Es gibt Situationen in denen Spontanität gefragt ist…
…sowie kürzlich in Livigno. Meine Frau und ich stehen nach zwei Tagen Downhill fahren mit unserem Camper auf dem üblichen Stellplatz in Trepalle und überlegen wo es als nächstes hingehen soll. Die Wetteraussichten für den folgenden Tag schauen eher nach Ausschlafen und Shopping, als nach einem weiteren Tag im Bikepark aus. Ein Ruhetag ist ja auch mal nicht schlecht. Am kommenden Morgen erreicht uns eine SMS unserer Freunde Markus, Marion und Tochter Mena: „Wo steckt ihr? Wir sind in Lac de Tignes! Riesiger Bikepark, tierische Strecken und alle Lifte zum Nulltarif! Kommt vorbei!“ Schnell die Route gecheckt und das Wissen zur Gewissheit gemacht: Eine Tagesreise über drei Pässe, an Mailand vorbei, quer durchs Aostatal und unterhalb vom Mont Blanc Massiv noch weiter gen Süden! Aber es regnet in der Lombardei, also los! „Hey ihr drei, wir machen uns auf den Weg. Sind zum Abendessen da.“

Hochhäuser im hochalpinen
Hochhäuser im hochalpinen

Was ist eigentlich dieses Tignes am Lac? Meine Frau konnte sich aus Ihrer Kindheit noch dunkel an eine Retortenstadt für Wintersportler und pubertierende Franzosen erinnern. Hochhäuser in den Alpen? Nicht gerade einladend für naturverbundene und campingplatzmeidende Camperbesitzer. Egal, einen Versuch ist es wert.
7 Stunden Fahrzeit und rund 500 km Alpenumrundung später rollen wir in Tignes ein, auch hier ist das Wetter nicht besser. Hagel und horizontaler Regen begrüßen uns. Aber gut, immerhin befinden wir uns auf knapp 2.000 m über Meeresspiegel. Nach erneutem Wettercheck und dem Abendessen mit unseren Freunden beschließen wir den nächsten Tag ruhig anzugehen. Obwohl die Smartphone App Trockenheit verspricht regnet es fast die gesamte Nacht durch. Ein großes Plus schon einmal für Besitzer eines rollenden Eigenheims: In Tignes kann man ganz legal auf einem großen Parkplatz übernachten. Wenn man früh kommt hat man sogar die Chance auf einen Stellplatz mit Blick auf Alpen, Golfplatz und Murmeltiere, statt auf wirklich richtig hässliche Retortenhäuser.

Stellplatz - es könnte schlimmer sein
Stellplatz – es könnte schlimmer sein

Die Übernachtung auf dem Platz soll 7 € pro Auto kosten und wird direkt von der Polizei kassiert. Entweder die Jungs kommen vorbei oder haben eben besseres zu tun. Wir hatten lediglich am zweiten Abend einen Zettel am Camper, dass wir EINGELADEN sind, die Gebühr bei der lokalen Polizeistation zu entrichten. Der Einladung sind wir selbstverständlich nachgekommen – noch immer ein sehr fairer Deal!

Das sind alles Bikeparkstrecken!
Das sind alles Bikeparkstrecken!

Der erste Morgen in Tignes. Neben unserem Camper fährt ein Skilehrer in typischer Kluft auf seinem Fahrrad vorbei – ganz vergessen: Oben kann man auf dem Gletscher Skifahren. Also nicht im Winter hängengeblieben und auch kein Blizzard im Anflug!

Das Thermometer zeigt dennoch gerade einmal 14° C an, es ist Anfang August. Immerhin hat es aufgehört zu regnen und der graue Himmel färbt sich zunehmend in tiefes Blau. Die Sonne strahlt in dieser Höhe ziemlich intensiv, sodass der Platz schon recht bald völlig trocken ist. Ein gutes Zeichen für einen spaßigen Downhilltag! Markus und Marion sind die letzten Tage schon einige der Strecken in Tignes gefahren und haben noch immer nicht das gesamte Trailnetz kennengelernt, so groß ist das Gebiet! Es ist ein ungewohntes Gefühl wenn man das Bike einfach zum Lift schiebt ohne zuvor ein Ticket zu lösen. Am Einstieg wird man in der Regel von freundlichem Liftpersonal erwartet, welches das Bike sogar in die Vorrichtungen am Sessellift hebt. Pro Sessel, egal ob 2er oder 4er Lift, ist  nur ein Bike-Halter vorhanden. Aufgrund des wirklich riesigen Gebietes in dem man sich auch gern mal verlieren kann kam es jedoch nie zu einem Stau am Einstieg.

