Ein Jahr ist genau die richtige Zeit, um ein Bike ganz genau kennen zu lernen. Seine Stärken, aber auch seine Schwächen zu finden, sich vielleicht Gedanken zu machen was man ändern könnte. Das Tyee von Propain Bikes musste in unserem Dauertest ein Jahr lang zeigen, was es konnte. Und es konnte und kann sehr viel, das sei bereits verraten. Aber fangen wir von vorne an.

Das Tyee in RAW ist optisch fast schon als zeitlos zu bezeichnen
Das Tyee in RAW ist optisch fast schon als zeitlos zu bezeichnen


Im April 2014 konnten wir unser Tyee in Empfang nehmen. Das machten wir nicht einfach irgendwo, sondern im Rahmen einer Propain Friends Aktion mitten im schönen Vinschgau, genauer in Goldrain. Denn es gibt in unseren Augen kaum eine bessere Umgebung als alpines Gelände, um ein Enduro auf Herz und Nieren zu testen. So tastete man sich als Fahrer langsam an das Bike heran, fasste sehr schnell Vertrauen, stellte das Fahrwerk auf seine Vorlieben ein und fuhr auf schier endlosen Trails vier Tage lang das Tyee ein. Vier Tage machen aber noch kein ganzen Jahr, also begleitete uns das Tyee auf diverse Ausflüge im Mittelgebirge und Besuche in Bikeparks.

Die Geo des Tyee ist abwärts orientiert, bietet aber trotzdem einen Kompromiss für Touren. Gerade in unserem heimischen Mittelgebirge gibt es viele knackige, kurze Anstiege, bei denen ein Enduro zeigen kann ob es mehr leistet als „nur“ schnell bergab. Und genau das macht das Tyee auch, denn auf keiner unserer Ausflüge vermissten wir zum Beispiel einen längeren Vorbau, damit das Vorderrad nicht bei steilen Anstiegen steigt. Leichte Gewichtsverlagerung führte hier immer zum Erfolg. Allerdings merkte man durchaus die knappen 15 Kilo der Konfiguration unseres Tyee 2, denn längere Anstiege verlangten dem Fahrer ordentlich Kondition ab. Um dem Ganzen entgegen zu wirken verfügt unser Tyee über eine 2×10 Schaltung von SRAM, um einfach eine größere Bandbreite an Gängen zur Verfügung zu stellen.


Die Position des Fahrer ist gut im Bike integriert und vermittelt schnell Sicherheit. Bergauf nimmt man eine angenehme, leicht aufrechte Position ein, um optimal die Kraft in die Pedale zu bekommen. Das 785mm breite Sixpack Cockpit sorgt dafür, dass die Front in Kombination mit dem 50mm Vorbau bei langsamen Anstiegen nicht unruhig wird. Wenn man an den Punkt kommt, an dem man im Sitzen nicht mehr viel bewegen kann und zum Wiegetritt wechselt, wippt der Pro 10 Hinterbau leicht. Der verbaute Monarch+ bietet 3 voreingestellte Druckstufen, um einen schnellen Wechsel je nach Fahrstil zu ermöglichen. Zwar ist in der Position „Lock“ noch spürbare Bewegung im Hinterbau und es geht Energie verloren, jedoch liegt diese vollkommen im Rahmen. Am Gipfel angekommen zeigt sich das wahre Potential des Tyee. Monarch+ auf Stellung „Open“, Reverb versenken und dann kann der Spaß beginnen.

Ob flowige Trails oder richtig ruppiges Gelände, das Tyee ist hier voll in seinem Element. Der Pro 10 Hinterbau arbeitet sehr feinfühlig und schluckt mit dem Rockshox  Monarch+ im Mid Tune sämtliche Unebenheiten souverän weg. In Kombination mit den 650b Laufrädern ergibt sich so ein sehr harmonisches Fahrwerk, welches viel Feedback an den Fahrer zurück gibt. Man fühlt sich einfach sicher und beginnt schnell mit dem Tyee auf den Abfahrten zu spielen. Die verbaute Pike nutzt nahezu 90% des vorhandenen Federwegs ohne aber mehr Federweg zu vermissen. Wer es etwas progressiver mag kann die von Rockshox erhältlichen Tokens verbauen, was in unserem Fall mit einem Fahrergewicht von 85kg aber nicht notwendig war. Das Tyee fährt sich sehr agil und linientreu, bleibt auch bei höheren Geschwindigkeiten stabil sowie berechenbar und befolgt Lenkimpulse des Fahrers präzise. So wünscht man sich ein potentes Enduro für den Trail. Kleine Kicker im Gelände nimmt man gerne mit und wenn man die Linie doch mal versaut, kann man sich jederzeit auf die Bremskraft der Trail X9 von Avid verlassen. Eine gelungene Umsetzung von bergauf Performance mit sehr guten bergab Qualitäten haben die Jungs aus Ravensburg mit dem Tyee auf die Beine gestellt.


