Anfang des Jahres haben wir euch das Liteville 601 MK3 vorgestellt und es damals als „echten Kracher“ angekündigt. Seitdem gilt es herauszufinden, ob wir da nicht den Mund etwas zu voll genommen haben oder ob das 601 dem sehr guten Ruf gerecht wird. Dazu haben wir einiges an Kilometer auf dem 601 zurückgelegt. So waren wir beispielsweise in den Vogesen Bikestolpern, in Winterberg haben wir Bikeparkluft geschnuppert, im Pfälzer Wald, Odenwald oder Nahetal wurde das Liteville auf seine Tourentauglichkeit getestet und immer mal wieder waren wir auf den Strecken des Flowtrails Stromberg sowie dem neuen Gravity Trail am Schläferskopf in Wiesbaden unterwegs.

Geometriewerte
Geometriewerte

Auch wenn die Geometriewerte es schon ankündigen, waren wir sehr überrascht, wie kurz das 601 ist, als wir das erste Mal auf ihm Platz genommen haben. Das „kurz“ bezieht sich dabei auf den Hauptrahmen bzw. den Reach (411 mm). Verstärkt wird das ganze durch den Lenker, einem Syntace Vector Carbon High10, mit einem Backsweep von 12°. Diesen haben wir nach einigen Touren gegen einen breiteren Lenker (780 statt 760 mm) mit nur 8° Kröpfung getauscht. Durch den breiteren Lenker hatten wir noch mehr Kontrolle über das Bike und die geringere Kröpfung hat uns ein wenig mehr Bewegungsspielraum auf dem Rad gegeben, insbesondere für die Knie.

Auffällig ist auch das niedrige Cockpit. Unser Testfahrer Philipp hat zwar eine Vorliebe für eine tiefe Lenkzentrale, da es so leicht ist, ordentlich Druck auf dem Vorderrad zu erzeugen, aber das Cockpit der 601 Werksmaschine war schon gewöhnungsbedürftig niedrig.

Uphill

Wer kommt schon auf die Idee mit einem Radl, welches 190 mm Federweg am Heck und 180 mm an der Front besitzt auf ausgedehnte Touren in alpinem Gelände zu gehen, geschweige denn damit auch bergauf zu fahren? Die Optik der Oversized Bauweise des Rahmens und der dicken Walzen trägt auch nicht gerade dazu bei. Liteville macht‘s dennoch möglich. Setzt man sich auf das 601, merkt man, dass es sich bergauf erstaunlich effizient pedalieren lässt. Der schier endlose Federweg verhielt sich verhältnismäßig unauffällig. Ging es auf Trails hinauf, sorgte der Hinterbau in Verbindung mit den 2,5“ breiten Reifen für massig Traktion. Ein höherer Rollwiderstand war nicht zu spüren. So war es möglich auch leicht ausgesetzte Pfade hoch zu fahren. Bedingt durch die hohe Tretlagerposition (mindestens 356 mm), sind wir zudem selten bis gar nicht mit den Pedalen aufgesetzt und somit nicht aus dem Tritt gekommen.

Entspannt bergauf
Entspannt bergauf

Auf Forst- oder Asphaltwegen war dies dann schon anders und der Rollwiderstand machte sich nicht nur durch höhere Laufgeräusche bemerkbar.

Die Übersetzungsbandbreite des 1×11-Antriebes mit einem 30er Kettenblatt sowie der Kassette mit Ritzel von 10 – 42 Zähnen ist für Touren im Mittelgebirge vollkommen ausreichend. Auch bei längeren Rampen bergauf kamen wir äußerst selten an unsere Grenzen. Muss man doch mal aus dem Sattel, trifft auf das 601 das zu, was für die meisten Fullys gilt: für den Wiegetritt bergauf sind sie nicht gemacht, wenn man keinen Lockout hat. Dies können wir in diesem Fall aber verschmerzen.

Zur Not wird geschultert
Zur Not wird geschultert

Denn wenn es mal zu steil oder verblockt wurde, dann schulterten wir das Liteville 601 einfach. Mit leichten 13,5 kg war dies zwar schweißtreibend und anstrengend, aber Schwerstarbeit war es nicht.

Die Pflicht ist geschafft, kommen wir zur Kür – dem Downhill

In der Vorstellung des 601 hatten wir davon berichtet, dass man mit Hilfe eines Schlittens in fünf Stufen (-2; -1; 0; 1; 2) den Steuerrohr- (64,3° – 65,5°) und Sitzrohrwinkel (72,5° – 73,7°) sowie die Tretlagerhöhe (356 – 369 mm) verändern kann. Während wir im Mittelgebirge meist in einer Einstellung (Stellung 0 = 64,9°) bergauf und -abgefahren sind, haben wir diese Möglichkeit der Verstellung bei langen Anstiegen und anschließend langen Abfahrten gerne genutzt. Dank des gut durchdachten Systems ging das schnell und präzise auf dem Trail von der Hand. In der niedrigsten Tretlagerposition fällt auch der Lenk- sowie der Sitzwinkel recht flach aus. Daraus resultiert, dass das Vorderrad bergauf nervös wird und die Tendenz zum Steigen hat, weshalb wir dafür eine eher steile Einstellung nutzten (Stellung 0 bzw. 1). Außerdem konnte so mehr Druck auf das Pedal erzeugt werden.