Sessellift mit Bike-Halterung
Sessellift mit Bike-Halterung

Die Strecken:

Ich muss sagen, dass die Ausschilderung der Trails und deren Einstufung absolut vorbildlich ist! Generell wird zwischen Wanderwegen und Trails unterschieden. Hier kann es also nicht zu gefährlichen Situationen und unangenehme Emotionen kommen. Wie im Skigebiet sind die Schwierigkeitsstufen der Trails mit den Farben Grün, Blau, Rot und Schwarz gekennzeichnet.

Getrennte Wege für Bikepark und Wanderer
Getrennte Wege für Bikepark und Wanderer

Auch die einzelnen Strecken an sich sind perfekt ausgeschildert und finden sich auf jedem Streckenplan wieder. Wie sich auf der Karte sehen lässt ist das Trailnetz wirklich riesig!

Tignes Streckenplan (Quelle: http://en.tignes.net/what-to-see-do/do-something/summer/bike-park-tignes/mtb-area)
Tignes Streckenplan (Quelle: http://en.tignes.net/what-to-see-do/do-something/summer/bike-park-tignes/mtb-area)

Grün und Blau

Diese Strecken sind eher für Anfänger geeignet. Hier sind keine bösen Überraschungen zu erwarten. Vorhandene  Anlieger sind super geshaped und vermitteln ein sicheres Gefühl. Es gibt einige kleine Tables und StepUps mit definierten Absprüngen und Landungen. Alles kann umfahren werden. Perfektes Bike: Trailbike oder Enduro.

Auch kleinere haben hier eine menge Spaß! Foto: Markus Bast
Auch kleinere Gäste haben hier eine Menge Spaß! Foto: Markus Bast

Rot

Fortgeschrittene Fahrer finden hier eine Menge Spaß. Die Strecken werden nun deutlich schneller und steiler. Es können auch gern mal Doubles integriert sein, welche man sich zuvor eventuell erst anschauen sollte. Alle Obstacles sind mit Chickenways ausgestattet, welche netterweise meist nicht ins Flowgefühl eingreifen. Highlights: Knapp 1,5 m hohe Highspeed Anlieger mit einem Radius von geschätzt bis zu 7 Metern. Auf den roten Strecken sollte man mindestens mit einem Enduro anrücken. Wir hatten jedoch mit unseren BigBikes den meisten Spaß.

Rote Strecke. Sauber gebauter Kicker und Meeeega Anlieger im Hintergrund
Rote Strecke. Sauber gebaute Kicker und Meeeega Anlieger im Hintergrund

Schwarz

Hier geht es schon ordentlich zur Sache. Weniger geübte Fahrer sollten eher vorsichtig sein oder auf Rot ausweichen. Die Strecken sind teils verhältnismäßig steil und erfordern definitiv etwas mehr Übung im Fahren auf losem Untergrund und in ausgewaschenen Rinnen. Mit dem Enduro geht’s, aber das BigBike ist hier das Mittel zum Zweck.

Highspeedkurven in alpiner Umgebung
Highspeedkurven in alpiner Umgebung. Do you even drift, bro?

Die Sprünge und Drops sind auf den schwarzen Trails in der Regel nicht abrollbar und gern auch mal etwas größer. Am besten nicht blind drauflos kacheln! Unser absolutes Highlight ist der „Kamasutrail“. Hier wechseln sich Steilstücke, loser Untergrund, Drops und Doubles in verschiedenen Größen ab. Oben ist die Strecke wirklich hochalpin, weiter unten gemäßigter.

