzlichen Kettenstrebenschutz „aufhübschen“ mussten. Wenn Box Components mit der Schaltung vorn mitspielen möchte – das Potenzial haben sie – muss an Kettenspannung und Dämpfer dringend etwas getan werden. Derzeit empfiehlt der Hersteller die Verwendung mit einer Kettenführung, deren Notwendigkeit wir bestätigen müssen.

Kettenstrebenschutz fürs Nicolai. In der Mitte mussten wir diesen verjüngen, sonst schleift die Kurbel. Nicht schön – aber hilft!

Die Abstufung der Two.11-46 Kassette (11-13-15-18-21-24-28-32-36-40-46) passt in der Praxis sehr gut. Wir finden die Gangsprünge extrem sinnvoll gewählt. Die Kombination mit einem 32er Kettenblatt lässt für uns keine Wünsche offen. Während unser kleinster Gang eine Übersetzung von 32/46 (0,695) erreicht, bleibt die Übersetzung einer Sram 11-fach Gruppe, in Zusammenspiel mit 30er Kettenblatt, etwas strammer: Mit 30/42 (0,714) benötigt man bei dieser minimal mehr Beinkraft im Uphill. Auf dem stärksten Gang wendet sich das Blatt. Bei der beschrieben Sram 11-fach Gruppe kann man mit einer Übersetzung von 30/10 (3,0) minimal länger Kraft auf die Pedale ausüben als mit der Box Components. Diese hat ein maximales Übersetzungsverhältnis von 32/11 (2,91). Je nach Fitness und Einsatzbereich kann die Übersetzung natürlich mittels kleinerer oder größerer Blätter frei variiert werden.

Die Abstufung der Two.11-46 Kassette scheint sehr gut gewählt zu sein.

Verschleiß

Der Hersteller wirbt damit, dass das Schaltwerk komplett, bis auf die letzte Schraube zerlegt werden kann. Dies soll zum einen eine perfekte Möglichkeit zur Reinigung geben, zum anderen sollen alle Teile bei einem Defekt getauscht werden können. Ob man sein Schaltwerk nun wirklich zum Putzen komplett demontieren möchte ist erst einmal fraglich. Technik-Nerds kommen hier jedenfalls voll auf ihre Kosten und bei passender Ersatzteilversorgung kann das Schaltwerk so immer wieder repariert werden – kapitale Schäden durch Kontakt mit Steinen oder Wurzeln mal außen vor gelassen.

Jede einzelne Schraube kann demontiert werden, sogar der Reibungsdämpfer (unter dem orangenen Deckel).

Im Laufe unseres Tests trat an der Schaltung kein vorzeitiger Verschleiß auf. Kurz nach der Montage konnte der sich setzende Zug mittels Einstellschraube am Shifter ausgeglichen werden.

Die Kassette zeigte hingegen nach knapp 200 km und rund 6000 hm schon einige Gebrauchsspuren. Die Beschichtung löst sich großflächig von den meist genutzten Ritzeln ab. Funktionseinbußen jedoch können wir keine feststellen, es handelt sich in erster Linie um die leicht getrübte Optik. Schalten klappt noch immer wie im Neuzustand! Wir würden uns eine etwas haltbarere Beschichtung wünschen.

Die Two.11-46 Kassette zeigt schon nach 2 Monaten deutliche Spuren in der Beschichtung.

Fazit

An der Box Components „Box-One“ Schaltung gefällt uns zum einen die Optik, ein wenig „retro“, aber sehr eigenständig. Zum anderen sind wir von der Ergonomie und dem Bedienkonzept des Push-Push Shifters positivst überrascht. Was uns jedoch am meisten begeistert ist die Präzision, mit welcher die Gänge beim Schalten das Ritzel wechseln. So knackig und auf den Punkt haben wir Gangwechsel sonst an wenig anderen Schaltungen gespürt.
Was uns jedoch nicht gefällt ist die geringe Spannkraft des Schaltwerkes, und auch der Cam-Clutch genannte Reibungsdämpfer scheint den Antrieb in rumpeligem Gelände nicht wirklich zu beruhigen. Ohne Kettenführung und amtlichem Kettenstrebenschutz macht die Schaltung keinen Spaß. Hier muss unbedingt nachgebessert werden, dann ist die Box-One ein Top Produkt und kann ohne weiteres bei „den Großen“ mitspielen.
Ob man davon Gebrauch macht, dass das Schaltwerk komplett de-montierbar ist, bleibt fraglich. Jedenfalls finden wir es gut, dass man Verschleißteile schnell und selbstständig austauschen kann.
Die Beschichtung der Kassette dürfte etwas haltbarer sein, dafür jedoch überzeugt die Gangabstufung sehr. Das Gewicht der getesteten Kombination liegt mit 865 gr. nur circa 30 gr. über dem der aktuellen Shimano XT Gruppe. Preislich gesellt sich die Schaltung mit einem Gesamtpreis von 417 € ziemlich mittig zwischen eine Shimano XT und eine Sram Eagle X01 Gruppe.
Für uns ein gelungener und mutiger Einstieg in die Schaltungswelt! Ein paar Detailverbesserungen und die beiden Komponentenriesen mit S am Anfang bekommen gute Gesellschaft.


Nachtrag

Angeregt durch eine Diskussion auf unserer Facebookseite, wollten wir genau wissen, wie sich die Schaltwerksspannung der Box.One im Vergleich schlägt. Wir haben diese letztendlich messtechnisch, wenn auch rudimentär ermittelt.

Gemessen haben wir die statischen Rückstellkräfte folgender Schaltwerke:

Sram:
– GX (2 Jahre alt): 2,4 Kg
– X9 Typ2 (völlig abgeranzt und zudem kurzer Käfig): 2,1 Kg
– Eagle (2 Monate alt): 3,1 Kg

Shimano:
– XT (1 Wochenende Vinschgau): Satte 5 Kg!!

Box Components:
– Box One: 1,2 Kg

Gemessen haben wir wie folgt:
Die Kette wurde je aufs kleinste Ritzel gelegt, der Schaltwerkskäfig an der unteren Rolle mit einer Präzisionswaage parallel zur Kette gezogen, bis es 90° zur Kette stand. Auf dem Messweg wurde die maximale statische Rückstellkraft abgelesen.
Anzumerken ist, dass die Reibungsdämpfer der Schaltwerke erst im dynamischen Betrieb ordentlich arbeiten. (Die Dämpfung einer Gabel kann man ja auch nicht mit der Waage statisch messen.) Das bleibt also außen vor, es geht erstmal nur um die Schaltwerkskraft.

 

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