Geometrieverstellung
Geometrieverstellung

Aber gerade in schnellen, steilen und verblockten Abfahrten bzw. im Bikepark waren wir von der flachsten Einstellung (-2) begeistert. In Kombination mit der gut funktionierenden Formula 35 Gabel sowie den sehr breiten Reifen stellte sich das 601 als ein schluckfreudiges Biest dar, welches so einige Fahrfehler verzieh und Wurzelteppichen jeden Schrecken nahm.

In langsamen, steilen und technischen Abfahrten sowie auf Touren im Mittelgebirge stellten wir den Lenkwinkel ein wenig steiler (0 oder 1) ein. In langsamen Kurven war das 601 mit flachem Lenkwinkel etwas kippelig, was wir mit der etwas steileren Einstellung korrigieren konnten. Überhaupt wusste das 601 in technischen Abfahrten (manche nennen es auch Bikebergsteigen oder Stolperbiken) absolut zu begeistern. Dank der breiten Felgen und der 2,5“ dicken Schwalbe Schlappen konnte mit relativ wenig Luftdruck gefahren werden, was dem ohnehin schon sehr guten Grip perfekt zu Gesicht stand. So vermittelt das 601 dem Fahrer auch in anspruchsvollem Terrain volle Kontrolle. Spielend einfach ließ sich zudem das Hinterrad versetzen. Die Federgabel stand dabei hoch im Federweg und der Hinterbau mit dem Rock Shox Vivid Air sorgte für ein ruhiges Rad, so dass man sich ganz auf seine Linie konzentrieren konnte.

Generell lässt sich sagen, dass das Fahrwerk, bestehend aus Formula 35 mit 180 mm Federweg und dem Rock Shox Vivid Air einen sehr guten Job macht.

Die Formula 35 (Modelljahr 2015) spricht sehr sensibel und fein an, sackt aber nicht durch, sondern ist deutlich progressiv gegen Ende der Kennlinie. Geschuldet ist dies dem Dual Coil System, welches für die ersten Zentimeter des Federwegs eine Stahlfeder verwendet, bevor die Luftfederung greift. Zu sagen ist hier, dass die Feder nicht in einem anderen Härtegrad verbaut werden kann. Ansonsten lässt sich an der Formula der Rebound, auf gut deutsch Zugstufe, sowie die Druckstufe einstellen. Auch ein Lockout stellt die Gabel zur Verfügung. Wer die Kennlinie anpassen möchte, kann dies mit Hilfe von Balistolöl machen. Vom Prinzip her ist dies das gleiche wie mit Volumen Spacern nur, dass es mit Öl noch feiner geht. Bis zu 12 ml Öl kann in die Luftkammer gegeben werden. Mit ihren 35 mm breiten Standrohren ist die Italienerin genauso bestückt wie eine Pike und legt auch eine ähnlich gute Spurtreue an den Tag.

liteville_action-6

Der Hinterbau in Verbindung mit dem Rock Shox Vivid Air verrichtet seine Arbeit sehr unauffällig. Alles was von ihm gefordert wird, erledigt er ohne Murren. Wie oben bereits erwähnt, fährt sich das 601 relativ antriebsneutral und sorgt für ordentlich Grip am Hinterrad. Grobe Schläge entlocken dem 601 lediglich ein müdes Lächeln. Das Feedback des Hinterbaus ist gut.

Geht auch gut durch die Luft
Geht auch gut durch die Luft

Einzig auf flowigen Trails mit geringem Gefälle fühlt sich das 601 nicht wirklich heimisch. Für diese Art von Terrain ist der Bolide aus dem Allgäu unserer Meinung nach etwas überdimensioniert. Dafür fehlt es der Werksmaschine an Spritzigkeit und auch an Agilität. Was einerseits dem vielen Federweg aber sicherlich auch den breiten Reifen zugeschrieben werden kann.

Bezüglich des Grips haben wir die dicken Walzen des 601 schon gelobt. Möglich machen dies die 40 mm breiten Syntace W40 Laufräder in Kombination mit den eigens für Liteville angefertigten 2,5“ breiten Magic Marry von Schwalbe aus. Vorne sind wir je nach Untergrund und Terrain mit einem Luftdruck von 1,5 und 1,8 bar gefahren. Hinten hatten wir meist zwischen 1,6 und 2,0 bar auf den Reifen. Die Vorteile der breiten Reifen sind neben dem Grip, vor allem die Eigendämpfung und das fehlerverzeihende Fahrverhalten. Lediglich das Feedback vom Untergrund geht dadurch etwas verloren.

RockGuard
RockGuard

Was uns sehr erfreut hat, ist der Schwaltwerksschutz. Er bettet sich harmonisch in das Erscheinungsbild des 601 ein und weiß funktionell voll und ganz zu überzeugen. Den ein oder anderen Kratzer hat der RockGuard abgefangen, welche sonst das Schaltwerk kassiert hätte.

Wir werden die Liteville 601 MK3 Werksmaschine jetzt noch bis zum Ende des Jahres für euch fahren und versuchen ordentlich Kilometer zu sammeln. Auch werden wir bis dahin noch das ein oder andere am Rad ausprobieren, um euch letzten Endes ein passendes Abschlussfazit präsentieren zu können. Wir wollen den Tag nicht vor dem Abend loben, aber bislang sind wir mit dem 601 mehr als zufrieden.

 

Kommentar verfassen