Wer wie wir gerne einen Abstecher in einen Bikepark macht, wird sich unweigerlich die Frage stellen: „Kann das Tyee hier mithalten?“ Kurz und knapp: Ja, kann es. Gerade auf den Freeride Strecken von Willingen und Winterberg hatten wir enorm viel Spaß mit dem Tyee. Selbst größere Sprünge stellten kein Problem dar, da das Fahrwerk mit 160mm genug Federweg zur Verfügung stellt. Die stabile Rahmenkonstrukion macht einiges mit und das Tyee erhielt nicht umsonst eine Parkfreigabe von Propain.

Kann man das Tyee überwiegend für Touren benutzen? Natürlich kann man mit einem Enduro wie dem Tyee Touren fahren. Hier ist eben auch die Übersetzung ein nicht unwichtiger Faktor. Wenn man allerdings ausschließlich auf AM Touren unterwegs ist und nur ab und an mal flowige Trails fährt, gibt es andere Optionen, die sich in unseren Augen besser eignen.

Kritik erntet von uns am Ende eigentlich nur die Konstruktion des Hinterbaus. Das Pro 10 System von Propain arbeitet wie bereits beschrieben sehr gut. Der Hinterbau ist allerdings kompakt gebaut und kann nicht mit jedem Dämpfer bestückt werden. Unser Versuch einen Cane Creek DB Air zu verbauen scheiterte an den Abmessungen des Dämpfers. Zusätzlich erschwert die Konstruktion das Reinigen des Dämpfers und auch die Zugstufenverstellung ist fummelig zu bedienen. Das Ventil zum Befüllen des Monarch+ befindet sich hinter dem Kettenblatt, hier schafft ein Winkeladapter aus dem Zubehör Abhilfe. Wer sich Gedanken um das Thema Verschleiß macht, der sei beruhigt. Von üblichem Verschleiß des Mountainbike Sports abgesehen, überzeugten uns die von Propain verwendeten Lager für den Hinterbau bis zum Schluss. An diesen neuralgischen Stellen des Rahmens konnten wir auch nach Beendigung des Dauertests kein Spiel feststellen.

Fazit:
Ein sehr gelungenes Gesamtkonzept erhält man, wenn man sich für das Tyee entscheidet. Die Option sich bei der „Free“ Variante richtig auszutoben was die Komponenten angeht ist gut, vor allem wenn man seine Wunschkonfiguration im Kopf hat, sich aber nicht selber an einen eigenen Aufbau traut. Für alle anderen gibt es fertig konfigurierte Versionen, die mit sinnvoller Komponentenauswahl aufgebaut sind.

Der Hinterbau ist kompakt gebaut und sorgt so für eine fummelige Bedienung des Dämpfers und mehr Zeitaufwand beim Service. Das Pro 10 System zieht sich so durch alle Modelle von Propain. Man muss es mögen und sich darauf einlassen, dann überwiegen die Vorteile dieses Systems.

Wenn man von diesem Kritikpunkt absieht oder ihn einfach nicht gewichtet, erhält man einen sehr gut funktionieren Hinterbau mit viel Feedback für den Fahrer. Der Rest der Komponenten des Tyee ist sinnvoll gewählt und ergibt ein sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis von knapp 2.750 Euro für die Variante 2. Für diesen Preis erhält man ein gelungenes Enduro mit angemessenem Tourenpotential, ein sehr gutes Trailbike und genug Reserven für den gelegentlichen Einsatz im Bikepark.

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