Zur Krönung stehen im Mittelteil zwei Doubles direkt neben einander. Während der „kleine“ mit 6 m Länge noch recht gut machbar ist, ist sein großer Nachbar mit 12 m schon eine deftige Ansage und sicher nicht für jeden geeignet. Markus muss sich schon ziemlich überwinden das Ding anzugehen, denn selbst für einen erfahrenen Rennfahrer ist das Teil alles andere als alltäglich. Damit sich an diesem Sprung niemand ohne ihn vorher zu checken die Gräten bricht, wird bereits in der Anfahrt die Spreu vom Weizen getrennt. Der Einstieg in die Linie besteht aus einem Northshore- Stepdown mit unwesentlichem Höhenunterschied, aber dafür 2 m Loch zwischen Absprung und Landung und einem Drop am Ende. Wer hier nicht aktiv drüber springt kommt erst gar nicht mit dem nötigen Speed in die Line. Ab dort heißt es: Bremsen auf! Weit auf!

Anfahrt zum 12 m Double
Anfahrt zum 12 m Double

Markus springt als einziger den 12 m Double. Uns bleibt nur staunen und zuschauen. Die Airtime ist schon beachtlich, das Loch zwischen den Hügeln ebenfalls.

Der Sprung ist sicher nicht von jedem zu klären...
Der Sprung ist sicher nicht von jedem zu klären…

Nachdem ich bei diesem Obstacle dankend abwinke, musste es wenigstens der kleinere Sprung sein. 6 Meter sind jedoch 6 Meter, die werden auch nicht weniger wenn ein Profi nebenan die doppelte Entfernung abreißt.

Auch auf Kurzdistanz macht es Spaß
Auch auf Kurzdistanz macht es Spaß

Markus zeigte mir den Punkt ab welchem ich die Bremsen auflassen muss und ich ziehe direkt beim ersten Versuch durch. Geiler Mist! Am Ende stellen wir fest, dass die Sprünge und Anfahrten so gut gebaut sind, dass man ab einem ziemlich klaren Punkt laufen lassen kann. Weder beim kleinen, noch beim großen Sprung musste vorher in die Pedale getreten, oder die Bremse gezogen werden. Well shaped! Wir haben beide an dem Tag unsere größten Doubles abgehakt – jeder in seiner Dimension.

Unglaublichen Spaß für die gesamte Familie hat auch ein StepUp gebracht. Bei diesem muss man einen knapp 100 m langen Anlauf fast ungebremst herunterballern, um dann am Ende fast senkrecht hinauf, nahezu schwerelos auf eine Wiese katapultiert zu werden. Solche Stunts sind echt nett, denn das Risiko ist im Verhältnis zum Spaß eher gering.

Anfahrt zum StepUp
Anfahrt zum StepUp, Mena machts vor!

Viel falsch machen kann man da wenig. Zu schnell ist fast nicht machbar und zu langsam angefahren bleibt man einfach am Absprung kleben.

Erst Kompression, dann Schwerelosigkeit
Erst Kompression, dann Schwerelosigkeit

Im Bikepark gibt es über die schwarze hinaus noch eine doppelt schwarze Strecke mit dem Namen Scarefresse. Keine Ahnung wie es genau übersetzt wird, aber wir finden das „Vor Schreck eingenässt“ recht passabel klingt. Die Line ist schon echt nicht ohne. „Kurze Anfahrt, HipJump aus einem Holzelement in einen Anlieger und dann ein 5 m Double“ sah genauso beängstigend aus wie ein 3 m hoher Drop mit Landung ganz weit weg. Die aufgestellte Fahne weht fast waagerecht. Wind ist immer ein guter Grund kein Risiko einzugehen, so brauchen Markus und ich wenigstens unseren Frauen gegenüber keine Ausreden zu erfinden.

Am nächsten Tag machen wir uns auf eine Enduro-Tour mit dem namen „Into the wild“. Es wurde uns versichert dass diese exakt Null Höhenmeter hat und aufgrund der groben Brocken auch gern mit dem BigBike gefahren wird. Dies ließen wir uns nicht zweimal sagen und haben uns in voller Montur auf den 2.800 Meter hohen Borsat liften lassen. Die ersten Meter führen noch auf einer blauen Bikeparkstrecke hinab, bis der Trail rechts abbiegt. Bereits nach kurzer Zeit ist uns klar, dass Null Höhenmeter nicht ganz hinkommt und finden uns auf einem ansteigenden Singletrail schiebend wieder. Bald jedoch schon geht es bergab – eine Abfahrt bis zur Talstation in Val D’Isère – auf breitem Schotterweg! Die Aussicht auf den gegenüberliegenden Berg ist zwar mehr als überwältigend, rettet aber über das eher ausbleibende Fahrvergnügen nicht wirklich hinweg.

Der Knaller erwartete uns jedoch in der großen Gondel zurück Richtung Tignes. Hier stehen in der Mitte der Kabine sogar Bikeständer in welchen sich die Bikes einfach hineinschieben lassen. Man hat sich wirklich völlig auf Mountainbikes eingestellt. Dies finden wir ebenso vorbildlich, wie auch dass wir an beiden Tagen ständig irgendwo Streckenbau Teams beim ausbessern der Strecken und Entfernen von Bremswellen angetroffen haben! Hallo Leogang, liest du mit?

Gondel mit Fahrradständer
Gondel mit Fahrradständer

Wer nun meint, in einer Wintersportretortenstadt liegt im Sommer der Hund begraben, liegt ganz arg daneben. Uns schien als wäre Tignes das Queenstown der französischen Alpen. Unten am See herrscht stets ein riesen Getümmel. Hier kann man nicht nur die Chance ergreifen sich ein Commencal Bike zu leihen und mit über die Trainingshose gestreifter Fullprotection den Bikepark zu „rocken“. Man kann sich auch auf verschiedene Art auf, über, und in´s Wasser des Lac´s begeben. Es gibt zum Beispiel einen Megablob: Man liegt erst auf einem überdimensionalen, länglichen Luftkissen auf dem Wasser. Ein anderer springt vom Sprungturm auf das andere Ende und katapultiert dich hoch in die Luft. Der folgende Aufprall im Wasser ist mehr oder weniger kontrolliert. Auch diverse Arten von Wasserrutschen, für Kinder in harmlos, für Erwachsene mit Kicker und Helmpflicht sind zu finden. Außerdem gibt es einen exzellenten Skatepark und natürlich für die Beginner auf dem Mountainbike einen Übungsparkur. Tennis und Golf können ebenfalls gespielt werden.

Wo Licht, da auch Schatten: In den Restaurants des Dorfes finden wir zwar leckere Gerichte, aber auch gesalzene Preise. Je ein großes Bier und Pizza für zwei Personen schlägt gern mal mit einer Rechnung von 40 € zu Buche. In Anbetracht der kostenlosenen Lifte ist dies noch zu verschmerzen, aber man hätte ja auch im Camper kochen können.

Pizza - nicht günstig, aber dafür auch nicht so gut wie in Italien!
Pizza – nicht günstig, aber dafür auch nicht so gut wie in Italien!

Am letzten Morgen, kurz vor 8 Uhr: Lautes Gehupe, alles springt aus den Campern. Ein Zirkus rollt mit duzend Lastwagen auf den Stellplatz. Es wird gestikuliert und diskutiert. Wir schauen uns das Spektakel aus der Entfernung an. Letztendlich wird der Platz geräumt und der Zirkus baut unter ohrenbetäubender Kirmesmusik das Zelt auf. Es ist Zeit zu gehen. Nächster Halt: Pila!!!

Fazit:

Unser Trip nach Tignes hat sich mehr als gelohnt und das nicht nur weil die Lifte kostenlos genutzt werden können. Wir waren erstaunt das die Trails dort nicht überlaufen und zerbombt sind. Auch ist uns sehr positiv aufgefallen, wie man sich in dem französchen Touristendorf auf Mountainbiker eingestellt hat. Dies und auch die Trailpflege sind überaus vorbildlich! Wir werden auf jeden Fall wiederkommen und die übrigen Strecken erkunden. Zwei Tage reichen dafür bei weitem nicht aus. Tignes liegt je nach Route auf dem Weg nach Finale Ligure. Ein Zwischenstop lohnt!

Fahrer: Markus, Marion & Mena Bast; Thorsten & Mina Illhardt
Text: Thorsten Illhardt
Fotos: Thorsten & Mina Illhardt; Markus Bast

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